Donnerstag, 20. Juni 2013

Agenda /

Europa Föderalismus unter Krisendruck  

Gespräche mit Arthur Benz (Politikwissenschaftler), Volker Finthammer (EU-Korrespondent in Brüssel) und Jonathan Rodden (Stanford-University)

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy spricht neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 17.06.2011 während einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt in Berlin.
Das deutsch-französische Führungsduo Merkozy. (dpa/picture alliance/Michael Kappeler)

Seit Monaten steht fest, dass die Europäische Union neue Werkzeuge braucht, um ihre Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Doch angesichts der Uneinigkeit der EU-Mitglieder über gemeinsame Staatsanleihen und die zukünftige Rolle der EZB herrscht im Vorfeld des EU-Gipfels großer Pessimismus.

Die Finanzpolitik der griechischen Regierungen der vergangenen Jahre ist das deutlichste Beispiel für die gravierende Überschuldung in vielen Ländern der Europäischen Union - neben Italien sind auch Irland, Portugal und Spanien betroffen. Andere Mitglieder könnten folgen.

Für den EU-Gipfel in Brüssel stehen große Themen auf der Agenda. Die Rede ist von einer Neustrukturierung der Euro-Zone, vom Krisenmanagement der europäischen Finanzpolitik, von strenger Überwachung und Sanktionen gegenüber undiszipliniert haushaltenden Euro-Mitgliedern.

Strengere Regeln für Europa

Deutschland und Frankreich wollen dafür die EU-Verträge ändern. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy schlagen einen neuen europäischen Vertrag vor. Defizitsünder sollen automatisch mit Sanktionen bestraft werden, die Mitgliedstaaten in ihren Verfassungen eine Schuldenbremse verankern. Die EU-Institutionen sollen ein stärkeres Eingriffsrecht im Fall von Verstößen gegen den Stabilitätspakt bekommen und könnten eine Änderung nationaler Haushaltspläne erzwingen.

Die Folge wäre ein engeres Bündnis der 17 Euro-Länder. Das aber wollen nicht alle Mitglieder. Die EU-Kommission möchte eine Vertragsänderung vermeiden. Großbritannien hat im Vorfeld des Treffens sogar damit gedroht, sein Veto einzulegen.

 

Ein Staatenverbund zwischen Norm-Gurke und Idealismus
Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Arthur Benz von der TU Darmstadt

EU-Bürger auf einer Karte von EuropaDie EU - 27 Staaten, rund 500 Millionen Einwohner. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)Von den Vereinigten Staaten von Europa ist die Europäische Union (noch) weit entfernt. Die EU ist ein Zusammenschluss von Staaten, der nicht als loser Staatenbund, wie etwa die Afrikanische Union, angesehen werden kann, aber auch nicht die Qualität einer Bundesrepublik, wie der USA, erreicht.

Während die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Kompetenzen selbst definiert haben, verfügt ein Staatenverbund wie die EU nur über die Kompetenzen, die die einzelnen Mitgliedstaaten ihm übertragen haben. Im Gegensatz zu den USA hat die EU formal auch keine Verfassung. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion und dem Binnenmarkt existiert zwar in Ansätzen ein gemeinsames Wirtschaftssystem. Der Staatenverbund kann aber zum Beispiel keine Steuern erheben.

Der Politikwissenschaftler Arthur Benz erklärt, was einen Staatenverbund wie die EU ausmacht.

 

Euro-Bonds: Die Schulden der anderen
Ein Gespräch mit Volker Finthammer, EU-Korrespondent in Brüssel

Ein portugiesischer Euro steht auf einem Tisch.Eine portugiesische Euromünze. (picture alliance / dpa)Ein Thema beherrscht den EU-Gipfel: die Diskussion über die Euro-Bonds. Sie könnten die nationalen Staatsanleihen der Mitglieder ersetzen. In dieser Frage herrscht große Uneinigkeit zwischen den EU-Ländern. Ein Zins für alle - das ist die Idee von Eurobonds. Die Euroländer nehmen ihre Kredite gemeinsam auf und stehen gemeinsam für die Schulden ein. Während Deutschland strikt dagegen ist, befürworten wirtschaftlich schwache Nationen wie Italien und Griechenland das Instrument der Bonds.

Deutschlandradio-Korrespondent Volker Finthammer erklärt, was ein Gipfel bei so großer Uneinigkeit überhaupt bringen kann.

 

Lehren aus der Schuldenkrise - das Beispiel der US-Bundesstaaten
Ein Gespräch mit Jonathan Rodden, Professor an der Stanford-University.

Der Politikwissenschaftler Jonathan A. Rodden von der Standford University.Jonathan A. Rodden (Standford University)Anders als in der EU können US-Bundesstaaten pleite gehen - und die Zentralregierung in Washington versagt ihnen die finanzielle Unterstützung. Als es 1840 in den USA zu einer Bankenkrise kam, gerieten neun Staaten in Zahlungsverzug: Arkansas, Florida, Indiana, Illinois, Maryland, Michigan, Mississippi, Louisiana und Pennsylvania stellten den Schuldendienst ein.

