Magersucht Hungern im Netz
Martina Schulte über neue Studien, die gegen das Löschen einschlägiger Pro-Ana-Seiten sprechen
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- Das Ex-Model Isabelle Caro litt an Magersucht und machte dies öffentlich. Caro starb 2010. (picture alliance / dpa)
Meist betrifft es junge Mädchen und Frauen: Die Anorexia nervosa, auch Magersucht genannt. Im Internet gibt es viele sogenannter Pro-Ana-Seiten. Weil Mediziner und Jugendschützer vor diesen Seiten warnen, haben einige Social Networks wie Facebook, Tumbler oder Pinterest diese Seiten gelöscht. Wie sinnvoll ist das?
„Ana hat mich voll und ganz im Griff. Ich liebe Ana, ich will sie nicht enttäuschen und das schaffe ich, indem ich nichts esse. Aber heute morgen kam der Freund meiner Mutter von Arbeit nach Hause (…) , Als er merkte das ich noch nichts gegessen habe, hat er mir ein Brötchen gemacht und hat es mir reingestopft, (…) ich konnte mich nicht wehren. Es war so grausam, schrecklich! Ana, es tut mir leid, ich werde versuchen es wieder gut zu machen, denn ich will nicht fett werden, ich will dünn sein, ich will das ich dir gefalle.“
Solche und andere Zitate gibt es zuhauf in den einschlägigen Pro-Ana-Foren im Netz. Auf diesen Pro-Ana Seiten sprechen Mädchen und junge Frauen über ihr Leben mit der Magersucht. Sehr oft stellen die Blogposts dabei einen perfekten dünnen Körper als erstrebenswertestes Lebensziel dar, für den man fast jeden Preis zu zahlen bereit ist.
Gefährliche Verführung
Die Pro-Ana-Bewegung im Netz gibt es seit dem Jahr 2000, in Deutschland sollen es mehrere hundert Webseiten sein. Mittlerweile haben Jugendschützer überall auf der Welt dafür gesorgt, dass diese Seiten aus Social Networks wie Facebook, Tumbler oder Pinterest verschwinden. Das Argument: Diese Seiten seien gefährlich , weil sie nicht nur Magersüchtige weiter in die Krankheit hineinziehen, sondern auch weil Gesunde durch sie zur Magersucht verführt werden könnten.
In den meisten Pro-Ana Blogs teilen Mädchen und junge Frauen ihre Magersucht, sie posten Fotos von erstrebenswert dünnen Mädchen oder Models, die sie „thinspiration" nennen. Und sie geben sich Tipps, wie man dem Hunger entgehen kann. Als erstrebenswertes Ziel gilt ein Body Mass Index (BMI) unter 17 - bereits ab einem BMI von 18 ist man untergewichtig.
Einsamkeit und Verzweiflung
Kein Wunder, dass Jugendschützer Alarm schlagen. Denn Magersucht ist eine Krankheit, die in etwa 15 Prozent der Fälle zum Tod führt. Und auch wenn sie nicht tödlich endet, sind die Folgen immens: Unfruchtbarkeit, Haar- und Zahnausfall, Organschäden, Stopp des Größenwachstums, Osteoporose.
AOL begann sehr früh damit, solche Seiten zu löschen, Facebook zog nach und seit diesem Jahr bemühen sich auch Tumbler und Pinterest, solche Inhalte aus ihren Diensten zu verbannen, auch wenn das natürlich nicht ganz gelingen kann. Von den Betroffenen wird das kritisch gesehen. Ein magersüchtiges Mädchen, das sich im Netz "feather" nennt, schreibt auf ihrer Seite "Pure-Ana" schaue man tiefer, seien solche Posts keine Anleitung zum Nachmachen sondern eine Zeichen "von Traurigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung."
Ana als Hobby
Die Kölner Psychologin Christiane Eichenberg hat 2010 in einer Studie herausgefunden, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen in Pro-Ana-Foren (85,5 Prozent) diese Seiten als eine Art Selbsthilfe-Gruppe sehen. Knapp 10 Prozent betrachten Pro-Ana als Lifestyle oder Hobby. Und rund 70 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass sie "ATTE" ("Ana till the end" - also "hungern bis zum Tod") ablehnen.
Löschen oder tolerieren?
Zwei neue Studien aus den USA stellen nun die grundlegende Dämonisierung von Pro-Ana-Seiten in Frage: Die amerikanischen Wissenschaftlerinnen Daphna Yeshua-Katz und Nicole Martins sprechen besonders vom sozialen Aspekt der Blogs. Magersucht sei eine psychische und zudem stigmatisierte Krankheit. Die Blogs machten es möglich, mit anderen Patientinnen in Kontakt zu treten und sich gegenseitig zu unterstützen.
Der Soziologe Antonio A. Casilli, wissenschaftlicher Koordinator des ANAMIA research projects, hat die Zahl von Pro-Ana blogs vor und nach der Verbannung aus den Social Networks untersucht. Er berichtet, dass gelöschte Seiten einfach in andere, noch abgeschlossenere Teile des Netzes abwandern würden - wo sich die Mädchen noch mehr isolieren und wo man sie kaum mehr erreiche könne. Sein Ergebnis: "these communities become more suspicious, secluded and inward-oriented".