ADHS Generation Ritalin
Tagesthema ADHS: Wie wirkt Ritalin? Wie ist es, unter ADHS zu leiden? Betroffene, Eltern und Kinder berichten.
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- Die Diagnose ADHS trifft immer mehr Kinder und Jugendliche. (picture alliance | dpa | Julian Stratenschulte)
ADHS - diese vier Buchstaben stehen für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. In den vergangenen zehn Jahren wurde die Diagnose ADHS bei Kindern immer häufiger gestellt. Um die Krankheit in den Griff zu bekommen, werden viele von ihnen mit Ritalin behandelt. Eine neue Studie aber zeigt: Der Stempel ADHS wird oft nach groben Faustregeln verteilt - nicht nach anerkannten Diagnosekriterien - und ist damit falsch.
Sie rutschen auf dem Stuhl herum, können keine drei Zeilen am Stück lesen und lassen sich von jeder Biene ablenken, die vorbei fliegt. Kinder, die sich nicht konzentrieren können und den ganzen Tag hektisch herumhampeln, gelten schnell als ADHS-verdächtig.
Ruhe dank Ritalin
Mit der Diagnose ADHS geht in vielen Fällen die Behandlung mit dem Medikament Ritalin einher. Der darin enthaltene Wirkstoff Methylphenidat soll Unruhe dämpfen und die Konzentrationsfähigkeit steigern. Jungen und Mädchen, die das Medikament bekommen, werden plötzlich vom Zappelphilipp zum braven Kind, das auf dem Sofa liegt und ein Buch lesen kann. Mit der Zunahme von ADHS-Diagnosen ist auch die Verschreibung von Ritalin gestiegen: 1993 waren es noch 34 Kilogramm pro Jahr in Deutschland, 2010 wurden bereits 1,8 Tonnen verschrieben - mehr als 50-mal so viel wie vor 20 Jahren.
Diagnose nach Faustregeln
Gespräch mit Silvia Schneider, Leiterin des Bereichs Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum
Keine Konzentration, ständiges Herumgehibbel? Die Diagnose ADHS betrifft häufig Jungen. (Nic Stage | Flickr | cc-by-nc-sa 2.0)Mediziner und Psychologen sind uneinig darüber, ob sich die Krankheit ADHS tatsächlich ausbreitet. Eine aktuelle Untersuchung von Bochumer und Baseler Forschern zeigt: ADHS wird zu häufig diagnostiziert. Besonders Jungen seien davon betroffen.
Für die Studie haben Psychotherapeuten und Psychiater Kinder und Jugendliche befragt. Heraus kam, dass bei der Diagnose oft nur mit Faustregeln - sogenannten Heuristiken - gearbeitet wurde, nicht mit den anerkannten Diagnosekriterien. Von den Fehldiagnosen seien vor allem Jungen betroffen - weniger Mädchen.
Silvia Schneider spricht bei DRadio Wissen darüber, ob ADHS eine Modediagnose ist - und worin die Schwierigkeiten bestehen, bei Kindern ADHS festzustellen.
ADHS - die erfundene Krankheit
Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech
Der Kinderpsychiater Leon Eisenberg gilt als wissenschaftlicher Vater von ADHS. (Bachrach Photographers | Wikimedia Commons | cc-by-sa-3.0)Bei Kinderärzten gilt ADHS als Krankheit mit genetischer Ursache. Das Medikament Ritalin soll dagegen helfen, unter anderem weil es die Konzentrationsfähigkeit steigert. Der Kinderpsychiater Leon Eisenberg gilt als wissenschaftlicher Vater von ADHS. Er starb im Jahr 2009.
Vor seinem Tod hatte er sich allerdings von der These distanziert, ADHS sei genetisch bedingt. Er fühlte sich falsch verstanden und sprach im Zusammenhang von ADHS von einer "konstruierten Krankheit". Dass das Medikament Ritalin dagegen wirke, sei kein Beweis dafür, dass es ADHS aufgrund von genetischen Defekten gebe. Vielmehr schlug er vor, bei ADHS andere Therapieformen anzuwenden und den sozialen Aspekt stärker in die Behandlung einzubeziehen.
Jörg Blech, Redakteur beim Spiegel, hat Leon Eisenberg vor dessen Tod getroffen.
ADHS wird immer häufiger diagnostiziert
Gespräch mit der DRadio-Wissen-Statistikerin Katharina Schüller
Ritalin - ein Medikament, das vor 20 Jahren viel seltener verschrieben wurde als heute. (tonx | Flickr | cc-by-nc-sa-2.0)ADHS wird in der klinischen Praxis immer häufiger diagnostiziert, auch das Medikament Ritalin wird häufiger verschrieben als früher, heißt es. Nach einer Studie der University of British Columbia gibt es einen klaren Trend: Je später ein Kind im Jahr geboren wurde, umso größer war die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose. Die Forscher konnte allerdings nicht prüfen, wie viele der Diagnosen zutreffend waren und wie viele nicht. Die Studie der Ruhr-Universität Bochum kommt zum Schluss, dass bei jedem sechsten Kind ADHS fälschlicherweise diagnositiziert wurde.
