Sonntag, 19. Mai 2013

Meine Zukunft /

Schule Sprechen statt Gebärden  

Annegret Faber über den Umgang mit gehörlosen Schülern und Auszubildenden

Gerdi Schröder (l), Leiterin des Dezernats Staatliche Prüfungen im Amt für Lehrerausbildung Hessen, kommuniziert in Darmstadt mit einer Versuchsperson (r) in der Gebärdensprache.
Andere Grammatik - anderer Satzaufbau - Gebärdensprache. (dpa | Frank Rumpenhorst)

Seit zehn Jahren ist die Gebärdensprache in Deutschland offiziell anerkannt. Doch gerade einmal zehn Prozent der gehörlosen Schüler in Deutschland werden von Gebärdensprachlern unterrichtet, schätzt der Deutsche Gehörlosen-Bund.

Haben Sie Lust auf ein Experiment? Dann stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sind in einem Land, in dem man Ihre Sprache nicht spricht. Hinzu kommt, dass Sie nichts hören können. Es gibt für Sie nur eine einzige Möglichkeit die Menschen dort zu verstehen: Indem Sie versuchen die Worte von den Lippen abzulesen. Glauben Sie, dass das funktioniert? Genau das erwarten wir nämlich von Menschen, die gehörlos zur Welt gekommen sind. Auch sie haben nie unsere Sprache gehört.

Eine eigene Sprache

Gehörlose haben deshalb ihre ganz eigene Art, sich zu unterhalten – nämlich mit Gebärden. Diese sogenannte Gebärdensprache hat mit unserer Sprache nichts zu tun. Grammatik, Satzaufbau, alles ist völlig anders. Seit 2002 ist sie als eigenständige Sprache im Behindertengleichstellungsgesetz anerkannt. Aber diese politische Entscheidung muss noch lange nichts bedeuten. Gebärdensprache ist an Schulen und Ausbildungseinrichtungen immer noch die Ausnahme. Gehörlose werden in Sonderschulen gesteckt, mit dem Ziel, sie hörend und sprechend zu machen. Das Ergebnis ist absolut fraglich. So hat es jedenfalls Annegret Faber in einer Bildungseinrichtung für Hörgeschädigte erfahren.

Madeleine Stracke ist 21 Jahre alt und von Geburt an gehörlos. Sie sitzt an einem Arbeitstisch im Berufsbildungswerk Leipzig und feilt an einer Zahnprothese. Sie ist im 4. Lehrjahr.

Zahntechnikerin möchte Sie werden. Die Vermittlungschancen stehen gut, sagt Ausbilderin Katrin Herrklotz. 70 Prozent ihrer Schüler bekämen einen Job. Dafür sei es aber auch sehr wichtig, sprechen zu können. Madeleine Starke möchte sprechen und hören, so wie ihre Eltern, die nicht taub sind. Mit 12 Jahren bekam sie deshalb ein Cochleaimplantat, eine Hörprothese für Gehörlose. Die Frage, wie sie damit zurechtkommt, kann sie nicht beantworten. Sie wurde ihr vorher nie gestellt, glaubt ihre Lehrerin. Auch Worte zu verstehen fällt ihr offensichtlich schwer. Ebenso das Sprechen. Sollte sie also lieber gebärden? Ihre Ausbilderin sagt, sprechen ist wichtiger.

Katrin Herrklotz: Klar müssen die sich auch mitteilen können, Fragen beantworten. Die müssen am Ende sich ihren Weg bahnen in einer ganz normalen, hörenden Welt.

Was ist wichtiger: sprechen oder gebärden?

Das sieht Andreas Costrau anders. Der Berliner Gebärdensprachlehrer ist erst in späteren Jahren ertaubt und kann dadurch beide Seiten gut verstehen. Seiner Meinung nach müssen taube Menschen vor allem gebärden und nicht sprechen.

Andreas Costrau:  Also es gibt Eltern, die gehörlose Kinder gebären und die Ärzte sagen, das Kind ist behindert, weil es ein medizinischer Aspekt ist, das heißt, das Ohr ist kaputt. Ist ja auch richtig, ein medizinischer Aspekt. Aber im soziologischen Aspekt, also von unserer Sicht aus, ist zwar etwas kaputt im Ohr, aber wir können trotzdem kommunizieren.

