Netzreporter XL Sex, Gewalt und Hochkultur
Ein Talk über Computerspiele
Ballern, Brüste, Autorennen - das sind die gängigen Klischees von Games. Aber sind sie nicht längst auf Augenhöhe mit Büchern, Filmen und Theaterstücken? Noch immer gelten sie in der breiten Öffentlichkeit als minderwertige Unterhaltung, die Feuilletons fassen sie nur mit spitzen Fingern an. Wir fragen: Sind Computerspiele Kultur?
Ein Mann bedrängt die gefesselte Lara Croft, betatscht sie. Will er sie vergewaltigen? Im letzten Moment bekommt sie die Hände frei und erschießt ihn aus nächster Nähe. Blutbespritzt und traumatisiert taumelt sie davon. Unserem Gast, dem Blogger Deef Pirmasens ging der Trailer für das neue Tomb Raider Game zu weit. Das Video sei sexistisch, die angedeutete Vergewaltigung geschmack- und verantwortungslos, schrieb er auf seinem Blog. Dort, bei Polyneux und auf Twitter entbrannte eine heftige Debatte über Sexismus und Gewaltdarstellung in Computerspielen. Wie weit dürfen Spiele gehen? Sind Vergewaltigungsszenen und brutale Gewaltorgien noch mit Kunstfreiheit zu rechtfertigen? Werden Frauen in Computerspielen grundsätzlich auf Ihre optischen Reize reduziert?
Mehr Umsatz als in der Filmindustrie
Spannende, wichtige Fragen – die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Obwohl Computerspiele längst die Filmindustrie in Sachen Umsatz überholt haben, bleibt die Rezeption von Computerspielen für gewöhnlich auf Fachmagazine beschränkt. Während Musik, Film und Kunst in den Feuilletons diskutiert und rezensiert werden, schaffen es Spiele höchstens mal als Einspalter auf die Medienseite.
"Zocken" – Unterhaltung zweiter Klasse?
2008 wurden Computerspiele vom deutschen Kulturrat offiziell als Kulturgut anerkannt – genützt hat das wenig. Noch immer gilt "Zocken“ als Unterhaltung zweiter Klasse. Christian Schiffer, unser zweiter Gast, kritisiert diesen Zustand und macht dafür nicht zuletzt die Berichterstattung der deutschen Fachmagazine verantwortlich. Mit ihrer Wertungsmanie und Prozentfixiertheit würden Spielzeitschriften zu einer Art von Hermetik beitragen, die den kulturellen Zugang erschwere. Sollen Games als Kulturgut angesehen werden, sei es also Voraussetzung, dass anders über sie gesprochen werde.
Lott rechnet mit der Branche ab
Er nimmt damit Bezug auf eine Debatte, die unser dritter Gast, Gunnar Lott, auf seinem Blog zusammenfasst. In einem Essay bei Spiegel Online rechnete Christian Schmidt, der scheidende stellvertretender Chefredakteur der GameStar, mit seiner Branche ab. Platt und ideenlos seien viele Tests, die Spielekritik würde ihrem Medium nicht gerecht.
Von der Ästhetik weg hin zu den Inhalten
Neben Sexismus-Vorwürfen und der Kulturgut-Frage wird der Zustand des Computerspiel-Journalismus unser drittes Thema sein. Was kann, was soll, was muss sich ändern, damit in Zukunft nicht nur über Grafik und künstliche Intelligenz, sondern ebenso über die politischen und gesellschaftlichen Botschaften von Spielen gesprochen wird?
Gäste: Journalist Christian Schiffer, Spielexperte Gunnar Lott und Blogger Deef Pirmasens
Moderation: Vera Linß (Berlin)
Redaktion: Simon Hurtz, Markus Heidmeier, Kooperative Berlin