Menschenrechte Big Brother, we are watching you
Kommunikationstechnik im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen
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- Laut "Freedom House" zeigt das Satellitenbild einen Trauerzug vor einer Moschee in Damaskus. (FreedomHouse | Digital Globe | flickr | CC BY 2.0)
Satellitenüberwachung, Spurensicherung, Data-Mining - lange waren das Techniken, die staatliche Ermittler und Behörden exklusiv für sich hatten. Nicht immer im Dienste der Menschenrechte. Doch seit einigen Jahren sind diese Mittel auch für NGOs wie Amnesty International erschwinglich. Und sie werden mit Erfolg eingesetzt.
Wenn Menschen in kriegerischen Konflikten wie in Afghanistan, in Ruanda oder im Kongo Opfer von Gewalt wurden, dann gab es hinterher oft keine handfesten Beweise: keine genauen Ortsangaben, widersprüchliche Zeugenaussagen, kaum Bilder, keine DNA-Spuren und keine Anzeichen dafür, dass ein Konflikt unmittelbar bevorsteht. Doch das hat sich geändert. Inzwischen hat sich Kommunikationstechnik so weit entwickelt und ist auch so billig geworden, dass Menschenrechtsorganisationen begonnen haben, weltweit effizient damit zu arbeiten.
Das Satellitenbild zeigt eine zerstörte Brücke nach Al Qusayr. (FreedomHouse | Digital Globe | flickr | CC BY 2.0)
Hier ist ein Angriff auf die syrische Stadt Ar Rastan zu sehen. (FreedomHouse | Digital Globe | flickr | CC BY 2.0)
Schäden an einer Moschee sind erkennbar. (FreedomHouse | Digital Globe | flickr | CC BY 2.0)
Madeleine Amberger stellt in ihrem Bericht unter anderem drei Bespiele vor: Satellitenprogramme wie Eyes on Darfur oder das jetzt aktuell in Syrien Truppenbewegungen erfasst, Stellungen von schweren Waffen und Einschlaglöcher erkennt; oder Teams aus freiwilligen Wissenschaftlern, die Spuren an Massengräbern und anderen Tatorten sichern; und einen Wissenschaftler aus Chicago, der Prognosemodelle der Wirtschaftswissenschaften auf Konflikte übertragen möchte, um so aufzeigen, dass Verbrechen stattgefunden haben. Außerdem sprechen wir mit Andreas Bogk vom Chaos Computer Club, wie Informanten und Daten vor den kritisierten Regimen geschützt bleiben.
Prognosen für das Krisenwetter
Madeleine Amberger berichtet darüber, wie Data-Mining Konflikte und Krisen vorhersagen können.
Diese Karte basiert auf Twitter-Angaben wie "Gerade gelandet in...". (Jer Thorp | flickr | CC BY 2.0)Es klingt so hübsch idyllisch: "Radio Télévision Libre des Mille Collines" - "Rundfunk-und-Fernsehstation der tausend Hügel". Doch der Platz in der Rundfunkgeschichte der ruandischen RTLM ist, gelinde ausgedrückt, unrühmlich: Im Herbst 1993 sendet die Station Hasstiraden gegen die Tutsi-Minderheit des Landes. Die methodischen Hetzreden der RTLM tragen zur Gewalt bei: Im April 1994 greifen die Hutus zu den Macheten. Innerhalb von drei Monaten werden 800.000 Menschen abgeschlachtet.
Krisen, Kriegen oder Völkermorden wie in Ruanda vorherzugsagen, ist ähnlich schwierig wie die Prognose von Erdbeben. Dennoch wagen sich Computerexperten an das Projekt: Mit Tools aus der Wirtschaftswissenschaft, die sich bei der Vorhersage von Börsenkursen bewährt haben, versuchen sie nun auch das soziale Klima zu messen. Dazu mussten sie zunächst einen Supercomputer kalibrieren, also einen Maßstab entwickeln, und zwar mit Millionen von Nachrichten aus großen News-Datenbanken. Jetzt ist der Computer soweit. Im Herbst soll eine Website für das regionale Krisenwetter online gehen.
