Erbschaft Die Macht des letzten Willens
Gespräche mit Thomas Gutmann (Rechtsphilosoph und Erbrechtspezialist), Claus-Henrik Horn (Fachanwalt für Erbrecht), Gerhard Zierl (Präsident des Münchner Amtsgerichts)
Erbschaft, Testament und Nachlass - über das materielle Vermächtnis der Altvorderen.
Wohltat aus dem Jenseits oder Rache übers Grab hinaus? Erbschaften können beides sein – während in wohlhabenden Familien der Satz "Du bist enterbt" als Drohung gilt, dürften die Kinder überschuldeter Eltern die Erbschaft – also die Schulden – mit Freude ausschlagen.
Testament und Erbschaft verraten viel über eine Gesellschaft, und noch mehr über eine Familie. In einem Thementag widmet sich DRadio Wissen den juristischen und menschlichen Aspekten des Erbrechts.
Beliebtes Erbstück I: Die Gabel. (Leanda Xavian|flickr|CC BY-NC 2.0)
Testament und Erbschaft in aller Welt
Beiträge von Korrespondenten aus dem Nahen Osten, Schweden, Kenia, Großbritannien und China
Erben ist Familiensache. Bild einer persischen Familie, aufgenommen zwischen 1920 und 1950. (janwillemsen|flickr|CC BY-NC-SA 2.0)
In den Palästinensergebieten, in Ägypten und im Iran regelt die Scharia, das religiöse Gesetz des Islam, das Erbrecht. Söhne bekommen doppelt soviel wie Töchter. Allerdings müssen die Söhne auch Brautgeld zahlen, wenn sie heiraten. Außerdem müssen sie bedürftige Familienmitglieder ein Leben lang unterstützen.
In Ägypten versuchen Wohlhabende das Erbrecht der Scharia zu umgehen und überschreiben ihr Vermögen noch zu Lebzeiten. Auch im Iran ist das Erbecht an Religion geknüpft.
In Schweden wurden Erbschafts- und Schenkungssteuer 2004 abgeschafft – Erbschaften gelten dort als Familienangelegenheit. Krimi-Autor Stieg Larsson zum Beispiel starb unerwartet an einem Herzinfarkt und ohne ein Testament zu hinterlassen. Laut schwedischem Recht müsste das Erbe an seinen Bruder und nicht an Larssons langjährige Lebensgefährtin überschrieben werden.
In Kenia wird das Erben häufig durch die Traditionen der Volksstämme geregelt – obwohl die neue Verfassung es anders vorsieht. Nicht nur Wertsachen oder Land werden vererbt, oft gehen auch die Frauen des Verstorbenen an einen Bruder über.
Anders als in Deutschland muss in Großbritannien nicht der Erbe Steuern zahlen, stattdessen wird der Nachlass selbst besteuert. Außerdem gilt: auf Vermögen, das der Ehegatte oder der eingetragene Partner erbt, wird überhaupt keine Erbschaftssteuer erhoben.
In China vererbt man nicht nur Eigentum, sondern auch Macht und Einfluss. Eine besondere Rolle spielen dabei die sogenannten Prinzlinge, die Kinder der politischen Elite.
Der Wille des Erblassers gilt (fast) uneingeschränkt
Gespräch mit dem Rechtsphilosophen und Erbrechtsspezialisten Thomas Gutmann, Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Der letzte Wille des Vaters: Die standesgemäße Hochzeit von Kronprinz Friedrich Wilhelm. (Bundesarchiv, Bild 146-2008-0152 / Schaarwächter, Julius Cornelius / CC-BY-SA)
Den meisten Menschen ist es wichtig, ihren Besitz an ihnen nahestehende Menschen zu vererben. Die Einstellung "nach mir die Sintflut" sei vielen Menschen fern, sagt Professor Thomas Gutmann.
Die Stellung des Erblassers ist sehr weitgehend. Das Prinzip ist, dass der Wille des Erblassers unter fast allen Umständen umgesetzt werden soll. Moralische Grundsätze oder Gerechtigkeit sind dabei unerheblich. Die Grenzen sind allerdings da, wo der Erblasser versucht in das Leben seiner Erben hineinzuregieren.
Ein prominentes Beispiel ist der Erbvertrag des letzten deutschen Kaisers. Darin bestimmte Wilhelm II., dass der älteste Sohn alles erbt, sofern er eine ebenbürtige Frau aus dem Hochadel heiratet. Als der Vertrag vor ein paar Jahren das letzte Mal zur Anwendung kam, entschied das Bundesverfassungsgericht nach langem Rechtsstreit, dass diese Klausel sittenwidrig ist.
