Minderheiten Weniger ist mehr
"Eine Minderheit ist ein numerisch geringer Teil eines Staatsvolkes", sagt Wikipedia. Numerisch gering, aber manchmal entscheidend.
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- Thomas Heinsen, vom Ostermorringer Friesenverein vor dem zweisprachigen Ortschild in Risum-Lindholm. (dpa | picture alliance | Horst Pfeiffer)
Schleswig Holstein hat gewählt. Auf den Säulendiagrammen der Wahlforscher tauchen drei Buchstaben auf: SSW. Der Südschleswigsche Wählerverband – die Partei der dänischen und friesischen Minderheit in Schleswig Holstein – wird bei der Regierungsbildung im Kieler Landtag zum Zünglein an der Waage.
Friesen, Dänen, Sorben sowie Sinti und Roma gelten als nationale Minderheiten. Dänen und Friesen sind die beiden einzigen Minderheiten, die eine eigene Partei stellen: Den Südschleswigschen Wählerverband SSW in Schleswig Holstein. 1948 war der Wählerverband auf Druck der britischen Besatzung angetreten, um die Interesse der Minderheiten zu wahren. Schleswig war schon immer Grenzland, in dem Deutsche und Dänen lebten.
Jeder Schleswig-Holsteiner kann Däne werden
Durch den Versailler Vertrag kam es 1920 zu einer Volksabstimmung in Schleswig. Nordschleswig entschied sich dafür, ein Teil Dänemarks zu sein. Südschleswig wollte bei Deutschland bleiben. Diese Grenze gilt bis heute, wurde aber nach dem Krieg von der dänischen Minderheit angezweifelt. Erst mit der "Kieler Erklärung von 1949" und den "Bonn-Kopenhagener Erklärungen" von 1955 wurde die Minderheitenfrage zwischen der Bundesrepublik und Dänemark geregelt. Der SSW ist seitdem von der Fünf-Prozent-Hürde ausgenommen. Ebenfalls steht in den Erklärungen, dass jeder in Schleswig-Holstein Däne werden kann. Dieses Recht gilt bis heute.
Der Blick über die Grenzen: Wenn Minderheiten Mehrheiten regieren
Wir wollen wissen, wie nationale Minderheiten in Deutschland leben und ob sie ähnliche Einflussmöglichkeiten haben wie die Dänen mit dem SSW. Und wie sieht es in anderen Ländern aus? Nicht überall werden Minoritäten an den Rand der Gesellschaft gedrängt. In manchen Ländern sind kleinere Volksgruppen sogar in der Regierung vertreten.
Ärger um das Zünglein
Für den SSW könnte es zur ersten Regierungsbeteiligung kommen. Die CDU ist empört. Dietrich Mohaupt berichtet
Anke Spoorendonk, die Spitzenkandidatin des SSW, und der Vorsitzende Flemming Meyer. (dpa | picture alliance | Carsten Rehder )In Kiel setzen SPD und Grüne auf eine Koalition mit dem SSW. Für die Partei der dänischen und friesischen Minderheiten wäre es die erste Regierungsbeteiligung seit ihrer Gründung 1948. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Partei rasant. Einer der Gründe: Wer sich der dänischen Minderheit zuwandte, bekam Lebensmittelpakete. Abfällig wurde daher der Begriff "Speckdäne" verwendet. Heute hat die Partei rund 3700 Mitglieder. Im aktuellen Landtag ist die Partei mit drei Mandaten vertreten und könnte zum ersten Mal einen Minister stellen.
Das versucht die CDU zu verhindern: Ihrer Meinung nach darf der SSW mit seinen besonderen Bedingungen nicht das Zünglein an der Waage werden.
Das letzte Haus vor England
Der Nordfriese Jens Quedens über das Leben auf Amrum
Lebensgefühl Freiheit: Auch das gehört zur friesischen Minderheit. (derpunk | flickr | CC BY-NC-SA 2.0)Jens Quedens ist Friese von Geburt und aus Überzeugung. Die See hat der 67-Jährige jeden Tag vor der Haustür: "Ich habe das letzte Haus vor England", sagt Quedens. Die nordfriesische Insel Amrum ist seine Heimat. Hier betreibt er einen Fotoladen und einen Verlag für friesische Bücher.
