Mittwoch, 19. Juni 2013

Meine Zukunft /

Mein Studium Knochenasche als Schmuck  

"Ring 2010", Knochenasche, Kunstharz
"Ring 2010", Knochenasche, Kunstharz (Merlin Klein)

von Constanze Alvarez

Wer an der Kunstakademie in München Schmuck studiert, bekommt die Chance, in aller Freiheit mit den unterschiedlichsten Facetten der Schmuckherstellung zu experimentieren. Dazu stehen den Studenten luftige, gut ausgestattete Werkstätten zu Verfügung. Betreut werden die Studenten von Professor Otto Künzli, der mit seiner ganz eigenen Philosophie der Schmuckherstellung die Klasse seit zwanzig Jahren prägt.

Künzli interessiert vor allem die Aussagekraft eines Schmuckstücks. Was bewirkt ein bestimmtes Material, eine Form oder Farbe am Körper des Trägers? Welche persönlichen Erinnerungen, Überzeugungen, Ideale schwingen in einem Entwurf mit, welche Assoziationen ruft er hervor?

Otto Künzli, 1948 in Zürich geboren, gelernter Goldschmied, studierte bei Hermann Jünger, seinem Vorgänger an der Münchner Kunstakademie. Es folgten Ausstellungen und Lehrtätigkeit in Holland, England, USA und Asien. Durch seine vielfältigen Kontakte und sein Engagement hat er entscheidend dazu beigetragen, dass München zu einem der international führenden Zentren für Autorenschmuck geworden ist.

In der Klasse für Schmuck und Gerät an der Kunstakademie München gibt es keine Kurse, keine Seminare, es müssen keine Scheine oder Punkte gesammelt werden. Die einzige feste Lehrstruktur bildet ein wöchentliches Klassentreffen, bei dem einer der Studenten der Gruppe zeigt, woran er oder sie gerade arbeitet. Constanze Alvarez war bei einem dieser Treffen dabei.

Freie Materialwahl

Schweigen und betrachten - damit beginnt normalerweise das wöchentliche Treffen der Klasse für Schmuck und Gerät an der Kunstakademie München. Um einen großen Tisch sitzen zehn bis zwölf Studenten und beschäftigen sich mit den Objekten, die Merlin Klein auf mehrere Papierbögen gelegt hat. Der 26-Jährige studiert im ersten Semester, es ist seine erste Präsentation, daher ist er ein wenig aufgeregt. Es sind einige Ringe dabei, eine Brosche und etwas, was an die ausgerissenen Augen eines rosa Plüschtiers erinnert. Von Anfang an ist klar, dass es sich hier nicht um konventionellen Schmuck handelt, sondern um eigenwillige, leicht verstörende, teils unfertige Stücke, die unbedingt nach Aufmerksamkeit verlangen. Die Ringe sind nicht aus Gold oder Silber. Einige sind aus rohem Knochen, offenbar die Wirbel eines Lammes. Andere wiederum haben eine perfekt polierte, geschmeidige Oberfläche, die einfache Form eines Siegel- oder Eherings, sind sandfarben oder tiefschwarz und erstaunlich leicht, wenn man sie in die Hand nimmt. Kein Wunder: Sie bestehen aus Kunststoff und Asche. Ringe aus Asche?

"Ich habe halt lang an Knochen herumgearbeitet, fand das Material an sich aber nicht ausreichend und zu einseitig, ist ja auch so belastet, immer der Knochen, also, wird halt immer mit Schädel und den ganzen Kram, was eh schon bearbeitet worden ist in Verbindung gebracht, und deswegen irgendwo langweilig. Und ich hab halt überlegt, wie ich das Material so verwenden kann, dass es mir gefällt, und ja was Neues drin steckt, was Neues bringt, und dann habe ich es halt verbrannt, also die Teile, die ich bearbeitet habe, verbrannt, und die Asche hergenommen. Und das fand ich gut, also ein Schritt weiter, man sieht jetzt nicht mehr, was es war, und die Asche ist auch mit vielen Sachen besetzt. Aber das ist ja auch gut so."