Big Brother liest mit
Wie man Informanten schützt, erklärt Andreas Bogk, Spezialist für IT-Sicherheit, Chaos Computer Club
Die US-Journalistin Marie Colvin kam bei den Kämpfen in Homs, Syrien, ums Leben. (picture alliance | dpa | THE SUNDAY TIMES/HO)Syrien ist einer der gefährlichsten Orte, um online zu gehen oder SMS zu schicken. Zumindest wenn man über Verbrechen des Regimes in Damaskus Informationen ins Ausland schicken will. Bestens ausgerüstete Sicherheitsbehörden, technisch auf dem neuesten Stand dank deutscher Unterstützung treffen hier auf Menschen, die mit kommerzieller Technik ausgerüstet sind.
Andreas Bogk ist Spezialist für IT-Sicherheit und spricht im Interview mit DRadio Wissen unter anderem über die US-amerikanische Journalistin Marie Colvin, die im Februar 2012 in der syrischen Stadt Homs mit einem Satellitentelefon telefonieren wollte und daraufhin bei einem gezielten Artillerieangriff getötet wurde. Bogk erklärt, wie man sich in solchen Situationen dennoch schützen kann.
Fakten aus dem All
Madeleine Amberger beschreibt, wie Satellitenbilder Menschenrechtsverletzungen dokumentieren.
Laut Sentinel Projekt zeigt dieses Bild vom 06.03.2011 verbrannte Gebäude im sudanesischen Tajalei. (DigitalGlobe | Satellite Sentinel Project | ENOUGH Project | flickr | CC BY-NC-ND 2.0)Auslöschung, Zwangsumsiedelung, Brandstiftung, Massaker - traditionell dokumentierten Menschenrechtsorganisationen solche Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung in mühsamen Interviews vor Ort. Das kann gefährlich sein, es passiert meist im Nachhinein, oft viel zu spät für die Betroffenen und die Angaben sind häufig kaum noch nachprüfbar.
Mit Satellitenbildern gewinnt diese Arbeit eine neue Dimension. Darauf sieht man etwa, dass die nordkoreanischen Gulags immer größer werden. Dass eine südossetische Ortschaft 2008 in Brand gesteckt wurde, ohne dass die russischen Truppen vor Ort eingegriffen hätten. 2009 dokumentieren Bilder aus dem All, dass die Regierung Sri Lankas - allen Protesten zum Trotz - im Kampf gegen die tamilischen Rebellen schwere Artillerie in Wohngebieten eingesetzt hatte.
Satellitenbilder sind eine verlässliche Quelle - auch für sogenannte Crisismaps, die in Echtzeit Informationen aus verschiedenen Quellen - E-Mails, Twitter, Fotos, Videos, Berichte - sammeln und in einer entsprechenden Landkarte verknüpfen.
Tatort Bosnien
Spurensicherung weltweit - Madeleine Amberger hat sich auf Spurensuche begeben.
Ein bosnischer Forensiker vergleicht menschliche Knochen aus einem Massengrab. (AP)Man kennt die Bilder aus der Zeitung oder aus dem Fernsehen: Wenn irgendwo ein Mord passiert, laufen bald Menschen in weißen Ganzkörperoveralls herum, machen Fotos, sichern Fingerabdrücke oder DNA-Spuren. Wer aber sichert die Spuren, wenn es keine funktionierende Polizei mehr gibt? Keine sauberen Labore, keine Spezialisten vor Ort? In solchen Fällen kümmern sich Teams von freiwilligen Wissenschaftlern um die Forensik.
Eine der wichtigsten Organisationen dabei ist "Ärzte für Menschenrechte". Ob Afghanistan, Libyen oder in Bosnien - überall sind die Experten vor Ort, um Spuren zu sichern. Und zwar so, dass sie vor Gericht gültig sind. Die Tatorte sind freilich fast immer etwas größer. Eigentlich: Sehr viel größer. Und schauerlicher. Und sie liegen in Ländern, wo der Begriff Spurensicherung entweder nicht existiert oder zumindest interpretierbar ist.