Mittwoch, 22. Mai 2013

Agenda /

Prostitution Weniger ist nackt  

Über die Arbeitsbedingungen von Prostituierten am Rande der Legalität

Eine Prostituierte wartet in Utrecht auf Freier.
Im Bordell, beim Escort-Service, auf dem Straßenstrich - Sex ist käuflich. (dpa | epa anp Robin Utrecht)

In Deutschland gibt es etwa 400.000 Prostituierte und Sex-Arbeiterinnen. Mehr als eine Million Männer nehmen deren Dienste täglich in Anspruch - ein Milliardengeschäft. Freiwillig gehen Frauen selten anschaffen, obwohl Prostitution in Deutschland mittlerweile legal ist. Für ihre Rechte und bessere Arbeitsbedingungen gehen die Sex Worker immer noch auf die Straße. Vom Straßenstrich bis zum größten Bordell Europas: unser Tagesthema.

Pragmatisch betrachtet ist es ganz einfach: Sex ist käuflich. Bei einem Escort-Service, in einem Bordell oder am Straßenstrich. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Man behandelt sich mit Respekt, erledigt sein Geschäft und bei gegenseitigem Gefallen sind Wiederholungstaten möglich.

Arbeitsbedingungen der Sex Worker

Doch solch eine Sichtweise ist naiv. Die Studentin, die sich aus Lust am Sex das Studium finanziert, ist eine Ausnahme - und wird es auch bleiben. Noch immer arbeiten die meisten Sex Worker unter (selbst-)ausbeuterischen Bedingungen. Am 2. Juni findet jedes Jahr der Internationale Hurentag statt, er soll auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen hinweisen. Im Englischen wird dieser Tag übrigens geschlechtsneutral als "International Sex Workers' Day" bezeichnet.

Legales Anschaffen seit 2002

Rotlicht-Viertel in Frankfurt Rotlicht-Viertel in Frankfurt (picture alliance / dpa)

Weltweit ist Prostitution in 22 Ländern legal, Deutschland gehört auch dazu - allerdings erst seit 2002. Damals brachte die Rot-Grüne-Regierung das "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse von Prostituierten“, kurz Prostitutionsgesetz, auf den Weg. Prostituierte können sich seitdem sozialversichern, der Geschlechtsakt zwischen Freier und Prostituierter gilt als rechtskräftig – damit kann die Frau ein noch ausstehendes Honorar von ihrem Freier einklagen.

 

Prostitution in Deutschland
Zahlen und Einblicke von Gisela Hartmann

Eine Prostituierte liegt am Montag (23.01.2012) in Köln im Bordell "Paschas" auf einem Bett.Prostituierte im Kölner Bordell Pascha. (dpa | Oliver Berg)"Es ist ein Job wie jeder andere." Mit solchen Sätzen soll das Image eines verruchten Jobs aufgebessert werden. Oder stimmt es möglicherweise sogar? Schließlich haben sich die Bedingungen für die Sex-Arbeiter in den vergangenen Jahren verbessert, zumindest in Deutschland. Eine angemeldete Prostituierte ist selbstständig, zahlt Steuern und ist sozialversichert. Reich wird sie mit ihrer Arbeit aber nicht: Durchschnittlich sollen Sex Worker in Deutschland etwa 2000 Euro brutto verdienen. DRadio-Wissen-Reporterin Gisela Hartmann hat Prostituierte getroffen, die den Job machen, weil sie Lust drauf haben. Mehr oder weniger.

 

Die Mutter aller Huren
Timo Grampes über Gott und die Welt

Die Hure Babylon reitet auf einem siebenköpfigen Wesen.Die Hure Babylon auf einem siebenköpfigen Wesen (Wiki Commons/ gemeinfrei)Am Anfang war die Hure. Auch im Neuen Testament taucht sie auf und hat direkt eine große Schuld auf sich geladen. Sie ist verantwortlich für den Untergang der Metropole Babylon, also für den Untergang der zivilisierten Menschheit. Daraus ist ein Mythos geworden, der schon mehr als 2000 Jahre lang interpretiert, analysiert und instrumentalisiert wird - von Künstlern, Musikern, Literaten, Heiligen und Scheinheiligen. Babylon ist eine Hure wider Willen, Bibel sei Dank!

