Ruinenstadt Detroit Starthilfe
Die einst boomende Motor City verfällt.
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- Der verfallene Bahnhof von Detroit: Michigan Central Station. (flickr.com | TunnelBug CC BY-NC 2.0)
Sechs große Highways führen durch die Motor City Detroit. Eine Untergrund- oder Straßenbahn gibt es nicht, der zentrale Bahnhof ist verfallen. Schließlich sollte in dieser Stadt alles mit dem Auto erledigt werden. Wer durch Detroit fährt, bekommt einiges zu sehen: leere Fabrikhallen, verfallene Wohnhäuser und verlassene Stadtviertel.
Die Süddeutsche Zeitung meldete unlängst, dass die Stadtverwaltung von Detroit mehrere Problemviertel aufgebe und dass von 88.000 Straßenlaternen nur noch die Hälfte eingeschaltet werde. Mehr kann sich die Stadt nicht mehr leisten.
Eine Stadt, die verfällt
Skyline von Detroit/USA (OZinOH|CC BY-NC 2.0|flickr)
Detroit steht für den Verfall. Doch in der einst blühenden Industriemetropole gibt es mehr als Verfall und Gewalt: Junge Menschen ziehen nach Detroit und bringen ihr kreatives Potenzial mit. Bewohner entwickeln aus der Misere zukunftsweisende Projekte und bringen die Stadt ganz langsam wieder nach vorne.
DRadio Wissen blickt im Tagesthema auf diesen Aufbruch im Kleinen und fragt, was hinter dem Slogan "Wiege der Autoindustrie und des Techno" steckt.
Arm aber sexy
Der Wirtschaftsethiker Matthias S. Fifka spricht über den glanzvollen Aufstieg der Motor City und ihren Verfall.
Die verfallen Stuckdecke des Michigan Theater - ein ehemaliger Prachtbau in Detroit. (flickr.com | grabadonut CC BY-SA 2.0)Detroit war lange das Zentrum der US-amerikanischen Autoindustrie. General Motors, Ford und Chrysler - die Big Three - haben dort ihre Limousinen gebaut. Die US-amerikanischen Autohersteller produzieren immer noch in Detroit. Doch vor drei Jahren standen sie vor der Pleite. Das war nicht der erste Einbruch der Autoindustrie.
Schon in den späten 60er-Jahren begann der Abstieg: Firmen schlossen ihre Fabriken und verlagerten Jobs in Billiglohnländer. Die großen Autokonzerne hatten es verpasst, kleine Autos mit geringem Benzinverbrauch zu produzieren. Der große Crash folgte 2008 und 2009. Ford, Chrysler und General Motors haben sich - in Teilen - davon erholt.
Die Stadt selbst ist jedoch zur Ruine geworden. Nicht einmal die Straßenbeleuchtung kann sie sich leisten. Seit dem Jahr 2000 ist die Bevölkerung um ein Viertel geschrumpft. Müll, Junkies und bewaffnete Gangs - Detroit gehört zu den ärmsten und gefährlichsten Städten Amerikas. Das hat auch Vorteile: Die Mieten sind niedrig. Und so kamen in den vergangenen Jahren Musiker, Künstler, Filmemacher nach Detroit und verwandelten verlassene Fabrikhallen in Ateliers. Eine Hommage an eine Stadt, die eine lange Tradition als Kulturstadt hat, als Heimat des Motown-Labels und des Techno.
Schrumpfende Städte
Philipp Oswalt erklärt, warum ehemals boomende Städte zu schrumpfen beginnen.
Blick auf ein verfallenes Industriegebiet in Detroit. (flickr.com | robzand)Boomende Städte werden zu Shrinking Cities. Das ist ein Problem für die Architektur. Statt um den Aufbau kümmert sich dann die Architektur um den Rückbau, der häufig problematisch ist. Viele der Shrinking Citys waren ehemalige industrielle Zentren, die teilweise sehr schnell hochgezogen wurden. Man geht davon aus, dass viele der einst explodierenden Megacitys auch wieder kleiner werden. Wir sprechen mit dem Spezialisten für Shrinking Citys, Philipp Oswalt, wie die Architektur auf diese Prozesse vorausschauend reagieren kann.
