Dienstag, 21. Mai 2013

Agenda /

Beschneidung Kulturkampf in der Unterhose  

Über Sinn oder Unsinn eines jahrhundertealten Rituals.

Verschiedene Skalpelle liegen nebeneinander.
Skalpelle, die "Lanzetten der Ärzte" ( Spekta | Wikimedia CC | gemeinfrei)

Körperverletzung oder religiöse Tradition? Etwa jeder dritte Mann ist nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation beschnitten. Die Mehrzahl von ihnen, 70 Prozent, sind Muslime, knapp ein Prozent Juden.

In Deutschland hat nun das Kölner Landgericht die Beschneidung eines Jungen aus religiösen Gründen für strafbar erklärt. Der Eingriff sei eine "rechtswidrige Körperverletzung". Muslime und Juden in Deutschland kritisieren das Urteil als Eingriff in ihre Religionsfreiheit.

Körperliche Unversehrtheit versus Religionsfreiheit: Die Diskussion um das Stückchen Haut, dass der Urologe Ahmed Magheli als "luxuriöse Sonderausstattung" des Menschen bezeichnet, ist kontrovers. Über die Hintergründe, den Mythos vom besseren Sex ohne Vorhaut und inwiefern Eltern derartige Eingriffe für ihr Kind entscheiden dürfen.

 

Kein Schnitt im Schritt
Jochen Hilgers berichtet über die Hintergründe des Urteils des Kölner Landgerichtes.

Demonstration gegen Beschneidung bei der San Francisco Pride Parade im Jahr 2008. Auch manche Amerikaner sind der Meinung, dass durch Beschneidungen Menschenrechte verletzt werden. (nerdcoregirl | Flickr | CC BY-SA 2.0)

Die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen ist strafbar. Selten hat ein Urteil des Kölner Landgerichts einen derartigen bundesweiten Wirbel ausgelöst wie die Entscheidung vom Mai 2012, die nun öffentlich gemacht wurde. Verhandelt wurde der Fall eines vierjährigen Jungen, der auf Wunsch seiner Eltern beschnitten worden war. Falls andere Gerichte diesem Urteil folgen, hätte das weitreichende Konsequenzen für die Befürworter.

 

 "Luxuriöse Sonderausstattung“
Ob die Entfernung der Vorhaut zu besserem Sex führt, erklärt der Urologe Ahmed Magheli von der Charité in Berlin.

Ein Relief mit der Darstellung der Beschneidung von zwei ägyptischen Prinzen. Die Beschneidung zweier ägyptischer Prinzen wurde für die Nachwelt festgehalten. (khowaga1 | Flickr | CC BY-NC-SA 2.0)

Die Deutschen trennen sich nicht gern von ihrer Vorhaut, sagt der Berliner Urologe Ahmed Magheli. Dabei ist das Stückchen Haut für den Oberarzt der Charité lediglich eine luxuriöse Sonderausstattung der menschlichen Evolution. Die Befürworter der Beschneidung sagen, dass das Leben ohne Vorhaut hygienischer sei. Außerdem werde der Sex besser und sogar das Aids-Risiko sei geringer.

 

 

Das gute Recht der Eltern
Der Jurist Bijan Fateh-Maghadam vom Exzellenzcluster Recht und Politik der Universität Münster über den Ermessensspielraum der Eltern bei Beschneidungen.

Ein algerischer Junge wartet in seiner traditionell, festlichen Kleidung auf seine Beschneidung. Ein algerischer Junge wartet in seiner traditionell, festlichen Kleidung auf seine Beschneidung. (picture alliance | dpa | epa Mohamed Messara)

Eine Beschneidung ist eine vorsätzliche Körperverletzung. Trotzdem haben die Eltern das Recht, für ihr Kind zu entscheiden, sagt Bijan Fateh-Mghadam. In Deutschland gilt der Vorrang der elterlichen Personensorge. In einem gewissen Rahmen dürfen Eltern für ihr Kind Grundrechte ausfüllen und entscheiden, welche medizinischen Eingriffe sinnvoll sind. Andererseits wäre ein Verbot von Beschneidungen aber auch ein Eingriff in die Religionsfreiheit.

 

Ein Schnitt als Reifeprüfung
Über die Beschneidungszeremonie bei jungen Männern bei den Massai berichtet Antje Diekhans.

Zwei junge Massai in Ngorongoro, Tansania.Zwei junge Massai in Ngorongoro, Tansania. (Dave Hunt - Sydney | Flickr | CC BY-NC 2.0)Bevor ein junger Massai offiziell zum Mann werden kann, muss er nach alter Tradition drei Prüfungen bestehen: Er muss beschnitten werden, einen Löwen töten und eine Kuh stehlen. Die Löwenjagd ist in Kenia längst verboten, Kuhdiebstahl natürlich auch. Aber die Beschneidungszeremonie ist geblieben – ein Fest für das ganze Dorf.

Dieser Bericht ist eine Wiederholung vom 23.06.2011



Mehr bei DRadio Wissen:

Männliche Beschneidung schützt vor Aids
Obwohl das Kondom immer noch der beste Schutz gegen eine Infektion ist, kann auch eine Beschneidung das Risiko senken.
(Agenda vom 23.12.2010)

Mit Beschneidung HIV-Risiko senken
Viele junge südafrikanische Männer lassen sich beschneiden, um sich vor Aids zu schützen.
(Globus vom 23.12.2010)


Mehr zum Thema:

Ein zentrales Zeichen
(Artikel auf taz.de, 27.06.2012)

Eine dauerhafte und irreparable Veränderung
(Artikel auf faz.net. 26.06.2012)

WHO empfiehlt Beschneidung der Männer
(Artikel auf sueddeutsche.de, 30.03.2007)

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