Obwohl internationale Anleger Druck ausübten, half die Zentralregierung den strauchelnden Bundesstaaten nicht. Die Folge: Die meisten Staaten führten einen jährlich ausgeglichenen Haushalt als verbindliche Regel ein. Bis heute gilt dieses Prinzip: als Kalifornien 2009 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, bekam es keine Unterstützung von der Ostküste.

Der Ökonom Michael Bordo vergleicht Kalifornien, Nevada und Florida mit Spanien und Irland. In diesen Ländern habe es einen Immobilienboom mit einer schweren Krise als Folge gewesen. Bordo argumentiert weiter, dass in Spanien und Irland, wären sie US-Bundesstaaten gewesen, die Marktdisziplin dafür gesorgt hätte, dass sie ihre Staatshaushalte rasch in Ordnung gebracht hätten. Gleichzeitig wäre die Krise in beiden Ländern durch Transfers aus anderen Bundesstaaten gelindert worden, die weniger stark von der Krise getroffen wurden.

Warum EU und USA so unterschiedlich mit hoch verschuldet Staaten verfahren, erklärt Jonathan Rodden, Professor an der Stanford-University.



Mehr bei DRadio Wissen:

Die Herabstufung der Euro-Zone
Standard & Poor's hat eine Überprüfung der Kreditwürdigkeit von 15 Staaten der europäischen Währungsunion angekündigt.
(Agenda vom 07.12.2011)

Ein Eurobond für alle
Ein Zins für alle - das ist die Idee von Eurobonds. Die Euroländer nehmen ihre Kredite gemeinsam auf und stehen gemeinsam für die Schulden ein.
(Agenda vom 24.11.2011)

Eurobonds: Deutsche Finanzpläne in der Kritik
Die Eurobonds gehören zu den meistkommentierten Themen im Netz.
(Webschau vom 18.08.2011)

Euro-Krise: Eurobonds als Rettungsanker
Eurobonds sind Staatsanleihen, für die alle Euro-Staaten gesamtschuldnerisch haften. Damit soll die Euro-Zone stabilisiert werden. Einige Kritiker glauben nicht an das Konzept. Gespräch mit dem Wirtschaftsjournalisten Felix Lincke.
(Agenda vom 17.08.2011)

 

Weitere Informationen:

Starker Mann, was nun?
EU-Gipfel und der Kampf um den Euro
(Kommentar auf sueddeutsche.de vom 08.12.2011)

Euro-Krise: Der Weltuntergang fällt aus
(Kommentar auf Spiegel Online vom 08.12.2011)

Industrie fordert Fiskalunion und EU-Währungsfonds
Wirtschaftsverbände verlangen Lösung in der Eurokrise
(dradio.de vom 07.12.2011)

Drei Rettungswege aus der Euro-Krise
Merkel und Sarkozy wollen ihre Pläne zur Euro-Rettung schnell umsetzen.
(sueddeutsche.de vom 07.12.2011)

Mehr Geld ist auch keine Lösung
Endspiel, nächster Teil: Beim Gipfel in Brüssel geht es um fast alles.
(zeit.de vom 07.12.2011)

Lösungen für das Protokoll
Berlin will beim EU-Gipfel keine "faulen Kompromisse" eingehen.
(faz.net vom 07.12.2011)

 

Zum Kommentieren bitte registrieren oder anmelden.

Zu diesem Beitrag gibt es noch keine Kommentare

Wenn Sie Verstöße gegen unsere Kommentar-Regeln feststellen, informieren Sie bitte die Forenadministration per E-Mail.

Beitrag hören

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Agenda

Das Symbolbild für Organspende zeigt ein Herz in einem Plastikbeutel.

TransplantationLeben und Tod

Es geht oft um Leben und Tod: Leben für den Empfänger, Tod für den Spender.

Mehr …

Claudia Roth auf dem Parteitag der Grünen in Hannover

KommentareDas ist der Abgrund

Claudia Roth im Gezi-Park: Ein Foto, ein Shitstorm.

Mehr …

Der schwitzende Tennisspieler Roger Federer in Melbourne 2010.

SchweiẞLass fließen, Baby!

Intelligenz? Sprache? Aufrechter Gang? Mitnichten! Der Schweiß unterscheidet den Menschen vom Tier.

Mehr …

Eine Lichtquelle strahlt, darunter steht: "Your privacy is our business"

NSA & PrismNur die Spitze des Prismas

Die Totalüberwachung der digitalen Kommunikation.

Mehr …

Auf dem T-Shirt von Robert Meier steht: 109, na und

Ü 100Leben im dreistelligen Bereich

Warum wir immer älter werden und die 100 bald nichts Besonderes mehr sind.

Mehr …

Graffiti einer Frau, die geduckt durch ein Fernglas spitzelt.

BNDSpitzeln im Netz

NSA und Prism: Die USA haben vorgemacht, wie Überwachung im Netz funktioniert. Der BND zieht nach.

Mehr …