Mittwoch, 19. Juni 2013

Meine Zukunft /

Arbeitswelt Raum für Kreative  

Ein Mann baut Computerarbeitsplätze auf
WLAN, Kaffeemaschine - fertig (AP)

von Katja Weber

Im Betahaus in Berlin-Kreuzberg können sich Freiberufler je nach Bedarf einmieten.

Auf dem langen hellen Holztisch stehen Wurst, Käse und Brotkörbe, an der Wand hängt eine weiße Pappe, auf die per Beamer ein Handydisplay projiziert wird: Im großen Café im Eingangsbereich des Betahauses steigt – wie jeden Donnerstagmorgen – das sogenannte Betafrühstück. Einer der Mieter, die hier User heißen, stellt vor, woran er arbeitet, ein gutes Dutzend anderer hört zu und stellt Fragen. Vorne steht Martin Melzer in einer stylischen lilafarbenen Strickjacke und präsentiert den „Trashomat", seine iPhone-Applikation, die er gemeinsam mit einem italienischen Designer für eine Recyclingfirma entwickelt hat. Zur Zusammenarbeit mit seinem Kollegen kam es eher zufällig, erzählt Martin.

"Ich hab meinen Businesspartner hier am Betahaus getroffen und dadurch ist eigentlich die Idee entstanden, Websiten-Entwicklung sehr stark mit Design zu verbinden."

Diese Art der Zusammenarbeit will das Betahaus befördern: Es wird fleißig genetzwerkt. Nicht nur im Café, sondern auch auf den beiden Etagen darüber. In den Arbeitssälen mit den hohen weißen Wänden sind braun beschichtete Spannplatten zu Schreibtischen aufgebockt, von der Decke über den Arbeitsplätzen baumeln Mehrfachsteckdosen, WLAN ist selbstverständlich vorhanden. Rollwagen und Whiteboards stammen aus der Insolvenzmasse von Quelle, die Spinde aus der von BenQ. Das Scheppern des Lastenaufzuges im Hintergrund erinnert an die Zeiten, als im Gebäude noch eine Druckerei und eine Putzlappenfabrik zu Hause waren – Produktionsstätten der "alten Ökonomie". Arbeitsverhältnisse mit Arbeitgeber und Arbeitnehmern sind hier Geschichte. Christoph Fahle, der 30-jährige Geschäftsführer, und seine fünf Mitstreiter bezeichnen das Betahaus als "Arbeitsraum für Kreative".

Alternative zur Bürogemeinschaft

Entwickelt haben die sechs Gründer ihre Idee aus einem Mangel heraus, sagt Fahle. Am Ende des Studiums stellten sie fest, dass die Büroräume, die ihnen als Designer, Kommunikationswissenschaftler oder BWLer nun zur Verfügung standen, einen inhaltlichen Rückschritt bedeutet hätten. Von der Uni waren sie freiere Strukturen gewöhnt.

"Gemeinsame Arbeitsräume, Werkstätten, kurzzeitige Projekte, bei denen man immer wieder neue Leute kennenlernt, Beschäftigung mit verschiedenen Themen. Dann standen wir nach dem Abschluss im Grunde vor der Entscheidung, mieten wir uns jetzt ein 20-qm-Büro und starren uns monatelang an, das war völlig absurd. Dann haben wir angefangen uns zu überlegen, wie es sonst aussehen könnte."

Es sieht nach einer unkomplizierten Mischung aus: ein bisschen Trödel, ein wenig Ikea, wohldosiertes Design – mit etlichen Grünpflanzen dazwischen. 130 Freiberufler nutzen das Angebot. Viele Programmierer und Startup-Gründer sind darunter, aber auch Rechtsanwälte, Journalisten oder Illustratoren; der jüngste Mieter ist 21, der älteste 47 Jahre alt. Einer der Betahäusler ist der Wirtschaftsinformatiker Markus Heim. Über seinem Arbeitsplatz hängt ein Plakat mit der Überschrift "Die besten Start-Up-Jobs. Business Wagnis Kapital 2010". Mit seinem Partner arbeitet er an einem E-Learning-Programm, das seinen Kunden beibringen soll, wie sich mit spekulativem Devisenhandel Geld verdienen lässt. Seit Januar arbeitet Markus im Betahaus – mangels Alternative.

