Dienstag, 21. Mai 2013

Kultur /

Neurowissenschaften Der Allmachtswahn der Hirnforschung  

Der Soziologe Torsten Heinemann kritisiert den Hype um die Neurowissenschaften

Ein Mann trägt eine Kappe mit Elektroden zur Untersuchung der Gehirn-Aktivitäten.
Elektroden zur Untersuchung der Gehirn-Aktivität (Ian Ruotsala/ Flickr/ cc-by-nc-sa)

Viel heiße Luft. Die Neurowissenschaften bekommen mehr Aufmerksamkeit als sie verdienen, sagt Torsten Heinemann. Grund seien wirtschaftliche Interessen, aber auch unser Drang, auf alles eine Antwort haben zu wollen.

Die Hirnforschung findet seit Jahren viel Beachtung in Wissenschaft und Medien. Sie wird als Schlüsseldisziplin zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und existenzieller Fragen angesehen. Sie verspricht Antworten auf Fragen nach der Entstehung und Heilung von Krankheiten, Faktoren für schulischen Erfolg, Auswirkungen von Stress oder unser Selbstverständnis als Mensch.

"Verspricht zu viel, liefert zu wenig"

Doch meistens bleibt es beim Versprechen. Und da setzt die Kritik des Soziologen Torsten Heinemann an. Die Erkenntnisse, welche die Neurowissenschaften bisher geliefert hätten, stünden in keinem Verhältnis zum Erfolg dieser Wissenschaft in der Öffentlichkeit, sagt er. In seinem gerade erschienenen Buch "Populäre Wissenschaft. Hirnforschung zwischen Labor und Talkshow" zeigt er auf, warum diese Art der Popularisierung von Wissen problematisch ist.

Gründe für die Popularisierung

Er nennt drei Gründe: Erstens seien die vermeintlich neuen Erkenntnisse oft Jahrzehnte alt oder schlicht banal, zweitens liege den Deutungsangeboten ein neuronaler Determinismus (Reduktionismus) zugrunde und drittens werde Wissen allein auf seinen praktischen Nutzen und die ökonomische Verwertbarkeit reduziert.



Mehr bei DRadio Wissen:

Drogen fürs Denken
Gespräch mit Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Universität Mainz
(Meine Zukunft vom 06.01.2011)

Der Bauch fühlt mit
Gespräch mit dem Humanbiologen Michael Schemann
(Natur vom 10.04.2012)

Lauschangriff aufs Gehirn
Kalifornische Neurowissenschaftler haben ein Computermodell entwickelt, das die Hirnströme zurück in Klänge verwandelt.
(Natur vom 02.02.2012)

 

Zum Kommentieren bitte registrieren oder anmelden.

  • Seite 1 / 1

Kommentare 1 - 1 von 1

  • 1. Aufmerksamkeit ohne Vorurteil

    Die Banalität und das Alter von Erkenntnissen sprechen nicht gegen deren Korrektheit. Man kann die Erkenntnis, dass die Menschen alles aus ihrer Umwelt über ihre Sinnesorgane erfahren und vermittels ihrer Muskeln darin agieren, als alt und banal betrachten. Dann ist es ebenso banal, dass es das Gehirn dazwischen ist, welches aus aktuellen und von früher behaltenen Erfahrungen erfahrungsgemäße (sic!) Handlungen steuert. Problematisch wird es, wenn diese Befunde mit vorwissenschaftlichen Vorurteilen, wie der sog. Freiheitsintuition in Konflikt geraten. Die Kritiker der Hirnforschung beharren darauf, dass diese Intuition korrekt sei, ohne die Stichhaltigkeit dieser These zu hinterfragen. Dabei gibt es im wirklichen Leben hinreichende Hinweise darauf, dass wir unseren Gedankenstrom (und damit unsere Entscheidungen und Handlungen) nicht aktiv-bewusst steuern können, sondern dass er aus einer unbewussten Quelle strömt, auf die wir keinen Zugriff haben. Das wurde in einem anderen neuen Buch ausführlich dargelegt: Andreas Eisenrauch: Der Einfall und die Freiheit -Lebensweltliche Indikatoren der Unfreiheit menschlichen Denkens. BoD, Norderstedt 2012. ISBN 978-3-8482-0487-8 Es zeigt sich so, dass sich bei vorurteilsfreier Analyse der Lebenswelt die Diskrepanzen zwischen der Conditio Humana und deren naturwissenschaftlichen Beschreibungen dramatisch verringern, wodurch jeder Grad der Aufmerksamkeit für die Neurowissenschaften gerechtfertigt ist.

    AllesPhilo 20.06.2012 14:54 Uhr

Wenn Sie Verstöße gegen unsere Kommentar-Regeln feststellen, informieren Sie bitte die Forenadministration per E-Mail.

  • Seite 1 / 1

Beitrag hören

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur

Mehrere archäologische Funde: gespitzte Steine und Tierknochen.

ArchäologieEin Plädoyer für die Buddelei

Lohnen sich Baustopps und aufwändige Konservierung überhaupt?!

Mehr …

ReligionGetauft - und dann?

In der katholischen Hochburg leeren sich die Kirchenbänke.

Mehr …

Ein Schild, auf dem steht: Kühe Musik Haldern

Line-upWir bauen uns ein Festival

Die hohe Kunst der Festival-Planung: Bekannte Bands. Unbekannte Bands. Dixie-Klos. Ein gutes Line-up.

Mehr …