Deregulierung Zügellos
Was es bringt, wenn man den Märkten freien Lauf lässt
In einer globalisierten Welt muss sich der Staat neu definieren. Heute zieht er sich aus vielen Märkten zurück. Deregulierung und Privatisierung lautet dabei die Losung.
In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Staat aus vielen Wirtschafts- bereichen zurückgezogen, Marktregeln vereinfacht, Handelsbeschränkungen abgebaut. Mehr Freiheit für die Märkte, mehr privatwirtschaftliche Organisation. Die Idee dahinter ist, Innovation voranzutreiben und wirtschaftliche Entscheidungen schneller umzusetzen.
Was sich hinter dem sperrigen Wort "Deregulierung" verbirgt, welche positiven und negativen Konsequenzen sie mit sich bringt, darüber berichten wir in unserem Tagesthema.
Deregulierung und Privatisierung
Matthias Finger, Professor für Management und Netzindustrien an der ETH Lausanne, zur Begriffsklärung
Durch die Deregulierung des Strommarkts 1998 gibt es heute viele Stromanbieter in Deutschland. (Ian Muttoo | flickr.com | CC BY-SA 2.0)In einer globalisierten Welt muss sich der Staat neu definieren. Deregulierung und Privatisierung lautet dabei die Losung. Ausgehend von den USA und Großbritannien haben in den vergangenen 30 Jahren immer mehr Regierungen begonnen, ihren eigenen Verantwortungsbereich zu verkleinern und der privaten Wirtschaft mehr Handlungsspielraum zu lassen. Deregulierung führt eher zu Privatisierung als umgekehrt.
Ein schleppender Prozess
Gerd Aberle, Wirtschafts- und Verkehrswissenschaftler, über die Deregulierung der Bahn
Erst auf wenigen Strecken machen Privatanbieter der Bahn Konkurrenz. (AP)1994 entstand aus der Fusion von Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn die Deutsche Bahn AG. Damals wurden die Netze für private Anbieter geöffnet. Trotzdem hat die Deutsche Bahn bis heute wenig Konkurrenz. Im Personen-schienennahverkehr gibt es rund 20 Prozent private Betreiber. Im Fernverkehr liegt der Anteil bei weniger als einem Prozent.
Das befreite Geld
Horst Löchel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance, zur Deregulierung der Finanzmärkte
Die Regulierung der Finanzmärkte ist ein Streitthema in der EU. (AP)Bis in die 80er-Jahre waren die Finanzmärkte streng reguliert. Dann kam Maggie Thatcher und baute die Regeln ab. Man kann sich diese Welt kaum mehr vorstellen: Dollars wurden in einem festen Wechselkurs zum Gold getauscht, Wertpapiere durften nur zu festgelegten Zeiten gehandelt werden. Heute lassen sich unvorstellbare Summen auf Knopfdruck beinahe beliebig bewegen.
Am Beispiel der Post
Wirtschaftsjournalist Andreas Kolbe über die Privatisierung der Post
Früher, als die Telefonzellen noch gelb waren. (prayerslayer | Flickr | CC BY-NC-SA 2.0)Das Poststrukturgesetz leitete am 1. Juli 1989 die Deregulierung des Postsektors ein. Die Post war damals zweitgrößter Arbeitgeber der BRD. Mit der Reform wurde die Deutsche Bundespost in die Unternehmensbereiche Postdienst, Postbank und Telekommunikation aufgeteilt. Durch neue Konkurrenten fallen die Preise – aber auch die Löhne, etwa im Paketsektor.