Donnerstag, 20. Juni 2013

Agenda /

Frankreich "Der Mann weiß nicht, was er tut."  

Gespräch mit Elísio Macamo, Afrikawissenschaftler an der Universität Basel

Französische Einhorn-Truppen patrouillieren in Abidjan, Hauptstadt der Elfenbeinküste: ein Soldat auf einem Panzer mit einer französischen Flagge
Französische Einhorn-Truppen patrouillieren in Abidjan (AP)

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy stelle für Afrika eine unberechenbare Gefahr dar, sagt Elísio Macamo. Zuerst habe Frankreich sich aus den Aufständen in Tunesien raushalten wollen, nun sei das Land in der Elfenbeinküste und in Libyen an vorderster Front dabei.

Vor einigen Jahren hatte der französische Präsident angekündigt, die militärische Präsenz der Grande Nation in Afrika eindämmen zu wollen. Die ehemalige Kolonialmacht wollte Zurückhaltung üben und sich in den afrikanischen Ländern, die bis vor rund 50 Jahren noch französische Kolonien waren, weniger einmischen.

Tunesien: Frankreich hält sich raus

Zwei Männer bewegen sich vor einem Bild des gestürzten tunesischen Präsidenten Ben Ali, dessen Gesicht weggekratzt worden ist.Zwei Männer bewegen sich vor einem Bild des gestürzten tunesischen Präsidenten Ben Ali (AP)Zu Beginn der Aufstände in Nordafrika, die in Tunesien ihren Anfang nahmen, sah es so aus, als würde das gelingen. Am 24. Januar 2011 sagte Sarkozy während der Unruhen in Tunesien: "Für die Kolonialmacht ist es nicht rechtmässig, über die inneren Angelegenheiten einer Ex-Kolonie zu urteilen. "Und verteidigte damit die Haltung Frankreichs, sich nicht in die inneren Angelegenheiten in dem nordafrikanischen Land einzumischen.

Bis zum Sturz des tunesischen Präsidenten Ben Ali hatte Frankreich die Proteste kaum unterstützt. Danach bemerkte Sarkozy: "Frankreich hat das Ausmaß der Verzweiflung der Tunesier unterschätzt."

Libyen: Sarkozy fordert Luftangriffe

Anfang März sahen Sarkozys Statements in Bezug auf Libyen dann ganz anders aus: Er erkannte als erster westlicher Regierungschef den Rebellenrat als rechtmäßigen Vertreter Libyens an, dann forderte er - vor allen anderen europäischen Staaten - Luftangriffe auf die Truppen Gaddafis.

Nachdem der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 17. März 2011 die UN-Resolution 1973 mit der Errichtung der Flugverbotszone über Libyen zum Schutz der Zivilbevölkerung verabschiedet hatte – Deutschland enthielt sich bei der Abstimmung -, beanspruchte Sarkozy die Vormachtsstellung in der "Allianz der Willigen".

Elfenbeinküste: Aus Vermittlung wird militärisches Vorgehen

Die Gewalt in der Elfenbeinküste eskaliert: Anhänger des gewählten Präsidenten Ouattara Die Gewalt in der Elfenbeinküste eskaliert: Anhänger des gewählten Präsidenten Ouattara (AP)

Auch in der Elfenbeinküste - bis August 1960 eine französische Kolonie - sind für Franreich die Tage der Zurückhaltung vorbei.

Zunächst verhielt sich Frankreich neutral in dem Machtkampf in der Elfenbeinküste zwischen dem ehemaligen Präsidenten Laurent Gbagbo und dem Wahlsieger Alassane Ouattara. Gbagbo klammert sich verzweifelt an die Macht und lehnt einen Rücktritt ab, obwohl Ouattara international als demokratisch gewählter Präsident anerkannt wurde.

Die Gewalt zwischen den Anhängern beider Politiker eskaliert jedoch zunehmend. Zusammen mit UN-Blauhelmtruppen will die französische Regierung nun militärisch zum Schutz der Bevölkerung in den Konflikt eingreifen. Französische Einhorn-Truppen haben bereits die Kontrolle über den Flughafen übernommen.

Sanktionen statt Gewalt

Elísio Macamo, Assistenzprofessor für African Studies an der Universität Basel, bewertet Sarkozys Verhalten als unberechenbar, bezeichnet es jedoch nicht als Neokolonialismus. Dennoch hält er Sanktionen und Vermittlung für die besseren Mittel, den Krieg in der Elfenbeinküste zu beenden. Auch in Bezug auf den Libyen-Einsatz zeigt er sich skeptisch: "Niemand weiß, wer eigentlich diese Rebellen sind, die wir hier unterstützen."


 

Mehr bei DRadio Wissen:

Frankreich und die Nato
Das Verhältnis zwischen Frankreich und der Nato
(Agenda, 25.03.2011)

Die unsichtbare Revolution
Webschau über Aufstände südlich der Sahara
(Agenda, 25.03.2011)

Mehr Gewalt in der Elfenbeinküste
Zwei Männer erheben Anspruch auf das Präsidentenamt
(Globus, 24.03.2011)

Was die Welt unternehmen kann
Vor dem Nato-Angriff auf Libyen
(Agenda, 10.03.2011)

Afrikas Weg in die Industriegesellschaft
Vorträge von P.H. Gulliver und Gabriel d'Arboussier
(Hörsaal, 06.01.2011)

50 Jahre Unabhängigkeit
Im August 2010 feierten 17 afrikanische Länder ihre Unabhängigkeit
(Agenda, 04.08.2010)

Africa United
Zusammenarbeit zwischen den ostafrikanischen Staaten
(Globus, 28.07.2010)

 

Mehr zum Thema:

Ouattara-Anhänger vergleichen Gbagbo mit Hitler
Artikel von welt.de

Der Gendarm ist zurück
Artikel über Frankreichs Militäreinsätze in Afrika
(SZ, 06.04.2011)

Sarkozy räumt Fehleinschätzung der Lage in Tunesien ein
Artikel bei Spiegel Online (24.01.2011)

Gedenken an den Genozid in Ruanda
Hintergrund der Bundeszentrale für politische Bildung

Dossier Afrika der Bundeszentrale für politische Bildung

Die schwarzen Hefte zu Afrika - Länder und Regionen

Afrika sagt Frankreich leise Adieu
Artikel aus Le Monde Diplomatique
(09.06.2006)

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