"Wir ham erst normal Immobilien gesucht, da gab's Probleme mit den Mietverträgen, häufig wurde von uns verlangt, Zwei-Jahres-Mietverträge abzuschließen, hohe Kaution und – das ist einfach nicht vorteilhaft, das war sehr schwer, so ne langfristigen Verträge einzugehen."

Monatsticket für 229 Euro

Und dann fällt es, das Zauberwort.

"Deshalb ist das Betahaus sehr gut, weil das sehr flexibel ist."

Flexibilität – das ist es, was das Betahaus verkauft. Keine langfristige Bindung, keine teure Investition in Kopierer und Kaffeemaschine, sondern ein Kommen und Gehen, wie es dem Nutzer gefällt oder wie es die Auftragslage gerade hergibt. Das Monatsticket kostet 229 Euro, die variable Lösung hört auf den Namen "Superflex". "Superflex" ermöglicht einen Besuch an zwölf Tagen im Monat zum Preis von 79 Euro. Karoline Ebel, Übersetzerin für Französisch, Italienisch und Niederländisch, hat sich für diese Lösung entschieden. Die Ausstattung an ihrem Arbeitsplatz ist spartanisch: Laptop, Handy und eine Kaffeetasse mit Schäfchen drauf. Eigentlich könnte sie doch auch gut von zu Hause aus arbeiten, oder?

"Ja, das könnt ich, hab ich auch über fünf Jahre gemacht, aber dann ist mir die Decke aufn Kopf gefallen."

Die Arbeit zu Hause habe eben einen großen Nachteil.

"Irgendwie ist es doch etwas einsam. Und meine Tätigkeit ist an sich schon ziemlich einsam, weil man selten telefoniert, es läuft eigentlich alles über Internet. Und man sieht dann den ganzen Tag niemanden."

Sowohl Karoline als auch Markus haben wenig am Betahaus auszusetzen: allein der Lärmpegel sei ein wenig störend. Beide können sich vorstellen, irgendwann mal ein eigenes Büro auf die Beine zu stellen. Aber aktuell sind sie mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis zufrieden.

"Ich finde diese zwölf Tage nicht teuer. Man kann neue Kontakte knüpfen, sobald man einen Auftrag hier an Land zieht, hat man das Geld ja auch wieder raus."

Aber wie viel verdienen die freiberuflichen Betahäusler eigentlich? Oder führt die Selbstverwirklichung in der "co-working space", von der Christoph Fahle spricht, eher zu einer Art Prekariat mit Netzanschluss? Nein, sagt Fahle, sie hätten das in einer Umfrage unter ihren Mietern erhoben.

Raum für Netzwerker

"Es gibt Leute, die über 5000 Euro verdienen, es gibt Leute, die unter 1800 Euro verdienen. Aber es ist doch erst mal erstaunlich, dass die entgegen der Vorurteile gegen Freelancer alle ihr Auskommen haben."

Der Geschäftsführer ist überzeugt.

"Wenn man seine eigenen Wünsche verwirklicht, dass bedeutet nicht, dass man kein Geld verdient, das bedeutet eher, es klappt. Wenn man im richtigen Netzwerk, mit den richtigen Leuten, im richtigen Moment die richtige Idee hat, ist das alles gar kein Problem."

Ziemlich viele Wenns, ziemlich viele Vorbedingungen, die Fahle und seine Mitstreiter offenbar erfüllt haben. Für die Gründer läuft es gut: Das Betahaus feierte kürzlich seinen ersten Geburtstag, sämtliche festen Arbeitsplätze sind bereits vermietet. Seit einem Monat schreiben die Inhaber schwarze Zahlen. Und in dieser Woche haben sie einen ersten Ableger in Lissabon eröffnet, weitere in Hamburg und Zürich sollen folgen.

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