Dienstag, 18. Juni 2013

Medien /

Journalismus Es gilt das autorisierte Wort  

Sven Preger über entschärfte Interviews

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer wird interviewt.
In einem Interview für Radio oder Fernsehen muss der Interviewte genau darauf achten, was er sagt: Nachträgliches bearbeiten und autorisieren ist hier nicht möglich. (AP)

Keine autorisierten Interviews mehr - verkündete die New York Times Ende September. In Deutschland werden Interviews zumindest in Print- und Onlinemedien weiterhin autorisiert. Abgeschwächte Aussagen sind die Folge und Gespräche, die mit dem Gesprächsverlauf mitunter wenig zu tun haben.

Besonders gerne greifen Prominente und Politiker ein und glätten, was sie stört. Eine Praxis, mit der etwa Olaf Scholz als SPD-Generalsekretär auf sich aufmerksam machte: 2003 schwärzte er fast das komplette Interview, das die Tageszeitung taz mit ihm geführt hatte. Die Zeitung druckte daraufhin keine überarbeitete, sondern einfach die von Scholz geschwärzte Fassung aus Protest.

Gängige Praxis

Die allgemeine Aufregung darüber währte nur kurz. Zumindest in deutschen Print- und Onlinemedien ist das Autorisierungsverfahren selbstverständlich, obwohl es dafür keine gesetzliche Grundlage gibt. Es handelt sich um freiwillige Vereinbarungen zwischen Redaktion und Gesprächspartner. Handelt eine Redaktion zuwider, drohen Bußgelder.

Selbst Schuld

Das große Problem dabei: Die Medien spielen mit. Die Journalisten geben also ihren Job teilweise selbst aus der Hand. Das Interview - eine ehemals starke Darstellungsform - verliert dadurch an Kraft und Authentizität.



Mehr bei DRadio Wissen:

New York Times will Interviews nicht länger autorisieren lassen
(Nachricht vom 21.09.2012)

Das Urteil der Presse
Gespräch mit Journalistik-Professor Michael Haller.
(Medien vom 16.08.2010)

 

Weitere Informationen:

Aus Gerede Gedanken filtern
Jill Abramson, Chefredakteurin der "New York Times", machte jüngst Schlagzeilen in eigener Sache: Sie verkündete, ihr Blatt werde keine Zitate mehr von Gesprächspartnern autorisieren lassen.
(spiegel.de vom 04.10.2012)

Posse um Interview
Lanz greift Gottschalk an - oder auch nicht.
(sueddeutsche.de vom 02.10.2012)

Das will ich so in keinem Fall gedruckt sehen
Fragen müssen schriftlich eingereicht, fertige Artikel sollen dem Gesprächspartner komplett vorgelegt werden.
(faz.net vom 07.07.2008)

"Fairness auf beiden Seiten"
Der DJV hat Leitlinien zur Interview-Autorisierung verabschiedet, die Journalisten im Redaktionsalltag helfen sollen.
(journalist.de)

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