Donnerstag, 23. Mai 2013

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Drüberleben Das Bloggermädchen 2010  

Webschau mit Thomas Reintjes

Das Logo von der Wahl zum Bloggermädchen des Jahres 2010.
Bloggermädchen des Jahres 2010 - das Logo. (maedchenmannschaft.net)

Das Blog "Mädchenmannschaft" hat im Herbst zur Wahl des Bloggermädchens des Jahres aufgerufen. Jetzt ist die Abstimmung beendet und gewonnen hat das Blog "Drüberleben" von Kathrin Weßling. Es ist ein sehr persönliches Blog, denn sie schreibt darin über ihre Krankheit – Depression.

"Mein Name ist Kathrin und ich bin 25 Jahre alt. Ich bin Autorin, hoffentlich bald Kunststudentin und ich leide seit 9 Jahren an Depressionen. Der medizinische Diagnoseschlüssel nennt sich F. 32.2. Ich nehme Medikamente und war in zahlreichen Therapien und Kliniken. Bis vor kurzer Zeit bin ich täglich in eine ambulante psychiatrische Klinik in Hamburg gegangen. Ich bin eine normale junge Frau. Auf diesem Blog erscheinen täglich Videos, Bilder und Momentaufnahmen meines Alltags und in einem Leben zwischen Dispo, Psychiatrie und Disko."

Vorurteile beseitigen

Katrin Weßling hat ein Ziel. Wer die Website ansurft, der liest in der Randspalte den Satz: "Depressionen sind doch kein Grund traurig zu sein!" Außerdem will Weßling ihre Krankheit nicht nur dokumentieren, sondern auch Vorurteile beseitigen. Bis jetzt sei über Depressionen viel geschwiegen worden, sie will darüber schreiben. Dieses Anliegen wird auch in den Kommentaren bestätigt – ein "Gerhard" schreibt dort: "Das liest sich alles sehr schön – kaum zu glauben, daß der Text von einer Depressiven stammt. Und ich dachte immer: Kunst und Depressivität geht nicht zusammen!"

In den Texten geht es um Themen wie Strukturlosigkeit und Angst: "[Ich sitze] seit geraumer Zeit in einem Vakuum aus Orientierungslosigkeit ziemlich atemlos an meinem Schreibtisch [und warte darauf], dass die Kathrin anfängt, die sich so viel vorgenommen hat. Das mache ich jeden Tag. Und das schaffe ich keinen Tag. [...] Nichts zu machen hat damit zu tun, Angst zu haben, es gar nicht erst zu schaffen."

Bloggen hilft

Mit solchen Texten können sich offenbar viele ihrer Leser identifizieren. Unter dem Eintrag gibt es einige Kommentare, die sinngemäß sagen, dass die Bloggerin damit ziemlich genau das Leben des Kommentators beschreibt. Vielleicht ist das das Erfolgsgeheimnis. Denn die Wahl zum Bloggermädchen 2010 hat Kathrin Weßling sehr eindeutig gewonnen. Es gab eine öffentliche Abstimmung im Netz, zehn populäre Blogs standen zur Wahl und 26 Prozent der Stimmen wurden für Drüberlesen abgegeben.

Das Blog gibt es seit Oktober 2010. Und in dieser Zeit, schreibt sie, habe sich ihr Zustand enorm verbessert. Und sie schreibt, das habe mit dem Blog zu tun:

"In den letzten drei Monaten habe ich darüber geschrieben, wie es ist, gefallen zu sein. Ich habe erzählt, wie es ist, wenn man da liegt und nur noch flach atmet und hofft, dass die Schwere einem nicht alle Knochen einzeln bricht. Das alles haben fast 100 000 Menschen bis heute gelesen. Wow. Nun ist es aber an der Zeit auch den anderen Weg zu zeigen: das Steigen. Die Möglichkeit des Wiederaufstehens. Es geht hier also da weiter, wo die merkwürdigen Filme aufhören."

Schräge Gedanken und Selbstironie

Manche Einträge haben eine wunderbare Ironie, Selbstironie. Es gibt zum Beispiel einen Text mit der Überschrift "Mein Name ist Kathrin und ich habe Angst vor Ämtern". Darin beschreibt sie, was sie sich alles für schlimme Konsequenzen ausdenkt, die drohen, wenn sie nicht bald endlich ihre Steuererklärung abgibt und sich ummeldet. Aber sie zieht das selbst ein wenig ins Lächerliche und schreibt, dass das absolut schräge Gedanken seien.

Und natürlich gibt es auch pure Freude. Das beste Beispiel ist das, was Kathrin Weßling geschrieben hat, als sie für den Bloggermädchen-Preis nominiert wurde:

"Ich freue mich wahnsinnig [...]. Ich freue mich so sehr darüber, dass ich die meiste Zeit ganz aufgeregt bin und lächle und mich besonders darüber freue, dass die ganze Arbeit, die dahinter steckt, Erwähnung und Anerkennung findet. Das bedeutet unheimlich viel. Das Jahr beginnt also fulminant und das finde ich ziemlich gut so. Gut ist auch, dass ich es gestern geschafft habe, alleine essen zu gehen, alleine U-Bahn zu fahren, alleine Bus zu fahren und sogar Spaß hatte. Irre. Das sind Gefühle, die mir vor zwei Monaten noch so fremd waren, wie anderen Menschen die Vorstellung, dass all diese Dinge in irgendeiner Weise problematisch sein könnten."


 

Mehr bei DRadio Wissen:

Depression – Die verdrängte Volkskrankheit. (Tagesthema, 11.11.2010)

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