Kein Material aus dem Schmuck gemacht wird, ist beliebig. Otto Künzli möchte, dass sich die Studenten darüber Gedanken machen. Was bedeutet es, ein bestimmtes Material mit einer bestimmten Form in Verbindung zu bringen. Und wie wirkt sich diese Verbindung auf den Träger aus? Neben den Ringen hat Merlin Klein eine Brosche mitgebracht. Sie besteht aus zwei aneinander geschmiedeten Metallplatten, in deren Zwischenraum ein kleiner Hase steckt. Wie die Ringe ist auch der Hase aus Asche und Kunststoff modelliert. Ein kryptisches Stück - die Klasse pendelt zwischen Neugierde und Ratlosigkeit. Die meisten Studenten aber finden die Wirkung der Ringe stärker als die der Brosche. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man einen Ring anders am Körper trägt als eine Brosche, erklärt Professor Otto Künzli. Eine Brosche...

"das ist ein Bild, was von vorne vom Körper zu anderen Leuten spricht, während ein Ring, das ist etwas, womit man einen Dialog hat, wenn man ihn trägt. Ringe sind in hohem Maße auch für einen selbst. Auch für einen sichtbar, man guckt ja oft die eigene Hand an, während man sich ja nicht so oft im Spiegel sieht. Ich weiß zwar, dass ich eine Brosche trage, aber die sehe ich selber nicht so oft. Gleichzeitig diese Verbindung zur Haut, und da ist ja etwas verbrannt worden, jetzt egal ob man weiß, was es ist, ja, aber da ist was verbrannt worden und - Asche ist etwas, was man nicht so unvoreingenommen an sein Körper ran lässt. Und diese Spannung finde ich sehr interessant. Das ist das gleiche wie mit den Knochen. Das ist ein totes Tier, und das habe ich an meiner Hand, ich stecke mein Finger durch ein Teil von einem toten Tier, und da passiert was anderes, als wenn ich jetzt aus Knochen was schnitze und als kleine Schnitzerei als Brosche trage. Was auch seine Berechtigung hat. Aber da sehe ich einen Unterschied und den finde ich hochinteressant..."

Die Suche nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck ist ein langer Weg. Otto Künzli, der die Schmuckklasse an der Münchner Kunstakademie seit zwanzig Jahren betreut, ist nicht daran interessiert, lauter Nachahmer heranzuziehen. Vielmehr möchte er seine Studenten dabei unterstützen, das zu entdecken, was in ihnen schlummert, mit allen Ecken und Kanten, Brüchen und Gegensätzen. Er möchte aber auch, dass sich die Studenten gegenseitig inspirieren, beflügeln und aneinander reiben. Bei der Aufnahmeprüfung versucht Otto Künzli deswegen, nicht nur etwas über die künstlerische Begabung der Bewerber herauszufinden, sondern auch über deren Fähigkeit zur Kommunikation. Das fängt damit an, wie er die Aufgaben stellt:

"Man kann zum Beispiel sagen, alle sollen fünf Objekte, nicht größer als eine Faust mitnehmen, von denen sie ausgehen, dass die besonders geeignet sind, sie zu inspirieren für ein Schmuckstück. Und dann mache ich gerne kleine Überraschungsmomente. Dann sitzen fünf Leute um einen Tisch und haben diese fünf Objekte, und dann sage ich: `Und jetzt schieben wir diese fünf Objekte zu der Person zu deiner Linken.´ Und dann hat man selber fünf völlig neue Objekte, die man noch nie gesehen hat. Also, ich muss mich mit einer ganz neuen Situation auseinandersetzen, gleichzeitig regt das die Kommunikation zwischen den Prüflingen an. Das ist eigentlich gegen die klassische Regel der Klausur, dass man nicht links oder rechts gucken darf. Nein! In dem Augenblick fangen die miteinander zu reden an, und sagen: `Was findest Du an den blöden fünf Teilen, die ich gekriegt habe, so interessant?´ Ja?! Und dann entsteht das, worauf das ganze Studium nachher beruht, nämlich dass sie sich miteinander auseinandersetzen."

Auseinandersetzung wichtig für Kreativität

Diese Auseinandersetzungen können zäh sein bis zur Verzweiflung und dann wieder euphorisierend. Für Merlin Klein, der erst seit einem halben Jahr an der Akademie studiert, ist die Präsentation beim Klassentreffen gut gelaufen. Er wirkt zufrieden und auch ein bisschen erleichtert, als er seine Schmuckstücke einsammelt und sie behutsam in diversen Beuteln verstaut. Die Klasse hat ihm unter anderem gezeigt, dass er seine Arbeit an den Ringen fortsetzen, seine Ideen dazu weiterspinnen sollte.


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