Durch Lippenlesen kann ein Gehörloser maximal 30 Prozent verstehen, wenn er gut ist, sagt Andreas Costrau. Zwar ist die Gebärdensprache seit zehn Jahren offiziell als Minderheitensprache akzeptiert. Doch nur 10 Prozent der gehörlosen Schüler werden von Gebärdensprachlern unterrichtet, so der Deutsche Gehörlosen-Bund. Hinzu komme, dass Gehörlose meist mit lernbehinderten Kindern in einer Klasse säßen. Zum Teil würden sie die 10. Klasse auf dem Stand von Viertklässlern verlassen.  Für Barbara Ulrich eine schlimme Erfahrung. Ihre Tochter kam 1966 zur Welt und ertaubte wenig später. Gebärdensprache war damals an Schulen verboten. In Ostdeutschland wie in Westdeutschland. Gehörlose sollten sprechen lernen und von den Lippen ablesen.

Barbara Ulrich: Wir konnten ja gar nicht diese Gebärdensprache als Eltern, wo konnten wir die lernen? Es gab keine Volkshochschulen, niemand hat das angeboten. Wir haben mit unseren Kindern mit einem Fingeralphabet kommuniziert. Jeder Buchstabe ist ein Zeichen gewesen, a, b, c, d, e, f, g - und dann haben wir das zusammengesetzt das Wort - und die Kinder haben sich das abgucken müssen.

Nicht zum Sprechen zwingen

Auch Sie wollte damals, dass ihre Tochter sie verstehen kann und sprechen lernt. Heute weiß sie, dass das nicht möglich ist. „Versuchen Sie mal eine Sprache von den Lippen abzulesen, die sie noch nie gehört haben", empört sie sich.

Doch auch mit einem Cochleaimplantat bleibt die Sprache ein großes Rätsel, sagt Gebärdensprachlehrer Andreas Costrau. Die Worte würden fremd, verzerrt und hohl klingen. Er selbst lehnt die Hörprothese ab. Im Leipziger Berufsbildungswerk werden die Gehörlosen von einem Logopäden beim Sprechen unterstützt. Dana Hilbert kann es ganz gut. Sie bekam schon mit vier Jahren ein Implantat. Worte zu formen fällt ihr entsprechend leichter.

Dana Hilbert: Ja, nach der OP musste ich viel nach Dresden gehen, üben, weil ich nicht sprechen konnte und dadurch bin ich ein Jahr später in die Schule gekommen.

Mit sieben wurde die heute 22-Jährige in eine normale Klasse eingeschult. Sie verständigte sich ausschließlich mit Worten.

Dana Hilbert: Wir waren 25 Leute in der Klasse, alle kannten mich von klein auf. Habe viel geübt, habe dort Unterricht gehabt und dann hatte ich gute Unterstützung von meinem Opa. Dachte, ich kann es an der Berufsschule auch schaffen, an der normalen, habe es aber nicht geschafft. War viel zu schwer.

Während sie spricht  liegen ihre Hände auf dem Tisch. Gebärden lernt sie erst jetzt, am Berufsbildungswerk in Leipzig, um sich mit anderen Gehörlosen zu unterhalten.

Der Deutsche Gehörlosen-Bund fordert mehr Gebärdensprachlehrer. Trotzdem hat sich in den letzten zehn Jahren einiges getan. Gehörlose haben zum Beispiel im öffentlichen Raum ein Recht auf einen Dolmetscher. Bei Bewerbungsgesprächen oder auf Ämtern. Eine vollständige Dolmetscherbegleitung an Schulen ist aber noch die Ausnahme. Oft kommt es zu Gerichtsprozessen, so der Deutsche Gehörlosen-Bund. Im Fall zweier Mädchen im Großraum Augsburg streitet sich das Kultusministerium mit anderen Kostenträgern. Niemand will für die Dolmetscherkosten der gehörlosen Schulkinder aufkommen.



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