Donnerstag, 20. Juni 2013

Agenda /

Atomkraft Energiekonzerne zwischen Schock und Klage  

Gespräch mit Theo Geers, Wirtschaftsredakteur des Deutschlandfunk

Das Kernkraftwerk Biblis A in Hessen. Betreiber ist das Energieunternehmen RWE.
Das Kernkraftwerk Biblis A in Hessen. Betreiber ist das Energieunternehmen RWE. (AP)

Die im Herbst von der Bundesregierung ausgehandelte und seit Anfang Dezember in Gesetzesform verabschiedete Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken steht nach wenigen Monaten auf dem Prüfstand. Energiepolitik wird derzeit nicht mehr mit der Atomlobby gemacht. Das Atommoratorium legte kurzfristig sieben Kernkraftwerke still. RWE, der zweitgrößte Stromkonzern Deutschlands, klagt.

Etwa eine Million Euro Gewinn pro Tag macht ein abgeschriebenes Atomkraftwerk laut der Forschungsstelle für Umweltpolitik der FU Berlin. Und abgeschrieben sind fast alle Kernkraftwerke, die in Deutschland in Betrieb sind. Denn nach 19 Jahren sind die Finanzierungskosten weitestgehend getilgt. Das Ausknipsen der sieben Meiler seit Beginn des Atommoratoriums Mitte März trifft die großen Energiekonzerne also empfindlich. Ihre Strategien, die Verluste wett zumachen, sind jedoch unterschiedlich.

Schock und Klage

Während der zweitgrößte Energieversorger RWE am Freitag beim Verwaltungsgerichtshof Kassel Klage gegen das Kernkraft-Moratorium eingereicht hat und die Interessen seiner Aktionäre so wahren will, möchte EON erst einmal die dreimonatige Moratoriumsfrist abwarten. Nach dem "dramatischen Ereignis" von Fukushima könne man nicht zur Tagesordnung übergehen, sagte EON-Chef Johannes Teyssen.

Ruhig ist es dagegen im Südwesten Deutschlands. EnBW hält sich vermutlich aus Rücksicht auf den grün-roten Regierungswechsel in Baden-Württemberg zurück. Schließlich hatte CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus erst im Dezember 2010 45 Prozent an dem Energie- und Atomkonzern EnBW erworben. Grün-Rot wird voraussichtlich versuchen, EnBW in einen umweltfreundlichen Vorzeigekonzern umzubauen. Und Vattenfall Europe hat schlichtweg keine Veranlassung gegen das Moratorium zu wettern. Seine beiden Meiler Brunsbrüttel und Krümmel sind sowieso vom Netz.

Ohnmacht der Stromriesen

Die Energiekonzerne stehen den aktuellen Verhandlungen über die deutsche Energiepolitik ohnmächtig gegenüber, meint Wirtschaftsredakteur Theo Geers. Anders als bei früheren Entscheidungsprozessen zur Energie, sind sie diesmal nicht mit einbezogen. Weder in der Ethikkommission noch in der Reaktorsicherheitskommission sind sie mit Vertretern präsent.

Theo Geers sieht die nächste Protestwelle auf die Bundesregierung zu rollen: Seit Beginn des Abschalten der sieben alten Meiler in Deutschland steigen nämlich die Atomstromimporte. Deutschland habe seit Mitte März verstärkt Strom aus Frankreich und Tschechien eingeführt, sagte die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Energiewirtschaft (BDEW), Hildegard Müller, am Montag in Hannover. "Die Stromflüsse aus Frankreich und Tschechien haben sich verdoppelt, die Stromflüsse in die Niederlande und die Schweiz haben sich etwa halbiert." Das Umweltministerium sprach dagegen von einer Momentaufnahme und verwies auf ständig schwankende Im- und Exporte.

 


 

Mehr bei DRaio Wissen:

Eine Kommission für ethische Energie
Tagesthema (04.04.2011)

Angst der Atomriesen vorm Ausstieg
Gespräch mit Theo Geers (30.03.2011)

Kanzlerin prüft AKW-Laufzeitverlängerung (14.03.2011)

Stromkonzerne gegen Verbraucher
Berichte und Gespräche zu Energieverbrauch und Strompreise (29.12.2010)

Atomkraft - nun doch
Gespräch mit Michael Schlesinger (01.09.2010)

Hörsaal bei DRadio Wissen:

Das Ende des Atomzeitalters? Hörsäle zur Zukunft der Energie
Am 13. März titelte der Spiegel "Das Ende des Atomzeitalters". DRadio Wissen thematisierte in den vergangenen Monaten Fragen der Energie in seinem Hörsaal. Anlässlich der Lage in Japan haben wir eine Übersicht dieser Hörsäle erstellt.

Dossier bei DRadio Wissen:

Die Zukunft der Energie
Beiträge, Reportagen und Interviews

Mehr zum Thema:

Themenportal Atomkraft (dradio.de)

Eon-Chef Teyssen will Atomkraftwerke streng prüfen (handelsblatt.com)

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