Das Gespräch ist eine Wiederholung vom 31.10.2011.
Eine Stadt hilft sich selbst
Lu Yen Roloff über Detroits Weg aus der Krise.
Spirit of Detroit mit Basketball-Trikot. (flickr.com | femaletrumpet02 CC BY 2.0)Lu Yen Roloff hat in Detroit die Aufbruchstimmung nach dem Untergang der Autoindustrie eingefangen. Die Menschen sind gezwungen, ihre Stadt durch Eigeninitiative vor dem totalen Verfall zu bewahren. In den 1960er-Jahren war Detroit eine der prosperierenden Metropolen der USA, das Zentrum des Motown-Souls und der florierenden Autowirtschaft. Mit der Krise der Autoindustrie kam die Krise der Stadt: Heute herrscht eine Arbeitslosenquote zwischen 15 und 30 Prozent. Von ehemals 1,9 Millionen Einwohnern sind bis heute noch 700.000 geblieben. Mehr als 40 Prozent der Gebäude stehen leer, verfallen oder wurden abgerissen. 500.000 Menschen haben keinen Zugang zu guter Ernährung, weil es in 30 Kilometer Umkreis keine Filialen großer Supermarktketten gibt – aus Angst vor Überfällen.
Doch wo Staat und Kommune versagt haben, erstarkt das Phänomen Social Entrepreneurship: Detroiter Studenten, Künstler, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmer gründen Sozialunternehmen, VC Funds, Mikrokredit-Netzwerke, grüne Unternehmen und Initiativen. Das Spektrum reicht von der 100 Millionen Dollar starken New Economy Initiative über studentisch geführte Social Venture Funds und privat initiierte Inkubatoren bis zu Community-Gärten, Medienprojekten und kollaborativen Netzwerken.
Detroit erfindet sich neu
Katja Kullmann beschreibt in ihrem Buch "Rasende Ruinen" das Lebensgefühl in Detroit.
Mittlerweile steht Detroit nicht mehr für die boomende Automobilindustrie, sondern für Verfall. (Rory Mcharg|flickr|CC BY-NC 2.0)Die Leere sei das Schlimmste, heißt es in Blogs und Büchern. Die City Limits umfassen eine Fläche von 370 Quadratkilometern. "Es gibt so viel Platz, dass die Bewohner von San Francisco, Boston und Manhattan alle zusammen nach Detroit passen würden", schreibt Katja Kullmann in ihrer Reportage über Detroit.
Sie hat sich im Herbst 2011 aufgemacht in die "shithole" oder "brutalste, schmutzigste und bemitleidenswerteste Großstadt der USA". Sie hat viel von dem Elend, der Armut und der Kriminalität gefunden, für die Detroit seit Beginn des Verfalls bekannt ist. Sie hat auch ein Detroit des Aufbruchs vorgefunden: junge Menschen, die in diese Stadt kommen und neue Ideen mitbringen - die dieser Stadt wieder eine Zukunft versprechen.
Wiege des Techno
DJ, Produzent und Popjournalist Hans Nieswandt über Detroit.
Der Kölner Musiker und DJ Hans Nieswandt (hansnieswandt.de)Detroit - der Name der Stadt ist unweigerlich mit dem Techno verknüpft. Der Begriff tauchte hier zum ersten Mal in den 1980er-Jahren auf, als Kevin Saunderson, Juan Atkins und Derrick May mehrere Musikstile zu Computer-Sounds vermischten.
Einflüsse kamen von der deutschen Band Kraftwerk. In einem Interview mit der Zeitschrift "Wired" antwortete Juan Atkins auf die Frage, was seine Definition von Techno sei: "Today, I think 'techno' is a term to describe and introduce all kinds of electronic music. In fact, there were a lot of electronic musicians around when Cybotron started, and I think maybe half of them referred to their music as 'techno'. However, the public really wasn't ready for it until about '85 or '86. It just so happened that Detroit was there when people really got into it."