Boxen Ring frei!
Gespräche mit dem Journalisten Stefan Osterhaus, der Boxer- und Trainerlegende Ulli Wegner, dem Psychologen Hans Förstl, einem Bericht von Axel Rahmlow, einer Reportage von Ernst-Ludwig von Aster
Muhammad Ali - "The Greatest": Heute wird er 70 Jahre alt. Ali gilt als der populärste Boxer aller Zeiten. Doch nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge - er polarisierte auch mit seiner politischen Mission. Zur Faszination des Boxsports, den Spätfolgen aus medizinischer Sicht und dem Zusammenhang zwischen Boxen und Hip Hop: Unser Tagesthema in sieben Runden. Mit im Ring: Boxtrainer und Ex-Profiboxer Uli Wegner.
Seine berühmtesten Kämpfe tragen Namen: "Thrilla in Manila" und "Rumble in the Jungle". Mit Muhammad Ali, geboren als Cassius Clay, erlebte das Boxen seine besten Zeiten. Ali war ein Ausnahmeathlet und er hatte eine politische Botschaft: die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Afroamerikaner. Mit seinen teils provokanten Sprüchen und Reimen wurde er zu einer Art Vorreiter des Rap.
Heute hat das Boxen ein zwiespältiges Image. Große Talente wählen andere Sportarten, die mehr Geld und ein geringeres Verletzungsrisiko versprechen. Verletzungen, die sich Boxer im Ring zuziehen, hinterlassen sichtbare Spuren. Und auch die Langzeitfolgen des Boxens sind bekannt, Ali selbst leidet an ihnen.
Runde 1: Ali als politische Figur
Gespräch mit dem Journalisten Stefan Osterhaus
Boxweltmeister Muhammad Ali begleitet Dick Gregory (li.) bei seinem Protestlauf gegen den Hunger. (picture alliance / dpa)Muhammad Ali ist der Boxer der Superlative. Dreimal war er Weltmeister im Schwergewicht. Seine Kämpfe waren Ringfehden von epischem Ausmaß.
Niemand hatte stärkere Gegner als Ali, der Champions wie Sonny Liston, Joe Frazier und George Foreman bezwang. Sein Sieg beim "Rumble in the Jungle“ über George Foreman und das rasante Duell mit Joe Frazier beim "Thrilla in Manila“ sind legendär.
Im politischen Klima der 1960-er Jahre, der Zeit von Martin Luther King und Malcolm X, setzte Ali Zeichen: Er verweigerte den Militärdienst und somit auch seinen Einsatz im Vietnam-Krieg mit der simplen Begründung: "Man, no vietcong has called me no nigger!"
Runde 2: "Muhammad Ali war einmalig"
Gespräch mit der Boxer- und Trainerlegende Ulli Wegner
Ulli Wegner am Box-Ring. (picture alliance / dpa)Man kennt ihn gut und sieht ihn noch heute bei Boxkämpfen am Ring stehen, seine Talente anfeuernd: Ulli Wegner. Wegner ist wie Ali 1942 geboren. Er gewann 25 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. Nach seiner Profikarriere stieg er zu einem der erfolgreichsten Boxtrainer in Deutschland auf.
Ali ist für ihn ein Jahrtausendsportler. Wegner ist der Überzeugung, früher sei die Box-Ausbildung besser gewesen. Russland, der gesamte Ostblock, auch Kuba hätten die besten Boxer hervorgebracht. Ali jedoch hatte ein einmaliges Talent, so Wegner. Er konnte Menschen begeistern. Mit ihm habe der Boxsport seinen Höhepunkt erreicht.
Runde 3: Muhammad Ali - Vater des Rap
Bericht von Axel Rahmlow
Erschienen 1966: Die Vinyl Single "I Am The Greatest" (Affendaddy | flickr | cc by-nc-sa 2.0)"I am the greatest - and will show you how great I am!“ Dieser und andere markante Sprüche sind von Ali überliefert, wie etwa: "I can kill a dead tree. Don't mess with Muhammad Ali!"
Muhammad Ali war der erste Schwergewichts-Champion des Hip Hop. Seine Zitate wurden zu Punchlines, sein tänzelnder Schritt im Ring im Breakdance adaptiert.
Seine Zitate dienten einer ganzen Musikstilrichtung als Steilvorlage für neue Lieder. Eigene Musikstücke und Samples entstanden.
Kritiker streiten darüber, ob der in den 70-er Jahren entstandene Rap bereits in den 60-ern durch die Boxlegende erfunden wurde. Fakt ist: Bands wie Public Enemy, LL Cool J und andere Rapgrößen erkannten das Potenzial des Boxers und kreierten Songs über und mit Ali.
Runde 4: Die Spätfolgen des Boxens
Gespräch mit Hans Förstl, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der TU München
Kein Sport für Mimosen. (picture alliance / dpa)Bereits 688 vor Christus wurde Boxen als olympische Disziplin eingeführt. Damals wurde mit Lederriemen an den Fäusten gekämpft - ohne Pausen.