 

Sex fürs Studium
Die Berliner Studentin Mavis erzählt von ihrem Nebenverdienst (Wdh. vom 10.06.2011)

Eine Frau hat sich "Studiengebühr führt zu Prostitution" auf die Haut geschrieben.Anschaffen als Ausweg (picture alliance / dpa)Das Buch "Fucking Berlin" hat für Aufmerksamkeit gesorgt - das freimütige Bekenntnis einer Berliner Studentin, die sich im Nebenjob prostituiert. Was ist dran am Thema Studienfinanzierung durch Sex? Das haben sich vier Berliner Studenten des Studienkollegs der Studienstiftung gefragt und eine Online-Erhebung in Berlin, Kiew und Paris gestartet. 3600 angemailte Studenten haben geantwortet. Jeder vierte Befragte kann sich Sex-Arbeit wie Strippen, Escort-Service oder Prostitution vorstellen. Die 28-jährige Berliner Philosophiestudentin Mavis hat diese Vorstellung in die Tat umgesetzt.

 

Geilomat: Der Androiden-Puff
Christian Rex über Zukunftsforscher, die von Robotern als Prostituierten träumen

Kunstaktion: Roboter-PeepshowKunstaktion: Roboter-Peepshow (Buskers Bern/Flickr/ cc by-sa/2.0/ deed.de)In 40 Jahren, sagt ein neuseeländischer Forscher, könnten Androiden Liebesdienste anbieten. Das hätte einige Vorteile: Androiden würden zum Beispiel keine ansteckenden Krankheiten übertragen. Außerdem würde niemand mehr zur Prostitution gezwungen.

Schon 2050 könnten Rotlichtviertel wie das in Amsterdam ganz anders aussehen. Der neuseeländische Forscher ist sich sicher, dass für die vielen Probleme um das Thema Prostitution innovative Lösungen gefunden werden müssen. Die mögliche Hemmschwelle, die vor der intimen Annäherung an technische Geräte steht, müsste aber noch überwunden werden.

 

Sextourismus: Die Welt zu Gast bei Freundinnen
Henryk Jarczyk über die Situation von polnischen Prostituierten

Leicht bekleidete Frau hält Handy in der Hand.In Polen ist kein Freier-Ansturm zu befürchten. (Thomas Leuthardt/ Flickr/ cc by/2.0/ deed.de)Während des Kommunismus war Prostitution in Polen verboten, heute ist sie legal. Seitdem haben sich auch die kriminellen Strukturen verschärft, sagt Irena Dawid-Olczuk von der internationalen Organisation gegen Menschenhandel "La Strada". Frauen aus Osteuropa würden mit falschen Versprechen nach Polen gelockt und dort zur Sexarbeit gezwungen.

In Polen gehen schätzungsweise 200.000 Frauen anschaffen, die meisten in Clubs. Dort bekommen sie am Ende nur einen Bruchteil des Geldes, das der Freier bezahlt. Zur Fußball-EM werden in Polen knapp eine Million Besucher erwartet, meist Männer. Trotzdem rechnet man nicht mit einem Sextourismus-Ansturm.

 

Die Lockhuren von Amsterdam
Anorte Linsmayer über eine ungewöhnliche Polizeiaktion

Ein Frau steht in Unterwäsche in einer rot beleuchteten Umgebung. Das Bild ist etwas unscharf.Prostitution hat viele Facetten. (Mr. Theklan | Flickr | cc-by-sa-2.0)Drei Schauspielerinnen quartieren sich im Hotel ein. Sie sprechen beim Einchecken mit osteuropäischen Akzent, hinterlassen Unterwäsche und mit Seife gefüllte Kondome im Zimmer und holen alle paar Stunden verschiedene Männer aus der Lobby ab. Mit dieser gespielten Aktion will die Polizei in Amsterdam feststellen, ob Hotels die Zeichen von Prostitution in ihren eigenen Häusern erkennen.

Prostitution ist zwar nicht illegal, die Hotels hatten aber im vergangenen Jahr beschlossen, gegen Prostitution und Menschenhandel vorzugehen. Polizei und Hotelverband stellen sie jetzt mit der Lockvogel-Aktion auf die Probe.

 

Stricher - Männliche Sexdienstleister
Redaktionskonferenz über die Tatsache: Prostitution ist nicht nur weiblich

Ein Prostitierter nimmt Kontakt aufEin Prostituierter nimmt Kontakt auf (knicolai | Flickr | CC BY-NC 2.0)Die gesellschaftliche Akzeptanz von Strichern ist nicht gerade die beste. Männliche Prostituierte sind permanten Diskiminierungs- und Stigmatisierungsprozessen ausgesetzt. Sexdienstleister sind mit einem doppelten Tabu belegt: Homosexualität und Prostitution. Neben der homo-/homosexuellen gibt es die hetero-/homosexuelle und hetero-/heterosexuelle Prostitution.