Er habe mal eine Frau aus Amrum in Los Angeles getroffen, die eine Erkältung gehabt habe. "Da habe ich sie einfach auf Friesisch angesprochen. Dann war die gesund." Das Friesische ist für ihn besonders wichtig. Wie ihn seine Erziehung geprägt hat und wie das Friesische seinen Alltag prägt, das erzählt er im Interview. "Und wenn Sie was fragen, was ich nicht beantworten will – dann spreche ich eben Öömrang", sagt er. Ein Dialekt, den nur etwa 500 Menschen sprechen.
Deutschland, deine Minderheiten
Ein Gespräch mit Thede Boysen, Vorsitzender des Minderheitensekretariates
Am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus unterrichtet eine Lehrerin die sorbische Sprache. (dpa|picture alliance|Patrick Pleul)
Friesen, Dänen, Sorben sowie Sinti und Roma: Sie sind in Deutschland als nationale Minderheiten anerkannt. Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede sprechen wir mit Thede Boysen. Jahrhundertealte Bräuche und eine eigene Sprache: Diese Merkmale gelten für die vier nationalen Minderheiten in Deutschland. Aber es gibt viele Unterschiede: Die Dänen und Friesen haben mit dem SSW eine politische Vertretung, für Sorben gibt es ein eigenes Radioprogramm, Sinti und Roma werden durch einen Zentralrat vertreten. Bei Thede Boysen laufen alle Fäden zusammen.
Der Friese ist Vorsitzender des Minderheitensekretariats in Berlin und betreibt Lobbyarbeit für die vier Gruppen. Er informiert den Bundestag und die Bundesregierung. Boysen möchte erreichen, dass die Interessen von Friesen, Dänen, Sorben sowie Sinti und Roma in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden. Sie seien eben nicht nur "Deutsche mit exotischem Hobby".
Du bist Minderheit
Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg, erklärt wie sich die Zugehörigkeit zu einer Minderheit auf den Einzelnen auswirkt.
Anders als die anderen: Verhalten sich Minderheiten so wie die Mehrheit es von ihnen erwartet? (Gerg1967 | flickr | CC BY-NC 2.0)Milliardäre sind die Minderheit der Minderheiten. Denn sie sind eine der wenigen Gruppen, bei denen der Begriff "Minderheit" nicht negativ besetzt ist, sagt Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg. Minderheiten werden oft über Klischees und Vorurteile identifiziert. Das bleibt nicht ohne Folgen, mitunter nehmen Angehörige einer Minorität die ihnen gesellschaftlich zugeordneten Verhaltensweisen an.
Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit und der Umgang der Gesellschaft damit können also dazu führen, dass sich jemand schwächer fühlt, als er oder sie tatsächlich ist. Das ist aber nur ein Aspekt der Frage, was es mit einem macht, von Geburt an einer Minderheit anzugehören – die Psyche kann darauf auch ganz anders reagieren.
Ethnische Minderheiten regieren
Ein Gespräch mit Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker über Minderheiten, die Mehrheiten regieren.
In Ruanda beging die Hutu-Mehrheit den Völkermord an der Tutsi-Minderheit. (picture alliance | dpa | Wolfgang Kumm)Repression und Vetternwirtschaft haben viele Gründe. Einer kann damit zu tun haben, dass sich mit unfairen Mitteln eine Minderheit an der Macht halten will.
Unter anderem durch die willkürliche Grenzziehung der Kolonialherren im 19. Jahrhundert wurden im globalen Süden Stammesgebiete zerteilt, was zu ethnischen Vielvölkerstaaten führte.
In manchen dieser Staaten haben nach dem Ende des Kolonialismus nicht die größten Volksgruppen die Regierung übernommen, sondern die kleineren.