Ökosysteme Insekten als Wirtschaftsmacht
Der Forst- und Umweltwissenschaftler Tobias Plininger und der Umweltforscher Christoph Görg sprechen über Chancen und Risiken des Ökosystemleistung-Konzepts.
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- Eine Biene mit prall gefüllten Pollenhöschen im Stempel einer Blume. (bby_ | Flickr | CC BY-NC 2.0)
In den Naturschutz hält ein neues Konzept Einzug. Mit dem Begriff der Ökosystemleistungen wird die ökonomische Bedeutung von Biodiversität und Ökosystemen in den Fokus gerückt. Das Ziel: Konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Wir alle ziehen Nutzen aus Ökosystemen. Zum Beispiel durch deren Einfluss auf das Klima, durch Land- oder Forstwirtschaft oder auch schlicht durch den Genuss ihrer Ästhetik. Ökosystemleistungen, Ökosystemdienstleistungen oder auch ökosystemare Dienstleistungen nennt man diese Werte, von denen wir tagtäglich profitieren und die doch erst allmählich von der Gesellschaft nicht als völlig selbstverständlich sondern als eine Art schützenswertes natürliches Kapital wahrgenommen werden.
Natur als Kapital
In der Naturschutzpolitik etabliert sich dieses nutzenorientierte Konzept mehr und mehr. Der Begriff Ökosystemleistung hat sich vermutlich mit dem UN-Bericht "Millennium Ecosystem Assessment" aus dem Jahr 2005 durchgesetzt, die einen systematischen Überblick über den weltweiten Zustand Ökosystemleistungen gab. Einen entscheidender Impuls ging später von der Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB), die unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführt wurde, um den ökonomischen Wert von Ökosystemleistungen und Biodiversität sowie die Folgen einer Beinträchtigung dieser Werte besser abschätzen zu können.
In dem 2010 veröffentlichten Bericht heißt es etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, dass der gesamte wirtschaftliche Wert der Bestäubung durch Insekten für das Jahr 2005 auf 153 Milliarden Euro jährlich geschätzt wird, was fast einem Zehntel der weltweiten landwirtschaftlichen Produktion dieses Jahres entspricht. Der Ansatz will einen Schutz der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen "Dienstleistungen" der Natur für den Menschen mithilfe von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fördern. Allerdings gibt es auch Kritik an der Betonung des funktionalen Aspekts von Natur (als Beispiel sei hier die Position des BUND genannt ).
Wissenschaftliche Erkenntnisse und praxisnahe Handlungsanweisungen
Getragen von der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, dem Ecological Institut Berlin, dem Öko-Institut e.V. und dem Institut für Landespflege der Universität Freiburg untersucht die interdisziplinäre "Nachwuchsgruppe Ökosystemleistungen" die Beziehungen zwischen marktbasierten Instrumenten, Ökosystemleistungen und Lebensqualität in mitteleuropäischen Kulturlandschaften. In einer Vorlesungsreihe im Winter 2011 stellte die Forschergruppe ihre Arbeit und das Konzept Ökosystemdienstleistungen der Öffentlichkeit vor.
Der Leiter der Nachwuchsgruppe, Tobias Plieninger, führte am 23. November 2011 in das Konzept der Ökosystemleistungen ein.
Am 01. Dezember 2011 sprach Christoph Görg, Professor für politikwissenschaftliche Umweltforschung, über die Ziele und Grundgedanken, aber auch die kritischen Punkte und offene Fragen des Konzepts.
Hier geht es zu den Folien des Vortrags:
"Das Konzept der Ökosystemleistungen im Kontext der europäischen Landnutzung" von
Tobias Plieninger und hier zu den Folien des Vortrags "Ökosystemdienstleistungen - zwischen Natur und Gesellschaft" von Christoph Görg.
In dieser Reihe wurden bereits folgende Vorträge gesendet:
Ökosysteme: Der Wert der Natur
"Heimat, Inspiration, Erholung - Wie Landschaften auf immaterielle Weise zur Lebensqualität beitragen" - Vortrag von Claudia Bieling und "Ökosystemleistungen und die Beratung der Politik zur globalen Nachhaltigkeit" - Vortrag von Wolfgang Cramer.
Ökosysteme: Landwirtschaft vs. biologische Vielfalt
"Ökosystemdienstleistungen, Biodiversität und die Intensivierung der Landwirtschaft" - Vortrag von Teja Tscharntke.