Atomkraft Die verlorenen Mädchen von Gorleben
Der Biostatistiker Hagen Scherb über ungeborene Mädchen in der Nähe von Atomanlagen
Die Zahl neugeborener Mädchen nimmt in Gegenden mit Atomanlagen und Atomkraftwerken ab. Vermutlich sterben weibliche Embryonen in einer sehr frühen Phase der Entwicklung. Die potenziellen Eltern bemerken das nicht.
1995 kamen die ersten Castortransporte nach Gorleben. Seit dem ist, so Münchner Wissenschaftler, die Geburtenraten für Mädchen im direkten Umkreis des Atommülllagers drastisch zurückgegangen. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Niedersächsische Landesgesundheitsamt, das die Zahlen der Forscher nachgeprüft hat. Rund um den Salzstock in Niedersachsen werden pro 100 Mädchen 109 Jungen geboren – im Bundesdurchschnitt beträgt das Verhältnis 100 zu 105.
Mehr Strahlung gleich weniger Mädchen?
Nun gibt es in der Wissenschaft eine Diskussion darüber, inwieweit die atomare Strahlung das Geschlecht von Neugeborenen beeinflusst. Denn nicht nur in Gorleben wurde dieses Phänomen beobachtet. Auch in der Region um Tschernobyl und im Umkreis anderer europäischer Atomkraftwerke und Atommülllagern wurden weniger Mädchen im Verhältnis zu Jungen geboren.
Vage Vermutungen
Ob und wie radioaktive Strahlung das Geschlecht von Neugeborenen beeinflusst, darüber gibt es bislang nur Vermutungen. Eine davon lautet: Gleich nach der Zeugung könnte das X-Chromosom des Vaters, das für die Entwicklung von Mädchen gebraucht wird, auch durch geringe Strahlung so stark beschädigt werden, dass der Embryo abstirbt, bevor die Mutter überhaupt merkt, dass sie schwanger ist.