Mittwoch, 19. Juni 2013

Meine Zukunft /

Österreich Parlament ohne Ton  

Beitrag von Florian Falzeder

Helene Jarmer
Helene Jarmer (Dima Konsewitch/flickr/cc-by-nc-sa)

Helene Jarmer sitzt seit 2009 im österreichischen Parlament. Das wäre an sich nichts besonderes, aber die Grünen-Politikerin ist die erste gehörlose Abgeordnete ihres Landes.

Wie funktioniert da der politische Alltag, wie führt Helene Jarmer zum Beispiel Debatten? Und was bedeutet das parlamentarische Amt einer Gehörlosen für andere körperlich Behinderte?

Florian Falzeder hat Helene Jarmer getroffen.

Weitere Informationen:

Mittendrin statt still dabei. Porträt von Helene Jarmer. (sueddeutsche.de, 9.7.2010)

Das Transkript des Beitrags:

"Manches Mal melden mir Dolmetscherinnen zurück, dass sie durch die Lautstärke einfach müde werden. Für mich nicht. Sehr angenehm drinnen. Still. Bei manchen Menschen ist es nicht immer ganz offensichtlich, dass man auch Vorteile hat, wenn man gehörlos ist. Aber das ist ein Vorteil."

Es sind die Worte der Parlamentsabgeordneten Helene Jarmer, aber nicht ihre Stimme – die leiht sie sich von der Dolmetscherin Isabella Rausch. Jarmer verlor ihr Gehör bei einem Autounfall, als sie zwei Jahre alt war. Früher hätte man gesagt, sie sei taubstumm. Dieser Begriff ist nicht nur politisch nicht-korrekt, er geht auch an den Tatsachen vorbei, denn Jarmer kann sprechen, wenn auch nicht im klassischen Sinne. Ihre Muttersprache ist die Gebärdensprache, die sie von klein auf lernte.

"Meine Eltern sind auch gehörlos, zufälligerweise. Ob das jetzt ein Witz ist, Wahrheit... Ja es ist so."

Beim Gebärden formt sie stumme Worte mit ihrem Mund, manchmal gibt sie dabei Töne von sich, die sie selbst nicht hören kann. Eloquent und präzise formuliert sie Sätze mit Handzeichen, Mimik und Gestik, die synchron von Rausch gedolmetscht werden. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Dabei bleibt stets klar, wer das Gespräch führt. Wenn man sich mit ihr unterhält, spricht man stets mit Jarmer. Dass ihre geliehene Stimme aus einer anderen Richtung kommt, wird nach kurzer Zeit zur Nebensache. Für die Politikerin, die für die Grünen seit 2009 im österreichischen Parlament sitzt, ist das Gespräch über Dritte Routine.

"Telefonate mache ich mit Dolmetscherinnen, Radiointerviews mit Dolmetscherinnen, auch im Fernsehen begleitet mich eine Dolmetscherin, um auch barrierefrei kommunizieren zu können. Und wichtig dabei ist auch zu sagen, bei Veranstaltungen, Klausuren, Parteitagungen, wie auch immer, gibt es dann auch abends die Möglichkeit informell zu sprechen; da begleitet mich auch eine Dolmetscherin. Da kann ich also privat kommunizieren und mich mit den Leuten austauschen."

An diesem Tag steht ein Gespräch mit Gerhard Höllerer auf der Agenda. Auch er ist sinnesbehindert – er ist blind, und Präsident des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Als Behindertensprecherin der Grünen-Fraktion im Nationalrat ist Jarmer seine Ansprechpartnerin. Sie treffen sich halbjährlich, um sich informell auszutauschen. Heute ist auch der PR-Referent des Blindenverbandes mit dabei. Er führt Höllerer in die Cafeteria des Parlaments. Von der Decke hängen abstrakte Kronleuchterformationen, es ist hell, aber ein bisschen Wiener Kaffeehaus-Charme spürt man. Höllerer beginnt zu sprechen.

Jarmer: "Darf ich Sie vielleicht kurz unterbrechen? Können Sie ein bisschen mehr in Richtung Dolmetscherin sprechen? Die hat nämlich Schwierigkeiten die Nebengeräusche wegzufiltern."

Höllerer: "OK."

Jarmer: "Dankeschön."

Die Dolmetscherin sitzt immer gegenüber von Jarmer. So haben sie sich stets im Blick und können miteinander kommunizieren. Der Kaffee ist da, Höllerers Begleiter gibt ihm etwas Zucker in die Tasse. Jarmer blickt überrascht auf. Es war eine ordentliche Menge, die aus dem Zuckerstreuer in der Tasse gelandet ist.

Jarmer: "Woher wissen Sie, dass es genug oder zu wenig oder zu viel ist? Er könnte Ihnen ja die ganze Tasse voll machen."

