Lepidopterologie Chinesisches Tagfalter-Monitoring
Weltweit verändert sich die Zahl der Schmetterlingsarten. Monokulturen und Klimawandel setzen den Faltern mächtig zu. Um zu wissen, wo die verschiedenen Arten hinwandern, oder ob sie sogar aussterben, wurde das Tagfalter-Monitoring eingeführt.
Das ist ein Instrument, um Falter zu zählen. Tausende freiwillige Helfer machen dafür regelmäßig Spaziergänge und schreiben alle Falterarten auf, die ihnen über den Weg fliegen. Nun will sich auch das riesige Land China am Tagfalter-Monitoring beteiligen. Ein Erfolg, der deutschen Forschern zu verdanken ist.
Sie waren vor wenigen Wochen in China um dort das Projekt vorzustellen und um auf Schmetterlingssuche zu gehen.
He-Bao Island. Eine Insel im Südchinesischen Meer, nicht weit von Hongkong entfernt. 27 Quadratkilometer überzogen von unberührter Natur. Gleich hinter dem Hafen wachsen bewaldete Berge in den Himmel. Auf der anderen Seite der Insel erstrecken sich kilometerlange Sandstrände. Es ist Dezember und es sind circa 20 Grad Außentemperatur.
2000 Tagfalterarten
Über 120 Tagfalterarten leben hier, erklärt ein Inselbewohner. In ganz China gibt es 2000. Eine Zahl die jeden deutschen Lepidopterologen vor Neid erblassen lässt. Denn in Deutschland gibt es gerade mal 190. China ist für deutschen Forscher ein Schmetterlings-Eldorado. Dr. Josef Settele vom Helmholz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig leitet die Exkursion. Er steht vor einem mannshohen Busch und beobachtet einen Falter, der auf einem Blatt sitzt.
"Ja, jetzt haben wir vor uns einen Schmetterling aus der Gattung Delias, die gehört zu den Weislingen. Ist aber für einen Weisling sehr farbenfroh. An der Flügelbasis rot, dann schwarze Vorderflügel mit weißen Flecken und helle Hinterflügel. Also wirklich ein sehr buntes Tier, und der legt gerade seine Eier ab und zwar in großen Mengen. Das sind sicher mehrere Hundert."
Der Falter hat eine Spannweite von 7 cm. Die Eier sind gelb, länglich und circa 1 mm dick. Der Weisling legt sie akkurat, nebeneinander ab. Diesen Schmetterling gibt es in Europa nicht, sagt Setelle, der bereits seit zwei Tagen die Insel durchwandert.
"Ich habe vielleicht erst 15 Arten gesehen und davon kannte ich einen, einen der identisch ist mit Europa. Es gibt auch nur zwei Arten hier auf der Insel, die in Deutschland vorkommen. Alles andere ist völlig anders, ziemlich anders. "
Doch nicht nur die exotischen Falter interessieren Setelle. Die Entwicklung der Artenvielfalt steht für ihn im Mittelpunkt der Reise. Der Insektenforscher möchte in China das Tagfalter-Monitoring einführen - also das systematische Zählen von Faltern.
Rückschlüsse von China auf Europa
Mit den daraus gewonnenen Informationen könnte er Rückschlüsse auf die bereits zurück liegende Artenentwicklung in Europa ziehen. Denn das riesige Land China bietet Lebensräume, die es bei uns nicht mehr gibt.
Etwa die Hälfte der europäischen Tagfalterarten ist deshalb bedroht, fünf Prozent gelten als ausgestorben. Ursachen für den Schmetterlingsschwund sind der Klimawandel, aber vor allem die Ausbreitung des Menschen und Monokulturen in der Landwirtschaft.
Auch die Chinesen zerstören die Lebensräume der Falter im großen Stil, wissen aber noch nicht, welche Auswirkung das hat. In diesem Land werden große Tiere wie der Tiger oder der Panda beobachtet, sagt Schmetterlingsforscher James Young, der aus Hongkong angereist ist und die Forscher auf ihrer Expedition begleitet. Schmetterlinge und andere Insekten, so seine Meinung, wären hier nicht von Interesse.
