Samstag, 25. Mai 2013

Globus /

Moskau Blaue Eimer gegen Bonzen  

Die "Gemeinschaft der blauen Eimer" protestiert am 12.5.2010 in Moskau gegen Verkehrsraudies mit Blaulicht.
Blaue Eimer sind mittlerweile überall in Moskau zu sehen... (AP)

von Stephan Laack

Moskaus Bürger protestieren gegen Staatsbedienstete und Wirtschaftsbonzen, die sich mit Blaulichtern auf ihren Autos freie Fahrt auf Moskaus Straßen verschaffen.

Der Veranstaltungsort hatte Symbolcharakter: ein kleiner Park zwischen Nobelhotel Ukraina und dem Weißen Haus, Sitz der russischen Regierung, hatte sich die Blaue-Eimer-Gesellschaft für ihre Kundgebung ausgesucht. Trotz relaxter sommerlicher Atmosphäre und Hip-Hop-Klängen über Lautsprecher, die Gruppe mit dem merkwürdigen Namen hat ein ernstes Anliegen, das viele Moskauer bewegt.

Freie Fahrt für reiche Bürger

Sie protestiert gegen die Privilegien von Staatsbediensteten, die mit Blaulichtern auf ihren Edelschlitten die Moskauer Straßen unsicher machen. Bis zu 2000 solcher Wagen mit Sonderrechten soll es geben, so die Veranstalter. Unter ihren Besitzern seien auch reiche Geschäftsleute, die sich die Nutzung der Blaulichter erkauft hätten.

"Keine Blaulichter, keine Staatswillkür", rufen die gut 150 Demonstranten. Auf Transparenten fordern sie: "Bedienstete des Volkes, nehmt das Blaulicht ab" oder "Staatsgewalt, leg dir selbst auch Regeln auf". Sie wollen ein Ende der Zweiklassengesellschaft.

Das Blaulicht berechtigt zur Nutzung einer eigens reservierten Mittelspur, notfalls auch dazu, bei Stau auf die Gegenfahrbahn auszuweichen. Immer wieder kommt es dabei zu schweren Unfällen mit Toten und Verletzen. Die Verursacher werden in der Regel nicht zur Rechenschaft gezogen.

Die Blaulichter sorgen für zahlreiche Unfälle

Wladimir ist mit seinem Fahrrad und einem kleinen blauen Eimer auf seinem Helm zur Protestkundgebung gekommen. Die Sonderrechte für einige wenige regen ihn schon lange auf. Er persönlich war deswegen schon in einen folgenschweren Unfall verwickelt. "Ein Wagen mit Blaulicht bog ab, ohne den Gegenverkehr zu beachten. Ich fuhr mit normaler Geschwindigkeit. Ich musste aber wegen seines Manövers plötzlich bremsen und krachte in einen anderen Wagen. Der mit dem Blaulicht fuhr davon und ich blieb stehen. Am Ende musste ich 4000 Euro für Reparaturen zahlen."

Moskauer Polizei nimmt einen Demonstrant fest, der gegen die Blaulicht-Previlegien und Verkehrsraudies protestiert. Am 12.5.2010 organisierte die "Gesellschaft der blauen Eimer" die Proteste. Auch von der Polizei wollen sich die Demonstranten nicht aufhalten lassen. "Es gibt eine große Gruppe engagierter Bürger, die ihre Rechte bis zum Ende verteidigen", sagt einer der Protestler. (Ap)

 

Sein Fall ist keine Ausnahme. Für Aufsehen sorgte zuletzt ein Vorfall auf dem Kutuzovsky Prospekt. Ein russischer Geschäftsmann bewies Nerven, als ihn eines morgens auf seiner Fahrspur ein BMW 745 mit Blaulicht entgegenkam. Die eingebaute Vorfahrt eines Präsidentenberaters wollte er nicht akzeptieren. Er wich nicht aus und zwang den Wagen zum Anhalten. Dabei filmte er das Ganze auch noch per Handy.

Als er den Clip im Internet veröffentlichte, war die Resonanz riesengroß. Doch der Geschäftsmann selbst betrachtet sich nicht als Helden. "Alle fragen mich, wie kann man so auftreten, wie kann man so etwas wagen. Die Staatsgewalt kann doch jeden bestrafen. Das ist doch traurig, so zu denken. Was habe ich denn Besonderes getan? Mein Verhalten ist nichts Besonderes. Ich habe bloß die brennende Frage vieler Menschen aufgegriffen."

Bürger montieren aus Protest blaue Eimer auf ihre Autos

Die Blaue-Eimer-Gesellschaft hat den Nerv vieler Moskauer getroffen. Als Erkennungszeichen tragen sie blaue Eimer auf dem Kopf oder montieren sie auf Autodächer. Die Veranstalter freuen sich über die positiven Reaktionen. "Wenn wir mit den blauen Eimern auf den Wagen unterwegs sind, winken uns die Menschen zu, lächeln, klatschen manchmal auch Beifall. Und noch etwas: Nach einer Umfrage der Präsidentialverwaltung haben 80 Prozent der Befragten gesagt, wir unterstützen die Aktionen. Das ist ein phänomenaler Erfolg. Ein Politiker kann davon nur träumen. 80 Prozent, das ist doch super." Und so wollen sie ihre Aktionen fortsetzen, trotz aller Widerstände. Vereinzelt kam es in der Vergangenheit schon zu kurzfristigen Festnahmen.

Einer der Redner bei der Demonstration gibt sich kämpferisch. Seine Tochter starb bei einem Unfall mit Lukoil-Vizechef Barkow. Der Fall ist immer noch nicht aufgeklärt. "Ich möchte, dass eine Vorstellung endlich zerstört wird und dass die Machthaber das auch begreifen. Es gibt keine stumpfsinnige, schweigende Menschenmasse, sondern es gibt eine große Gruppe engagierter Bürger, die ihre Rechte bis zum Ende verteidigen wird. Ich wünsche uns dabei viel Erfolg."

Weitere Informationen:


Video von der Blauen-Eimer-Demonstration in Moskau auf YouTube (russisch)

Überall auf den Straßen sind Autos mit blauen Eimern zu sehen - Video auf YouTube

Mit blauen Eimern in den Straßenkampf - Artikel im "Spiegel" (9. Mai 2010)

Blaue Eimer als Protest - Artikel auf dw-world.de (19. Mai 2010)


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