H: "Wenn ich umrühre, spüre ich unten am Boden, wieviel Zucker drin ist."

J: "Ah ja genau. Auf des hab ich natürlich nicht gedacht."

H: "Und wenn sich's sehr schwierig umrühren lässt, dann ist viel Zucker drin."

J: "Verstehe."

Dazwischen informiert Höllerer die Politikerin über Fortschritte und Rückschläge beim Kampf um die Interessen von Blinden und Sehbehinderten. Es geht um Telefonhotlines, mit denen zum Beispiel Apothekeninformationen erfragt werden können. Oder, dass bei vielen Fernsehfilmen keine Audiokommentare für Blinde zur Verfügung stehen.

"Moment ich muss hier schnell eine SMS formulieren."

Das Smartphone ist ein wichtiges Werkzeug für Jarmer. Telefonieren geht nur mit Dolmetscher. Also schreibt sie Nachrichten, die sie mit flinken Fingern in die kleine Tastatur des Geräts tippt.

"Ich muss also kontrollieren, mein Handy die ganze Zeit. Weil ich halte heute eine Rede und die möchte ich auf keinen Fall versäumen. Der Bildschirm da drüben ist ab, und jetzt weiß ich nicht wann ich dran bin."

Im Nationalrat steht das Thema Kinderrechte auf der Tagesordnung. Es geht um die Frage, ob und wie die UN-Kinderrechtskonvention in die österreichische Verfassung übernommen werden soll. Die Grünen stimmen als einzige Fraktion gegen den Entwurf. Jarmer erklärt ihren Standpunkt auf der Rednertribüne.

"Gleichberechtigte Behandlung: wie schaut es denn aus? Kinder haben keinen Rechtsanspruch auf selbstbestimmtes Leben, wie zum Beispiel, es gibt nicht den Rechtsanspruch für persönliche Assistenz für behinderte Kinder. Sie haben keinen Rechtsanspruch, Gebärdensprachdolmetschleistungen in Anspruch zu nehmen."

Den Ablauf und die Rede hat sie mit der Dolmetscherin zuvor geprobt. Rausch sitzt etwas abseits zwischen den Stenografen.

"Bildung: sind wir hier in einem Zustand, dass wir voll inklusive Bildung leben können? Wir haben nicht einmal einen inklusiven Fahrplan."

Nach der Debatte hat Jarmer noch ein Gespräch mit der 21-jährigen Alicia eingeplant. Sie ist ebenfalls gehörlos, und besucht ein Kolleg an der Höheren Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt, kurz „die Graphische", in Wien. Mit ihrer Mutter wartet die zierliche Studentin bereits im Besucherzentrum des Parlaments, als Jarmer eintrifft. Die Politikerin ist seit 10 Jahren auch Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes. Von ihr erhoffen sich Alicia und ihre Mutter Hilfe.

"Die Situation ist, dass meine Tochter wahnsinnig frustriert ist, zeitweise, die sitzt in der Klasse, bekommt nichts mit, sie muss..."

J: "Ach ich kenn das sehr gut, das war bei mir genau das gleiche..."

M: "Das ist schlimm, ja. Und die Vorgeschichte ist ja, dass die Alicia früher in der Realschule war in München, wo sie zweisprachig bzw. in Gebärdensprache unterrichtet worden ist. Und eigentlich alles alleine geschafft hat. Und dann kommt sie nach Wien, ist motiviert, fängt an und nach 2 Wochen war einfach schon die große Enttäuschung."

Auch Jarmer hat studiert – für eine Gehörlose eine große Herausforderung. Anfangs gab es überhaupt keine Dolmetscher, später wurde während der Prüfungen übersetzt. Sie konnte sich zwar mit ihren Kommilitonen arrangieren, die für sie die Vorlesungen mitschrieben. Doch akzeptable Studienbedingungen sehen für Jarmer anders aus. Unbekannte Fachwörter müssen gehörlosen Studierenden zum Beispiel in Gebärdensprache erklärt werden. Fehlen dafür die Sprachmittler, bleibt ein Studium für Gehörlose oft in weiter Ferne.

"Barrieren sind dafür zuständig, dass man sich behindert fühlt. Wenn sie nicht da wären würde man sich auch nicht so fühlen können. Also ohne Barrieren arbeiten zu gehen, Ubahn zu benützen, selbstbestimmt leben, dann bräuchte man nicht irgendwohin gehen und darum bitten müssen. In dem Moment, wo Barrieren und Hürden bestehen, wird man ausgeschlossen."

Helene Jarmer hat viele dieser Hürden persönlich kennengelernt. Manche konnte sie überwinden, und hat es zur ersten gehörlosen Abgeordneten im österreichischen Nationalrat gebracht, wo sie den Gehörlosen Gehör verschafft.

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