Die Techniker Krankenkasse teilte für ihre Versicherten mit, dass in den vier Jahren zwischen 2006 und 2010 die Verschreibungen für ADHS-Medikamente bei 6- bis 18-Jährigen um 30 Prozent angestiegen seien.
Schlechtes Gewissen - mit und ohne Ritalin
Ein betroffener Vater berichtet
Ritalin - ja oder nein? Eltern von Kindern mit ADHS plagt in dieser Frage das schlechte Gewissen. (TK_Presse | flickr | CC BY-NC-ND 2.0)Eltern von ADHS-Kindern gelten schnell als Rabeneltern. Das ist falsch. Denn dem Problem ihrer Kinder stehen sie manchmal ohnmächtig gegenüber. Nicht selten zerbricht eine Ehe an der Frage, wie dem betroffenen Kind am besten geholfen werden kann.
"Wir haben viele Monate gewartet. Und es gab nur einen Grund, ihm Ritalin geben zu wollen: Das waren die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen. Damals herrschte noch ein großes Unverständnis in Sachen ADHS", sagt ein betroffener Vater. Viele Lehrer seien davon ausgegangen, dass ihr Schüler schlecht erzogen sei. Die Kehrseite der Medaille seien die depressiven Zustände des Kindes gewesen, wenn die Wirkung von Ritalin nachgelassen habe, erzählt der Vater. Daraufhin habe die Familie die Behandlung mit dem Medikament eingestellt und nach anderen Wegen gesucht.
Kokain für Kinder
Gespräch mit dem Pharmakologen Kay Brune
Ritalin stellt Kinder ruhig und wirkt dabei wie Kokain. (Jared Rodriguez|Truthout | Flickr | CC BY-NC-SA 2.0)Methylphenidat ist der Wirkstoff im Medikament Ritalin. Der Amphetamin-Abkömmling wirkt ähnlich wie Kokain: An den Übergängen der Nervenzellen wird dafür gesorgt, dass weniger Dopamin und dafür verstärkt das Stresshormon Adrenalin ausgeschüttet wird. Kinder und Jugendliche können Unwichtiges dann leichter ausblenden und lassen sich weniger ablenken. Genau verstanden ist die Wirkungsweise allerdings noch nicht.
Ein Mitarbeiter des Schweizer Unternehmens Ciba hatte 1944 den Stoff hergestellt und gemeinsam mit seiner Frau Marguerite, Spitzname "Rita", im Selbstversuch getestet. Sie soll begeistert gewesen sein, wie sich ihr Tennisspiel nach der Einnahme verbesserte - daher der Name "Ritalin".
Wenn das Alien-Monster aus den Kulissen springt
Die Schriftstellerin Kathrin Passig nimmt seit zwölf Jahren Ritalin
Die Schriftstellerin und Autorin Kathrin Passig (Matthias Bauer | Flickr | cc-by-sa-2.0)Kathrin Passig ist Journalistin und Buchautorin. Eines ihrer Bücher heißt: "Dinge geregelt bekommen - ohne einen Funken Selbstdisziplin". Darin beschreibt sie auch, wie Ritalin wirkt. Seit mehr als zwölf Jahren nimmt sie Ritalin - ganz legal - gegen ihre Schlafkrankheit. Ohne Ritalin dürfte sie gar nicht Auto fahren.
Passig schätzt die konzentrationsfördernden und antriebsteigernden Nebenwirkungen der Substanz. Viele der Argumente gegen eine Freigabe des Medikaments hält sie für unbegründet. Ritalin verändere nicht die Persönlichkeit, fresse keine Löcher ins Gehirn und sei auch kein wettbewerbsverzerrendes Gehirndoping, sagt sie. Vielmehr helfe es, gute Ideen zu haben und diese umzusetzen. Aber auch Passig nimmt Ritalin nicht täglich, denn das sei viel zu anstrengend, sagt sie. Die Wirkung des Medikaments vergleicht sie mit dem Moment im Kino, wenn das Alien-Monster aus den Kulissen springe.
"Ich kann sehr gut damit leben"
Ein 16-Jähriger schildert seinen Umgang mit ADS
Pillen, die den Alltag möglich machen. (Steve Smith | Flickr | CC BY-NC 2.0)Nils, 16 Jahre, Realschüler aus Lüdinghausen in Nordrhein-Westfalen, hat ADS. Diagnostiziert wurde die Störung schon in der Grundschule, seitdem nimmt er Medikamente. Nils' Bruder hat ebenfalls ADS, wie auch die Mutter.
Zur Unterscheidung: Kinder, die am ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) leiden, sind eher nach innen gerichtete "Träumer". ADHS-Kinder gelten hingegen als hyperaktiv: Sie sind äußerst unruhig und haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang.
Nils ist ein Kämpfer: Obwohl am Anfang die Tabletten-Therapie nicht richtig eingestellt war, ist er dabei geblieben. An die Pillen hat sich Nils längst gewöhnt, täglich nimmt er morgens eine Tablette mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Er ist ehrgeizig: er möchte einen möglichst guten Realschulabschluss machen und sich dann weiterbilden. Sein großer Traum: Schauspiel und Musik, einen Bürojob kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen, es muss etwas Künstlerisches sein. Sein Fazit zu ADS: Er könne gut damit leben.