Donnerstag, 23. Mai 2013

Agenda /

Russland Wer hinter Pussy Riot steht  

Webschau mit Martina Schulte

Ein Mann träft ein Shirt mit der Aufschrift "Free Pussy Riot".
Unterstützung vor dem Madonna-Konzert. (dpa | Anatoly Maltsev)

Was der Prozess gegen die Punkband über die russische Gesellschaft aussagt.

Die Aufregung um den Prozess gegen die russische Punkband Pussy Riot geht in die nächste Runde. Im Mittelpunkt diesmal nicht die Bandmitglieder selbst, sondern Madonna, die sich im Umfeld ihres Konzertes in Moskau für die Freilassung der Kolleginnen starkgemacht hat. Das wiederum hat höchste Kreise in Russland derart irritiert, dass sie sich via Twitter an Madonna gewandt haben.

Es geht um das politische System

Der Prozess gegen Pussy Riot ist so gut wie gelaufen. Die Hauptverhandlung ist abgeschlossen, nur das Urteil steht noch aus. Es soll am 17. August gefällt werden. Auf Mädchenmannschaft.net schreibt Sabine Mohamed, im Prozess gehe es längst nicht mehr um Pussy Riot, sondern um eine Bestands­aufnahme des politischen Systems unter Putin. Mohamed geht auch noch einmal auf das, wie sie schreibt, "bewegende Schlussplädoyer“ von Nadezhda Tolokonnikova ein. Die politische Dimension arbeitet auch Andrew Sullivan beim Daily Dish heraus.

Um einen Überblick über die russische Blog-Landschaft zu gewinnen, hilft ein Blick auf Global Voices Online, die das Projekt RunetEcho gestartet haben, das Texte aus dem russischen Netz ins Englische überträgt. Zum Pussy-Riot-Prozess finden sich dort Posts von Andrey Tselikov, einem jungen russischen Wirtschaftsberater, der in die USA emigriert ist.

Eine überraschende Erkenntnis: Der Prozess werde in Russland kaum wahrgenommen. Ganz im Gegensatz zu den Ereignissen, die zu dem Prozess geführt hätten - das Konzert in der Kirche und einige andere Aktionen der Band.

Auch regimetreue Unterstützer

Tselikov schreibt außerdem, dass sich auch regimetreue Kräfte auf die Seite von Pussy Riot gestellt hätten. Außerdem werde vergessen, dass sich einige der heutigen Unterstützer zeitweise von Pussy Riot abgewandt hätten. Zum Beispiel der einflussreiche Galerie-Besitzer Marat Guelmann, der heute einer der größten Unterstützer der Gruppe ist oder auch Aleksey Navalny

Auch er gehört zu einer Gnadenfraktion von mehr als 200 bekannten russischen Intellektuellen, die sich in einem offenen Brief für Pussy Riot eingesetzt haben. Sie weisen darauf hin, dass zwei der Angeklagten Kinder hätten. Außerdem sollten sie nicht wie Kriminelle behandelt werden, weil sie nichts gestohlen und niemanden umgebracht hätten.

Der Journalist Dmitry Olshansky vertritt die Auffassung, diese Befindlichkeiten würden vermutlich von den meisten Russen geteilt.  Und Andrej Tselikov schreibt, die meisten wohlmeinenden russischen Blogger würden das Dilemma, in dem sich Pussy Riot befinde, nur verstärken, weil sie mildernde Umstände forderten und nicht die Rechtmäßigkeit der Verhaftung an sich infrage stellten.

Eine ausgefallene Idee hat in diesem Zusammenhang ein Blogger. Sein Vorschlag: Man solle Pussy Riot des Verbrechens der Schändung von toten Körpern und Friedhöfen für schuldig befinden. Der Vorteil: Das hätte nur eine Freiheitsstrafe von drei bis sechs Monaten zur Folge.

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