In der Redaktionskonferenz sprechen wir ab 18:00 Uhr mit Manuel Hurschmann. Er ist Sozialarbeiter und Streetworker bei der Essener Initiative "Nachtfalke".



Mehr bei DRadio Wissen:

Sex:

Behinderung: Ethisch umstrittene Sexualbegleitung
Menschen mit schweren Beeinträchtigungen, Schwerst- und Mehrfachbehinderte nehmen den Dienst der Sexualbegleiterin in Anspruch.
(Kultur vom 06.03.2012)

Mein Studium: Sexualwissenschaft
Angewandte Sexualwissenschaftler arbeiten beratend und therapeutisch.
(Mein Studium vom 13.05.2012)

Suchttherapie: Süchtig nach Sex
In den USA gilt "Sexsucht" als Krankheit.
(Natur vom 01.06.2011)

 

Pornografie:

Pornografie: Triebwagen unserer Gesellschaft
Filme für Erwachsene - und was sie mit uns machen.
(Agenda vom 02.03.2012)

Pornografie: Was wir sehen wollen - oder auch nicht
Jenseits der Wörterbücher fällt es schwer genau zu bestimmen, was Pornografie ist.
(Redaktionskonferenz vom 03.03.2012)

Feminismus: Humanistischer Porno
Petra Joy produziert Pornos für Frauen und begründet das mit Gendertheorien.
(Medien vom 02.03.2012)

 

Prostitution:

Frauenhandel: Horrortrip nach Asien
Immer mehr junge Frauen aus Afrika werden nach Asien verschleppt.
(Globus vom 09.03.2012)

Sex: Prostitution im Tierreich
Sex gegen Bezahlung ist keine exklusiv menschliche Schwäche.
(Spielraum vom 20.12.2011)

Rumänien: Sexhandel - am Gesetz vorbei
Das Geschäft mit der Ware Mensch blüht in Rumänien.
(Globus vom 10.03.2011)

Südafrika: Aidsprävention an der Autobahn
Südafrika hat neben dem Nachbarland Swasiland die höchste Aids-Infektionsrate.
(Globus vom 19.05.2011)

Japan: Vom Saulus zum Paulus
Der Helfer in Tokios Rotlichtviertel Kabukicho. Peter Kujath berichtet.
(Globus vom 05.11.2010)

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Kommentare 1 - 1 von 1

  • 1. Medizinstudentin und Teilzeit-Escortdame: Es gefällt mir sehr.

    Ich bin Medizinstudentin und Teilzeit-Escortdame. Dieser Escort Job ist das beste war was mir passiert ist und mir geht es sehr gut damit! Früher wurde ich andauernd angemacht, auf der Strasse, im Zug, in Restaurants. Seit ich als Escort arbeite reduzieren sich die unverschämten Angebote gegen null. Als Privatperson hatte ich unzählige One-Night-Stands mit Typen, die mir nachher nicht immer gefielen. Jetzt erkenne ich innerhalb von zwei Minuten, wie ein Mann sexuell tickt und im Bett will jeder verführt werden. Die Klienten suchen das Gegenteil von dem, was sie zu Hause haben. Männer mögen Frauen, die nicht wahnsinnig viel reden und fähig sind, einen guten Blowjob zu machen. Mein Arbeitsaufwand als Escort hält sich in Grenzen. Ich besitze etwas, das der Kunde will: Schönheit und Jugend. Der Mann besitzt etwas, was ich will: Geld. So kommt der perfekte Handel zustande. Ich sehe mich nicht als Prostituierte. Ich betrachte meinen Job als etwas Emanzipatorisches, wenn sich eine Frau für Sexdienste gut bezahlen lässt und dafür in allen Belangen unabängig bleibt. Die Männer wollen mit Frauen ins Bett, aber keine privaten Verpflichtungen eingehen. Ich nutze diesen Umstand zu meinen Gunsten. Ich habe ganz viele Dinge daraus mitgenommen mit Menschen um zu gehen und meinen Körper sehr wohl zu lieben. Ich habe sehr viel über mich selbst gelernt über meine Gefühle und was ich will. Bin selbstbewusster geworden meine Grenzen zu ziehen.

    Marlene82 24.02.2013 20:04 Uhr

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