Medizin Nicht leicht zu verschmerzen
Schmerzen im Kleinkindalter prägen fürs Leben
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- Früher Schmerz prägt. (Castorp Republic flickr | CC BY-NC-SA 2.0)
Bis weit in die 80er Jahre hinein glaubte man, Babys seien auf Grund noch nicht vollständig entwickelter Nervenbahnen relativ schmerzunempfindlich. Doch Studien belegen: Sogar Ungeborene im Mutterleib können schon Schmerzen empfinden. Wer als Baby oder Kleinkind schmerzhafte Eingriffe über sich ergehen lassen musste, kann später empfindlicher auf Schmerzen reagieren.
Die Debatte um die Beschneidung hat den Stein ins Rollen gebracht, eine Gerichtsverhandlung um das Ohrlochstechen bei einem dreijährigen Mädchen wirft eine ähnliche Frage auf: Dürfen Eltern ihren Neugeborenen, Babys oder Kleinkindern schmerzhafte Prozeduren zumuten, auch wenn sie medizinisch nicht notwendig sind? Eine Antwort zu finden, ist schwer.
Der Körper kann sich Schmerzen merken
Sicher ist: Für Kinder ist ein solcher Eingriff nicht leicht zu verschmerzen. Anders als lange gedacht, ist das Nervensystem von Neugeborenen sehr wohl in der Lage Schmerzen zu wahrzunehmen.
Das Schmerzgedächtnis
Im schlimmsten Fall können aus den ungelinderten akuten Schmerzen chronische Schmerzen werden. Wenn Nervenzellen immer wieder Schmerzreize empfangen, reagieren sie im Laufe der Zeit sensibler auf Schmerzimpulse. Eine Art "Schmerzgedächtnis" wird angelegt. Die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. schätzt, dass in Deutschland rund 250.000 Kinder unter chronischen Schmerzen leiden. Das Deutsche Kinderschmerzzentrum geht sogar von 350.000 schmerzgeplagten Kindern aus.
"Das Elternrecht endet bei der körperlichen Unversehrtheit des Kindes"
Der Strafrechtler Reinhard Merkel über zwei grundlegende Rechte, die man gut abwägen muss.
Pieks ist nicht gleich Pieks (AP)Im Deutschen Ethikrat hat Reinhard Merkel seine Position in der Beschneidungsdebatte klargemacht: Das Recht der Eltern auf Erziehung ist lediglich ein treuhänderisches, das Interesse des Kindes an Unversehrtheit und Gesundheit wiegt höher. Anders sei es beim Impfen - ebenfalls ein schmerzhafter Eingriff, der jedoch medizinisch notwendig beziehungsweise sinnvoll ist.
Wo tut's denn weh?
Katja Nellissen hat sich von Kindern, Eltern und Ärzten erzählen lassen, was für Schmerzen sie schon erleiden mussten.
Nicht immer ist die Ursache des Schmerzes so eindeutig wie hier: Windpocken. (fahrradfritze | flickr | cc by-nc 2.0)"Mama, ich hab Bauchweh"- damit fängt es oft an, wenn kleine Kinder krank werden. Wenn die Kleinen aber noch nicht sprechen können, stehen ihre Eltern oft hilflos vor ihrem weinenden Nachwuchs. Und auch für Kinderärzte ist die Diagnose nicht einfach. Katja Nellissen hat in einer Kölner Kinderarztpraxis kleine Patienten und ihre großen Begleiter nach ihrem Umgang mit dem Schmerz gefragt.
Das Schmerzempfinden beginnt schon im Mutterleib
DRadio-Wissen-Statistikerin Katharina Schüller über Studien zur Schmerzwahrnehmung von Kindern
Schmerzen bei Kindern werden inzwischen intensiv beforscht. (Alex E. Proimos | flickr | cc by 2.0)Das Schmerzempfinden von Säuglingen und Kleinkindern wird mittlerweile umfassend untersucht. Schon Neugeborene unterscheiden klar zwischen Berührung und Schmerz. Mit Zucker lässt sich, anders als gedacht, der Schmerz bei Säuglingen nicht lindern. Doch es gibt Hinweise, dass Musik Schmerz und Angst verringern kann. Insgesamt können Kinder mit zunehmendem Alter Schmerz besser aushalten.
Früher Schmerz macht empfindlich
Der Kinderarzt Boris Zernikow erklärt, wie Kinder Schmerz empfinden und welche Folgen das für ihr späteres Leben hat
Auch Neugeborenen tut's schon weh. (picture alliance / dpa)Noch bis in die 1980er Jahre hinein war die Meinung verbreitet: Je kleiner das Kind, umso geringer ausgeprägt das Schmerzempfinden. Deshalb bekamen auch Neugeborene zum Teil gar keine Schmerzmittel bei chirurgischen Eingriffen. Inzwischen ist klar: Schon kleinste Kinder empfinden Schmerz. Und wer früh Schmerzerfahrungen macht, ist möglicherweise im späteren Leben empfindlicher.