Montag, 20. Mai 2013

Hörsaal /

Politikberatung III Dissens als Taktik  

Naomi Oreskes erläutert ihre Thesen über den politischen Missbrauch wissenschaftlicher Kontroversen

Aus Fabrikschlote entweichen dicke Rauchwolken.
Dissens über die Ursachen der Erderwärmung nutzt Interessengruppen (flickr.com | Hiasinho CC BY 2.0)

Im gleichen Maße wie der Expertenrat an Bedeutung für politische Entscheidungen gewinnt, steigt auch das Risiko, dass wissenschaftliche Expertisen für politische Zwecke missbraucht werden. Zweifel am wissenschaftlichen Konsens etwa über den Klimawandel zu streuen, kann sich für bestimmte Interessengruppen auszahlen.

Denn die Beantwortung der Frage nach den Gründen der Erderwärmung kann massive wirtschaftliche und soziale Konsequenzen nach sich ziehen - für die Industrie etwa ein Mehr an Regulierung, für Privathaushalte beispielsweise eine Einschränkung des Lebensstandards.

Wider besseres Wissen

Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin und Geologin Naomi Oreskes befasst sich schon lange mit  der Frage, wie wissenschaftlicher Konsens oder Dissens entstehen und welche Rolle dieser jeweils spielt. Dazu hat sie eine ganze Reihe von Essays und Büchern geschrieben und herausgebracht - zuletzt zusammen mit Erik Conway: "Merchants of Doubt. How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco to Global Warming“. In diesem Buch argumentiert sie, dass Interessengruppen wissenschaftlichen Dissens nutzen und sogar wider besseres Wissen Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen streuen, um politische Ziele durchzusetzen. Im Falle der Debatte um den Klimawandel sei das zum Beispiel die Abwehr einer Regulierung des Marktes durch den Staat.

Beispiel Klimawandel

Ihre Recherchen und Thesen dazu hat sie am 20. März 2012 in Berlin erläutert. Ihr Vortrag "From Nuclear Winter to Climate Change - The Political Uses of Scientific Dissent“ ist Teil der Vortragsreihe "Wissenschaftliche Politikberatung“ (Teil I und Teil II), mit der die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit der Leibniz-Gemeinschaft die komplexen Beziehungen zwischen wissenschaftlichen Experten und Politikern in den Fokus rücken.



Weitere Vorträge dieser Reihe:

Politikberatung I
Das heikle Geschäft der Politikberatung
Der Politikwissenschaftler Dirk Messner spricht über die Fallstricke wissenschaftlicher Politikberatung
(Hörsaal)

Politikberatung II
Ethischer Rat nach Fukushima
Der Risikoforscher Ortwin Renn beschreibt Politikberatung in Krisenzeiten
(Hörsaal)

Politikberatung IV
Fragwürdige Nähe

Robert Pielke jr. untersucht die Rolle der wissenschaftlichen Berater von US-Präsidenten
(Hörsaal)

 

Mehr bei DRadio Wissen:

Rio+20: Wir beuten aus!
Die Menschheit wird diesen Planeten zerstören - und zwar nachhaltig.
(Agenda vom 20.06.2012)

Forschung: Attacken gegen US-Klimaforscher
Bericht von Madeleine Amberger
(Natur vom 02.12.2011)

Weitere Informationen:

N. Oreskes & E. Conway: Merchants of Doubt Am falschen Ideal des Wissens lässt sich leicht rütteln
(faz.net vom 26.10.2010)

The Scientific Consensus on Climate Change
Nature-Artikel von Oreskes über den Klimawandel-Konsens in wissenschaftlichen Publikationen
(sciencemag.org vom 21.01.2005 / PDF)

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