"Die Forschung ist noch in den Anfängen. Was immer viel gemacht wurde, war sammeln. Aber die Wissenschaftler selber wissen wenig über die Tiere, deren Lebensraum und haben wenig Wissen über die Ökologie. Die Mentalität in China ist unvergleichbar anders als in Europa. Schutz von Arten ist nur möglich, wenn es gleichzeitig ein ökonomisches Interesse gibt und man damit Geld verdienen kann."
Tausende Freiwillige
Das Tagfalter-Monitoring bringt kein Geld. Im Gegenteil. Es benötigt tausende Freiwillige. Den Chinesen würde es dafür an Umweltbewusstsein mangeln, glaubt Young. Anderer Meinung ist Prof. Dr. Min Wang, von der Universität für Landwirtschaft in Südchina.
"Ich denke, dass es sehr notwenig ist ein Tagfalter-Monitoring zu organisieren, weil die rasante Entwicklung der Städte es notwendig macht, Indikatoren zu beobachten, und zu sehen, wie sie auf die Umwelt reagieren."
Denn der Schmetterling ist ein Indikator, ein so genannter Zeige-Organismus. Das Wissen über ihn lässt Rückschlüsse auf den Zustand aller anderen Insekten zu.
Es ist Abend geworden. Nicht weit vom Strand entfernt baut Dr. Matthias Nuss ein rundes Netz auf. Einen so genannten Lichtfang. Damit will er Falter anlocken. Das Netz ist von innen beleuchtet, circa 1,5 m hoch und hat einen Durchmesser von 50 cm.
"Das sind zwei Leuchtstoffröhren, die haben zwei unterschiedliche Unterschichtungen, sodass die ein unterschiedlich starkes UV-Spektrum abgeben."
Die Falter kommen zu dem Licht, und setzen sich auf das Netz. Dort kann Matthias Nuss sie genau betrachten, fotografieren und eventuell fangen.
"Na ja, jetzt geht es doch langsam los. Ich komme morgen wieder zu spät zum Frühstück. Der ist doch interessant, der... Hier sind sie jetzt überall. Das ist wieder eine Coleophoridae, na ja, jetzt können wir uns ja austoben."
Lepidopterologen brennen für Falter
Auch Dr. Josef Settele steht mit am Lichtfang. Schmetterlingsforscher müsse für ihre Arbeit brennen, sagt er. Er selbst begann mit sechs Jahren Falter, Raupen oder Puppen in seinen Hosentaschen zu sammeln. Seit dem hat er nicht mehr damit aufgehört.
"Es sind sicher viele Freaks dabei, ganz klar, die sich dafür interessieren. Und die breite Bevölkerung kennt die Artenvielfalt nicht. Die große Masse kennt allenfalls Schmetterlinge in Form verschiedenfarbiger Tiere, aber das Interesse war immer das Interesse von wenigen Leuten, die sich damit beschäftigt haben."
Am nächsten Tag geht es zurück aufs Festland. In Gunagzhou, einer zehn Millionen Einwohnerstadt in Südchina, erwartet die Gäste eine kleine Sensation.
Nach dem Mittagessen wird auf einem großen Tisch ein zwei Meter langes Banner ausgerollt. Darauf wird mehr Schutz für Tagfalter gefordert. Dr. Xiushan Li versucht zu übersetzen:
"Wir suchen fliegende Blumen und chinesische Tagfalterressource Erfassung und Fotografie im Freiland Untersuchungsaktivität. Tagfalter heißt fliegende Blumen. Wir sagen fliegende Blumen. Und viele Institutsprofessoren unterschreiben. Das ist eine gute Idee."
Über 40 chinesische Wissenschaftler haben bereits unterschrieben. Nun auch ein paar Deutsche Kollegen. Das Banner wird danach direkt zum Umweltschutzministerium nach Peking geschickt. In China eine ungewöhnliche und gewagte, mutige Aktion. Es zeigt, dass zumindest die chinesischen Fachleute erkannt haben, wie wichtig die Erforschung der Artenvielfalt auch im Bereich der Insekten ist.
Für Settele und seine Kollegen war dies nicht die letzte Reise. Schon im Sommer wird er abermals nach China fliegen, um weitere Details für den Schmetterlingsrettungsplan zu besprechen.




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