Wenn die Erben nicht auffindbar sind
Ein Beitrag von Daniela Siebert
Kleine Familie - großes Erbe? (josefnovak33/flickr/cc-by-nc-sa)
Erbenermittler, wie zum Beispiel die GEN, die Gesellschaft für Erbenermittlung in Berlin, haben einen schwierigen Job, der nicht nur Findigkeit und die Fähigkeit zur Recherche erfordert, sondern auch Taktgefühl und Höflichkeit im Umgang mit den Erben.
Manchmal fahndet die GEN jahrelang nach Erben – manche Verwandtschaftsverhältnisse sind eben sehr verzwickt. Erbenermittler werden von Nachlasspflegern, also Rechtsanwälten oder Bankangestellten, beauftragt. Oder sie werden von sich aus tätig, weil sie sich einen Anteil am Erbe als Entlohnung erhoffen. In der Regel ist das etwa ein Drittel des Erbes. Meistens werden sie erst ab fünfstelligen Summen tätig.
Wieviel in Deutschland vererbt wird
Ein Gespräch mit der Statistikerin Katharina Schüller
Zu Zeiten der Großfamilien war die Geburtenrate kein Thema (Brabant Bekijken|flickr|2.0-by-nc-sa)
Einer neuen Studie zufolge sollen die künftigen Erblasser – rund 12,4 Millionen Menschen über 70 Jahre – bis zum Jahr 2020 rund 2,6 Billionen Euro an ihre Kinder und Enkel weitergeben. Das ist so viel wie nie zuvor und würde den Wert aus dem vergangenen Jahrzehnt deutlich übertreffen.
Insgesamt sollen in diesem Jahrzehnt mehr als ein Viertel des gesamten Vermögensbestandes der privaten Haushalte in Deutschland von rund 9,4 Billionen Euro vererbt werden. Im Durchschnitt dürfte dabei jeder Erblasser rund 305.000 Euro zu vererben haben, pro Einzelerbe entspricht das einem durchschnittlichen Erbteil in Höhe von knapp 153.000 Euro.
Annehmen oder Ausschlagen?
Ein Gespräch mit dem Fachanwalt für Erbrecht, Claus-Henrik Horn
Erben annehmen oder Erbe ausschlagen? Für Kinder eine schwierige Entscheidung. (David|flickr|CC BY-NC 2.0)
Erben will gelernt sein. Und damit das Erben nicht in einem Desaster endet, helfen Fachanwälte für Erbrecht. Im Gespräch mit DRadio Wissen erklärt der Fachanwalt Claus-Henrik Horn, wie er Erben berät und ihnen hilft, Fehler im Umgang mit Erbschaften aufgrund von Unwissenheit und Überstürztheit zu vermeiden.
Töchter im Chefsessel
Ein Beitrag von Stefanie Pütz
Die Familie Mann bei ihrer Ankunft in New York 1939. In der Mitte Erika Mann - sie kümmerte sich dem Tod ihres Vaters um sein literarisches Erbe. (AP Archiv)
Frauen sind heute genauso qualifiziert wie Männer, sie verfügen über Berufserfahrung, Führungskompetenz und Eigenkapital. Aber: Während heute jede dritte Existenzgründung von einer Frau ausgeht, werden nur 15 Prozent der Unternehmen im Nachfolgeprozess an eine Frau übergeben. In Familienunternehmen sieht die Lage noch trostloser aus: Nur jeder zehnte Unternehmer übergibt seine Firma an die Tochter.
In Unternehmerfamilien hält sich das männlich konnotierte Bild des Unternehmers offenbar noch hartnäckiger als im Rest der Gesellschaft. Töchter, die es dennoch an die Spitze des Familienunternehmens schaffen, sind entweder "Vatertöchter" – oder es herrscht ganz einfach "Not am Mann".
Im Namen des Vaters
Ein Gespräch mit Gerhard Zierl, Präsident des Münchner Amtsgerichts
Wer erbt was? (Anthony Catalano/flickr/cc-by-nc-sa)
Fehlt ein Testament, wird ein Bauernhof nicht einfach geteilt. Beansprucht einer der Erben den Hof für sich, entscheiden Richter wie Gerhard Zierl in sogenannten Hofzuweisungsverfahren. Zierl muss dabei ergründen, was im Sinne des Verstorbenen gewesen wäre. Der Hauptstreitpunkt in solchen Verfahren ist immer die Frage danach, was die anderen Erben bekommen.
Die Höhe des Erbes bemisst sich nicht nach dem, was der Hof tatsächlich wert wäre, würde man ihn verkaufen, also dem sogenannten Verkehrswert. Entscheidend ist der Ertragswert, also das, was sich mit dem Hof in einer bestimmten Zeit erwirtschaften lässt. Und das ist oft sehr viel weniger.
Beliebtes Erbstück II: Der Löffel. (Leanda Xavian|flickr|CC BY-NC 2.0)