Die Wurzeln des modernen Boxens kommen allerdings aus England. Schutzmaßnahmen wie Boxhandschuhe, Pausen und das Verbot für Schläge unterhalb der Gürtellinie sind auf einen britischen Boxer namens Jack Broughton zurückzuführen. Laut Statistik sterben jährlich mindestens zehn Kämpfer an den Folgen des Boxens. Und im Jahr 2005 hat die World Medical Association ein generelles Verbot des Boxsports gefordert.
Auch wenn immer wieder über die akuten Gefahren berichtet wird, werden die Spätfolgen unterschätzt, meint Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München. Gerade Profi-Boxer leiden, so der Mediziner, an Spätfolgen wie gestörter Motorik, Artikulationsproblemen, spastischen Krämpfen. Auch Gedächtnisstörungen und Boxer-Demenz - eine Krankheit, die Gemeinsamkeiten mit einer Alzheimer-Demenz aufzeigt - werden von Medizinern als Spätfolgen zahlreicher Gehirnerschütterungen identifiziert.
Runde 5: Was Boxen mit dem Kopf macht
Collage mit Aussagen von Walter Wagner, Unfallchirurg am Klinikum Bayreuth und Ringarzt beim Bund Deutscher Berufsboxer, Klaus-Peter Steuhl, Direktor des Zentrums für Augenheilkunde an der Universitätsklinik Essen, Ralf Schulze, Oberarzt an der Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie in Mainz und Peter Biberthaler, Leiter der Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar in München.
Treffer: Henry Weber bekommt den Handschuh ins Gesicht. (picture alliance / dpa)Beim Boxen wirken enorme Kräfte: Rechnet man die Dämpfung der Boxhandschuhe heraus, lassen sich die härtesten Schläge mit der Kraft vergleichen, die auftritt, wenn jemand mit 20 Kilometern pro Stunde ungebremst gegen eine Steinwand rennt.
Diese Wucht hinterlässt Spuren in den Gesichtern der Sportler. Die häufigsten Verletzungen sind "Cuts", also Platzwunden, Brüche des Jochbeins, der Nasenknochen und des Kiefers. Seltener sind schwerwiegende Verletzungen der Augen. Eine Erblindung ist aber nach schweren Verletzungen nicht auszuschließen.
Wir fragen bei Medizinern verschiedenster Fachrichtungen nach den akuten Gefahren des Boxens. Die Fachärzte erklären, was es medizinisch bedeutet, wenn der Schlag sitzt.
Runde 6: Boxbuden-Kampf auf dem Rummel
Reportage von Ernst-Ludwig von Aster
Mit oder ohne Handschuhe: Kampf auf dem Rummel. (picture alliance / dpa)
"So, meine Damen und Herren, in wenigen Momenten geht’s ab hier! In wenigen Augenblicken wird zugeschlagen!“
Mehrere 100 Euro Preisgeld - das klingt verlockend. Doch in aller Regel haben Amateure in den Boxbuden auf Jahrmärkten keine Chance. In "Jessy" Heinens Boxbude gibt es aber für jeden, der will, wie er sagt, "ein paar auf's Maul".
Der Deal: Die Besucher zahlen ein Eintrittsgeld und können dafür den Boxkämpfen zuschauen. Wer selbst antritt, braucht keinen Eintritt zu zahlen, muss dafür aber hart im Nehmen sein.
Und die Gegner? Die kommen meist aus Osteuropa, bekommen bei Heinen Training, Kost und Logis. "Das sind harte Jungs, die haben nicht viel", sagt er. "Also die werden hier richtig gedrillt bei uns."
Die Reportage "Zuschlagen und Zugucken" von Ernst-Ludwig von Aster können Sie in gesamter Länge im Online-Angebot von Deutschlandradio Kultur nachhören und -lesen.
Runde 7: 5th Street Gym - Wo Cassius Clay zu Muhammad Ali wurde
Ein Gespräch mit der Journalistin Bettina Klein
Als Muhammad Ali noch Cassius Clay hieß, trainierte er im 5th Street Gym in Miami. (picture alliance / dpa)Miami ist stolz auf Muhammad Ali. Hier begann seine Karriere. Hier trainierte er im inzwischen legendären Studio "5th Street Gym". Damals noch als Cassius Clay. Auch andere Weltklasseboxer gingen im 5th Street Gym ein und aus. Später wurde das Studio auch zum Treffpunkt für Berühmtheiten wie Joe Louis, Rocky Marciano, Jackie Gleason, Malcolm X, die Beatles, Sean Connery, Frank Sinatra und Sylvester Stallone. Das 5th Street Gym war aus dem Stadtbild Miamis lange nicht wegzudenken. Dann musste es schließen.
2010 wurde das Studio nach längerer Pause wiedereröffnet. Die Journalistin Bettina Klein war vor zwei Jahren vor Ort und sprach mit dem Bürgermeister der Stadt Miami, der sich noch gut an die Zeit erinnern konnte, in der er noch selbst mit Cassius Clay trainierte.
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