Plagiats-Affäre Guttenberg, der Spiegel und die Bild-Zeitung
Webschau mit Konstantin Zurawski
Die Plagiats-Affäre um Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bestimmt die Debatten im Netz. Und auch die Rolle der Bild-Zeitung wird diskutiert, nicht zuletzt, weil der Spiegel ("Bild - Die Brandstifter") sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitung mit den vier großen Buchstaben widmet.
Besonders ein Interview mit dem Staatsrechtler Professor Oliver Lepsius von der Bayreuther Universtität wird gegenwärtig viel verlinkt, seit Samstag wurde es auf Youtube über 50.000 mal angeklickt. Im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt Lepsius: "Wir sind einem Betrüger aufgesessen". Außerdem spricht Lepsius von der "Realitätsverkennung" des Verteidigungsministers. Er fragt: Wie könne Guttenberg etwas tun und sagen, er wisse nicht, was er getan hat. Ihn würde die Einschätzung eines Psychologen zu solch einem Verhalten interessieren.
Warum ist Guttenberg so beliebt?
Mit den immer noch guten Umfragewerten des Ministers beschäftigen sich die Blogger Michael Spreng und Jonas Schaible. Spreng geht der Frage nach, warum Guttenberg beim Volk so beliebt ist, obwohl doch so viele objektive Dinge gegen ihn sprechen:
"Der gemeine Wähler ist ein untreuer Geselle, wankelmütig, unberechenbar, bindungslos wandert er mal zur einen, mal zur anderen Partei. Mal wählt er gar nicht, mal entscheidet er sich erst in letzter Minute. Im Grunde ist der Wähler den Parteien ein Gräuel. Und das beruht auf Gegenseitigkeit: der gemeine Wähler hält die meisten Politiker für karrieregeile Nichtskönner, die nur an sich denken. Wehe aber, wenn der Wähler liebt. Dann liebt er bedingungslos."
Spreng vergleicht Guttenberg mit einem Popstar. Die Wähler lieben ihn, sagt er, sie seien treu, ebenso wie Fans eines Rockstars, dessen Drogenexzesse die Fans nicht erschüttern können. Eher im Gegenteil: Die Liebe und Verehrung würde umso stärker, je mehr das Idol angegriffen wird, weil die Fans glauben, sie müssten ihn beschützen. Spreng schreibt: "Fakten werden ignoriert. Die Fans haben sich ein Bild von ihrem Idol gemacht. Würden sie sich abwenden, würden sie ihre selbstgeschaffene Illusion zerstören."
Rücktrittsforderung
Jonas Schaible sieht das ähnlich, er hat den Fall Guttenberg einer demokratietheoretischen Betrachtung unterzogen und kommt zu dem Schluss, dass Guttenberg zurücktreten müsse:
"In dem Moment, in dem ein Politiker diejenigen bewusst täuscht, denen er doch eigentlich verpflichtet ist, konterkariert er die demokratische Idee. Dann nämlich wird er vom Agenten des Prinzipalen "Volk" zum Agenten in eigener Sache. Und ein Agent in eigener Sache passt nicht in das Konzept des demokratischen Herrschaftssystems. Der lügende Politiker koppelt sich ab vom Willensbildungsprozess. Er kann nicht kontrolliert werden."
Wolfgang Michal schreibt auf carta.info unter der Überschrift "Souverän ist, wer den Ausnahmezustand beendet". Darin macht er sich Gedanken darüber, inwiefern Fehler und nachträgliches Entschuldigen für die Fehler von Politikern zur Beliebtheit beitragen können.
Bild und Guttenberg
Für viele Online-Medien und Blogger ist die Bild-Zeitung ein Thema – denn in der aktuellen Ausgabe titelt der Spiegel: "Bild – die Brandstifter". In der Hausmitteilung des Spiegels ist dazu zu lesen, dass sie die Geschichte erst nicht veröffentlichen wollten, weil in Iran Reporter der Bild am Sonntag festgenommen wurden. Im Zuge der Plagiats-Affäre müsse man die Geschichte aber veröffentlichen. Denn die Bild-Zeitung würde Guttenberg stets unterstützen:
"Die Bild-Zeitung, Springers Boulevardblatt, eilte in der vergangenen Woche täglich dem wankenden Verteidigungsminister zu Hilfe, in dieser Form beispiellos. Die Zeitung teilt sich die Rolle eines deutschen Leitmediums zu, tatsächlich übernimmt sie die Rolle einer rechtspopulistischen Partei, die im deutschen Politikbetrieb fehlt."
Sascha Lobo twittert zum Spiegel-Thema: "Klingt nach einer soliden Attacke." Andere Blogger sehen das anders, sie sind enttäuscht. Ihnen geht der Angriff des Spiegels auf die Bild-Zeitung nicht weit genug. Jens Matheuszik vom Pottblog zum Beispiel schreibt, die Spiegel-Titelgeschichte sei enttäuschend, weil man nicht wirklich etwas Neues erfahre, wenn man gelegentlich das Bild-Blog liest.
Scheinheilige Berichterstattung des Spiegel
Robin Meyer-Lucht vom Carta-Blog sieht das ähnlich. Er schreibt:
"Der Artikel besteht leider aus einer enttäuschenden Spiegel-Melange aus Geschichtchen, Befindlichkeiten, Analyse-Fragmenten und irgendwelchem Füllstoff: Wie genau passt die zu Guttenberg-Protektion durch Bild mit dem Rechtspopulismus-Vorwurf zusammen? Wie genau lief die diskursive Inszenierung der zu Guttenberg-Verteidigung in Bild? Wie lautet die rechtspopulistische Agenda von Bild? All diese Fragen bleiben in der Spiegel-Geschichte im Ungefähren. Der Text wirkt wie eine hastig mit Bordmitteln zusammengeklaubte Ansammlung von längst Bekanntem."
Und dann gibt es auch noch Kritik von einigen anderen, der Tenor lautet, dass der Spiegel scheinheilig sei. Zum Beispiel deshalb, weil er der Bild-Zeitung eine positive Berichterstattung über Sarrazin vorwirft, dabei hätte der Spiegel ja selbst Passagen aus Sarrazins Buch veröffentlicht und ihm so zur Bekanntheit verholfen.