Im Knast Parallelgesellschaft hinter Gittern
Statt Reue und Resozialisierung erleben Gefängnisinsassen in Deutschland Gewalt
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- Welche Parallelgesellschaften sich hinter Gittern bilden, bekommen Außenstehende kaum mit. (picture-alliance/ ZB | Bernd Settnik)
Dass sich ausgerechnet in den vom Staat am besten bewachten Räumen parallele Strukturen entwickelt haben, überrascht auf den ersten Blick. In der Parallelwelt Gefängnis herrschen eigene Verhaltens- und Wertekodizes.
Doch wer nicht hinter Gittern lebt, kann sich kaum vorstellen, wie sich das Leben dahinter abspielt. Kriminalität und Gewalt sind an der Tagesordnung.
Bei DRadio Wissen blicken wir im Tagesthema hinter die Gefängnismauern: auf die Gewalt der Häftlinge untereinander und die Rolle der Justizbeamten, auf die parallele Arbeitswelt der Gefangenen und die Niedriglöhne und darauf, wie die Gefängnisstrukturen das Leben ehemaliger Häftlinge auch nach der Entlassung bestimmen.
Gewalt im Knast
Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen über eine Studie zu Gewalt in Gefängnissen
Trotz Arbeit und Freizeitangeboten ist Gewalt stark verbreitet. (picture-alliance/ dpa/dpaweb | Roland Weihrauch)Die Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens befragten 6400 Gefängnisinsassen in Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen. Laut Studie erlebt jeder vierte von ihnen körperliche Gewalt. Jugendliche sind besonders häufig betroffen. Etwa die Hälfte von ihnen berichtet von körperlichen Übergriffen. Viele behalten die Gewaltvorfälle für sich.
Hautzeichen
Christoph Richter über das langsame Ende der Gefängnis-Tattoos
Aus der Fotoserie 'Fürs Leben gezeichnet' ('Inked for Life') von Klaus Pichler. (Klaus Pichler )Tattoos gehörten zur subkulturellen Gefängniskultur, deren Zeichen, Symbole und Gepflogenheiten für Außenstehende fremd waren und sogar Angst hervorriefen. Doch seitdem Tattoos auch bei Normalbürgern immer beliebter werden, sich die Motive der Gefängnis-Tattoos mit denen der Tattoo-Studios vermischen, verschwinden die urtypischen Knast-Hautzeichen.
Das Gespräch ist eine Wiederholung vom 11.01.2012.
Schmuggel im Knast
Gefängnisarzt und "Tatort"-Pathologe Joe Bausch über illegale Geschäfte hinter Gittern
Hinter Gittern herrscht ein eigener Markt. (picture-alliance/ ZB | Thomas Lehmann)Handys und Drogen - das ist die wichtigste Währung hinter Gittern. Wie Joe Bausch aus seinem Berufsalltag weiß, floriert der Drogenhandel. Schätzungsweise 25 bis 30 Prozent der Inhaftierten sind drogenabhängig. Per Handy wird der ganze Handel organisiert. Schärfere Kontrollen sind für den Gefängnisarzt Joe Bausch keine Lösung. Stattdessen verschreibt er den Abhängigen Medikamente als Drogenersatz.
Billiger produzieren in Deutschland
Kerstin Ruskowski über Gefängnisse als Produktionsstandorte für die freie Wirtschaft
Wer im Gefängnis einen Job hat, kann froh sein. (picture alliance / ZB | Robert Schlesinger)In deutschen Gefängnissen gilt Arbeitspflicht. Doch die Gefängnisproduktion von Möbeln oder Kleidung ist nicht ausgelastet. Die Hälfte der Insassen ist arbeitslos. Deswegen bieten sich deutsche Gefängnisse auch als Produktionsstätten für Unternehmen aus der freien Wirtschaft an. Das Angebot reicht von Druckerzeugnissen über Spielsachen bis hin zur Zulieferung von Automobilteilen oder Turbinen für Flugzeugtriebwerke.
"Der Knast ist ein Ort der Brutalität"
Dirk Heinrichs von "Sprache gegen Gewalt" spricht über die Gewalt im Knast
Auf engem Raum entstehen Aggressionen, im Gefängnis oft nicht mehr zu kontrollieren. (picture-alliance / ZB | Patrick Pleul)Für den Schauspieler Dirk Heinrichs ist der Knast "ein Ort der Brutalität". Verantwortlich für die extreme Brutalität seien organisierte Banden wie die "Diebe im Gesetz", deren Mitglieder aus Russland stammen. Viele der Wärter seien tief in Machenschaften verstrickt. Mit dem Verein Sprache gegen Gewalt e.V versucht Dirk Heinrichs Jugendliche vor Kriminalität zu bewahren, damit ihnen die Erfahrungen im Knast erspart bleiben.
Der Knast nach dem Knast
Der Sozialarbeiter Hermann Lampe über Knast-Strukturen, die nach der Entlassung weiterwirken
Wer die Gefängnismauern hinter sich lässt, ist nicht gleich frei. (:Dar. | flickr | cc by-nc 2.0)Hermann Lampe ist Leiter von Chance 21b: Ein Projekt, das ehemaligen Gefangenen den Weg zurück aufzeigen will - und zwar durch betreutes Wohnen, gewissermaßen in einer "Ex-Knacki-WG", mitten in Münster. Denn die Parallelgesellschaft Knast wirkt auch noch im Leben danach. Für manche Entlassene, so Lampe, fühlt sich zum Beispiel der erste eigenen Wohnungsschlüssel nach der Haft ganz fremd an.