Donnerstag, 23. Mai 2013

Kultur /

Die Wurzeln Europas Es lebe die Republik  

Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 vom Westbalkon des Reichtagsgebäudes in Berlin die Republik aus.
Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 vom Westbalkon des Reichtagsgebäudes in Berlin die Republik aus. (Erich Greifer, 1918)

von Matthias von Hellfeld

Gleich zweimal wurde am 9. November 1918 in Berlin die erste deutsche Republik ausgerufen: zunächst vom sozialdemokratischen Abgeordneten Philipp Scheidemann, eine Stunde später vom kommunistischen Abgeordneten Karl Liebknecht. Kaum etwas macht die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft deutlicher als diese "doppelte Staatsgründung". An dieser Zerissenheit schließlich scheiterte die Weimarer Republik etwas mehr als 14 Jahre später.

Es war ein aufregender Tag. In Berlin und in anderen Städten versammelten sich die Menschen. Sie hatten vom Rücktritt Kaiser Wilhelms II. (1859 – 1941) gehört.

Kaiser Wilhelm II Kaiser Wilhelm II (AP)

Reichskanzler Prinz Max von Baden (1867 – 1929) hatte ihn eigenmächtig verkündet. Wilhelm II. war vorher nicht gefragt worden – er stimmte allerdings wenig später dem Ende des Kaisertums in Deutschland zu. Aber damit nicht genug. Als Reaktion auf diese Entwicklung - hieß es - würden die Kommunisten die Republik ausrufen.

Doppelte Ausrufung der Republik

Aber der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann kam der KPD zuvor. Zwar hatte er nicht alle SPD-Funktionäre auf seiner Seite. Dennoch rief er am Mittag des 9. November 1918 von einem Balkon des Berliner Reichstags die Republik aus. Die Menschen waren begeistert und jubelten ihm zu, als er ihnen zurief, das "Volk habe auf ganzer Linie gesiegt!"

Aber die so eben ausgerufene Republik hatte von ihrem ersten Tag an mit einer schweren Hypothek zu kämpfen, denn um 16.00 Uhr versammelte sich eine ebenso große Menschenmenge am Berliner Stadtschloss. Dort rief Karl Liebknecht, der Gründer des Spartakusbundes, aus dem wenig später die KPD hervorgehen sollte, ebenfalls die Republik aus. Seine Rede gipfelte in der Proklamation der "freien, sozialistischen Republik Deutschland", die "die Herrschaft der Hohenzollern" beenden werde.

Karl Liebknecht spricht auf einer Kundgebung im Jahr 1918 Karl Liebknecht spricht auf einer Kundgebung im Jahr 1918 (AP)

Anstelle der verhassten Kaiserstandarte solle fortan "die rote Fahne der freien Republik Deutschland" wehen. Die junge Republik steckte in einem Dilemma, die Gesellschaft war gespalten. Für die einen war die russische Revolution vom November 1917 leuchtendes Vorbild einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichen. Für die anderen war eben diese Vorstellung ein unheilvolles Vorzeichen des Untergangs. Beide Gruppierungen standen sich unversöhnlich gegenüber. Linke wie rechte Parteien stellten bewaffnete Verbände auf, die sich offene Straßenkämpfe lieferten. Der Versuch nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg eine neue Zeit einzuläuten, ging gründlich daneben.

Weihnachtsunruhen 1918

Zum Jahreswechsel hatten die Unruhen ein Ausmaß erreicht, dass sich Reichskanzler Friedrich Ebert (1871 – 1925) veranlasst sah, diese so genannten "Weihnachtsunruhen" mit militärischen Mitteln niederschlagen zu lassen. Am 29. Dezember 1918 zerbrach deswegen die Übergangsregierung (Rat der Volksbeauftragten). Die Situation eskalierte anschließend. Ebert beauftragte Gustav Noske (1868 – 1946) mit dem Schutz der Regierungsresidenz. Als Minister war er für das Militär zuständig. Sein hartes Durchgreifen sorgte jedoch nicht für Ruhe im Land, ganz im Gegenteil: Zu Beginn des Jahres 1919 weiteren sich die Unruhen aus.

Willy Römer: Revolution in Berlin. Bewaffnete Arbeiter und Soldaten vor dem Marstallgebäude, 6. Januar 1919. Bewaffnete Arbeiter und Soldaten vor dem Marstallgebäude in Berlin, 6. Januar 1919. (Agentur für Bilder zur Zeitgeschichte/DHM)

Bürgerkriegsähnliche Zustände rief der anschließende Spartakusaufstand hervor. Er entzündete sich an der Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn. Eichhorn gehörte der zum Jahreswechsel gegründeten KPD an. Seine Weigerung von seinem Posten zurückzutreten, löste den Aufstand aus, der vom 8. bis 10. Januar 1919 Berlin in Atem hielt.

Rosa Luxemburg, linke Sozialdemokratin und Mitgründerin der KPD. Sie wurde am 15. Januar 1919 in Berlin ermordet. Rosa Luxemburg (AP Archiv)

Die Reichswehr wurde verstärkt mit rechtsextremen Freikorps, die Hetzjagden auf Anhänger der Kommunistischen Partei machten. Nach der Niederschlagung des Aufstands führten die Freikorps Säuberungen in Berlin durch. Bei diesen illegalen Aktionen wurden am 15. Januar die beiden Ikonen der KPD, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, ermordet und in den Landwehrkanal geworfen.

Weimar Republik

Die Regierung hatte wegen der Unruhen ihren Amtssitz ins benachbarte Weimar verlegt. Aber die Wahl dieser Stadt sollte auch ein Signal sein. Denn die Stadt, in der Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe oder Johann Gottfried von Herder gewirkt und gelebt hatten, sollte klar machen, dass die neue, demokratische Republik mit dem alten, kaiserlichen Staat nichts gemein hatte.

Am 19. Januar 1919 trat die Weimarer Nationalversammlung zusammen. Ihre  Aufgabe war es, eine demokratische Verfassung zu erarbeiten. Nach einem halben Jahr intensiver Debatten wurde die neue Verfassung am 31. Juli angenommen und wenig später in Kraft gesetzt. Nun war Deutschland eine parlamentarische Demokratie. Aber die Verfassung hatte viele Schwachstellen. Vor allem die starke Stellung des Reichspräsidenten, der mit Hilfe so genannter Notverordnungen ohne und gegen das Parlament regieren konnte, sollte sich als schwere Hypothek erweisen.

 

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