Libyen Tage der Entscheidung in Tripolis
Beiträge und Gespräche zur aktuellen Lage in Libyen
Bereits am Montag (22.08.) hieß es, die Ära Gaddafi sei vorüber, libysche Rebellen hätten die Hauptstadt Tripolis eingenommen. In der Nacht zum Mittwoch (24.08.) sind die Kämpfe in Tripolis weitergegangen. Am Dienstagabend (23.08.) gelang es den Rebellen die Residenz und Kommandozentrale des libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi zu stürmen. Der sogenannte Bab al-Aziziya Komplex befindet sich in der Hand der Aufständischen.
Von Gaddafi selber fehlt bislang jede Spur. Die einen behaupten er sei noch in Tripolis, andere wähnen ihn auf der Flucht. In einer Radioansprache am frühen Mittwochmorgen (24.08.) erklärte er, sein Rückzug aus dem Bab-al-Aziziya-Komplex sei strategisch bedingt. Er ließ verlauten, dass seine Truppen weiterkämpfen wollten. Gaddafis Regierungssprecher erklärte in einem Telefoninterview mit dem Sender Al-Rai: "Wir werden zurückkommen, um Tripolis zurückzuerobern."
Übergangsregierung will von Benghasi nach Tripolis ziehen
Libysche Rebellen freuen sich über die Eroberung der Gaddafi-Residenz Bab al-Aziziya. (AP)
Ein libyscher Rebelle an einem Checkpoint im umkämpften Tripolis. (AP)
Das Ende des Gaddafi-Regimes scheint eingeläutet: Sein Konterfei wird aus einem Hotel entfernt. (AP)
Von Rebellenseite hieß es, sie kontrollierten mittlerweile große Teile von Tripolis, darunter auch das Stadtviertel Abu Salim und den Flughafen. Ein Sprecher der Rebellen erklärte, die libysche Übergangsregierung werde ihren Sitz in den kommenden Tagen von Bengasi nach Tripolis verlegen. In der Nacht zum Mittwoch feierten nicht nur die Menschen in Libyen sondern auch Exillibyer das mögliche Ende der Gaddafi-Diktatur.
Gaddafi ließ Aufstände in seinem Land brutal niederschlagen
Im Februar 2011 waren in Libyen - genau wie in anderen arabischen Staaten - Menschen auf die Straßen gegangen und hatten ihre Unzufriedenheit über das herrschende Regime zum Ausdruck gebracht. Truppen der Regierung gingen brutal gegen die Demonstranten vor. Gaddafi ließ schließlich sogar Kampfflugzeuge gegen das eigene Volk einsetzen.
Nato-Einsatz ebnete den Weg für die Rebellen nach Tripolis
Der UNO-Sicherheitsrat beschloss daraufhin in einer Dringlichkeitssitzung im März, eine Flugverbotszone über Libyen einzurichten und sich für den Schutz der Zivilbevölkerung einzusetzen. Seitdem haben Nato-Truppen Luftangriffe auf Ziele in Libyen geflogen.
Die Gesellschaftsstruktur des Landes
Gespräch mit der Historikerin Nora Lafi vom Zentrum Moderner Orient in Berlin
Lage von Libyen/TUBS/CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons/Qwl/CC BY-SA 3.0)Über die Gesellschaftsstruktur des nordafrikanischen Landes sprach DRadio Wissen im Februar mit der Historikerin Nora Lafi. Sie beschreibt Libyen, oder zumindest Tripolis, das sie im Dezember 2010 verlassen hat, als kosmopolitisch, multikulturell und reich.
Die Ursachen für die Unruhen sieht sie nicht in materieller Not, sondern in einem Ungleichgewicht der Mächte im Land, in dem die Stämme nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.
Gaddafi und der Ölmarkt
Ein Gespräch mit dem Auslandskorrespondenten des Handelsblatts Mathias Brüggmann
Die New Yorker Wall Street am 22. August 2011 (AP)Laut Weltbank lag Libyen im internationalen Vergleich vor zwei Jahren beim Bruttoinlandsprodukt im oberen Mittelfeld. Außerdem verfügt das Land über die neuntgrößten Ölreserven der Welt.
DRadio Wissen spricht mit Mathias Brüggmann. Er sagt die wirtschaftliche Entwicklung hänge stark von der politischen Weichenstellung ab. Neben dem Öl seien die Exil-Libyer die wichtigste Ressource des Landes. Wenn sie zurückkehren, könne das Land mithilfe von Fachkräften wiederaufgebaut werden.
Keine Social Media-Revolution, sondern eine Old-Media-Revolution
Ein Gespräch mit Carola Richter, Kommunikationswissenschaftlerin an der FU Berlin
Muammar Gaddafi während einer Fernsehansprache am 22.02.2011 (Screenshot YouTube)Das Fernsehen schlägt Facebook und Twitter: Dass die Umstürze im arabischen Raum nicht gleichzusetzen sind, zeigt sich auch am Gebrauch der Medien in den jeweiligen Ländern. Staatsfernsehen auf der einen, Al-Jazeera auf der anderen Seite – so stellen sich die Mediensysteme von Syrien und Libyen dar.
Trotzdem ist die Situation kaum vergleichbar: Aus Syrien berichten nur wenige ausländische Journalisten; Bilder stammen meist aus verwackelten Filmchen von Youtube. In Libyen berichtete der britische Sender Sky News direkt aus den Reihen der Aufständischen während ihres Einmarschs nach Tripolis, auch deutsche Sender haben Reporter in schusssicheren Westen vor Ort.
Die Rolle der Stämme in Libyen
Ein Gespräch mit Thomas Hüsken, Ethnologe der Universität Bayreuth
Ethnische Karte Libyens (Wikimedia Commons/Libya_ethnic.svg)
Während sich die Rebellen in Tripolis noch Gefechte mit Anhängern Gaddafis liefern, wird der Sturz des Regimes gefeiert. Der nationale Übergangsrat bereitet sich auf die Machtübernahme vor. Um einen Bürgerkrieg zu verhindern, müssen sich die Stämme untereinander über das weitere Vorgehen einigen.
In Libyen gibt es rund 140 Stämme, die Gaddafi versuchte - mehr oder weniger erfolgreich - aus der Politik herauszuhalten. Thomas Hüsken von der Universität Bayreuth erklärt, wer diese Stämme sind, wie sie leben und welchen Einfluss sie auf die weitere Entwicklung in dem Land haben.
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