Serie: Rote Sekretäre Nicolae Ceausescu - Gernegroß im Größenwahn
von Matthias von Hellfeld
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- Nicolae Ceausescu bei seiner Neujahrsansprache 1978 (Wikimedia Commons | Fototeca online a comunismului românesc, photo #BA231, 1/1978 (accessed 23:37, 16 September 2010 (UTC)))
Er wird als Reformer und Hoffnungsträger begrüßt, als er das Amt übernimmt. Aber ein immenser Personenkult und ein ausufernder Überwachungsstaat haben sein Image ins Gegenteil verkehrt. Nach seinem Sturz wird er durch ein Schnellgericht abgeurteilt und am 25. Dezember 1989 standrechtlich erschossen.
Nicolae Ceausescu wird am 26. Januar 1918 im rumänischen Scoencesti geboren. Kindheit und Jugend verlebt er in Armut, er besucht eine vierjährige Grundschule. Weitere schulische Ausbildungen genießt er nicht, dafür beginnt er früh mit einer Schuhmacherlehre. Über seinen Lehrherrn kommt er in Kontakt mit rumänischen Kommunisten, der KP tritt er 1932 bei.
Gefängnis
Anfang der 30er-Jahre agitiert Ceausescu für die rumänische KP gegen den diktatorisch herrschenden König Carol II. , dessen Geheimdienst kommunistische Funktionäre verfolgt und mit drastischen Gefängnisstrafen belegt. 1933 wird er zum ersten Mal verhaftet, ein Jahr später wird er beim Verteilen illegaler Flugblätter verhaftet und in sein Heimatdorf verbannt. Seitdem ist seine Personalakte mit dem Vermerk "gefährlicher kommunistischer Agitator" versehen – ein Eintrag, der später zur Legendenbildung beitragen wird. 1936 folgt die nächste Verhaftung mit einer zweijährigen Gefängnisstrafe. Im Gefängnis Doftana, der Haftanstalt für politische Gefangene, lernt der 18-jährige Ceausescu Gheorge Gheorghiu-Dej kennen, der nach dem Zweiten Weltkrieg KP-Generalsekretär und rumänischer Staatspräsident bis 1965 werden sollte.
Dass Nicolae Ceausescu sein Nachfolger werden würde, ist 1936 nicht erkennbar: Er stottert, ist scheu, ungebildet und jähzornig. Als Ion Antonescu 1940 eine faschistische Militärdiktatur installiert, wird der gerade aus der Haft entlassene Ceausescu wieder festgenommen und verurteilt. In dieser Haftzeit lernt er viele der kommunistischen Funktionäre kennen, die nach dem Krieg die politischen Geschicke des Landes lenken werden. Mit Gheorge Gheorghiu-Dej teilt er eine Zelle, beide werden enge Freunde.
Nachkriegskarriere
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Kommunistische Partei an der Regierung beteiligt, Ceausescu wird - wie Erich Honecker in der DDR - mit dem Aufbau einer kommunistischen Jugendorganisation beauftragt. Gleichzeitig wird er ZK-Mitglied. Nun beginnt eine steile Karriere in Staat und Partei: stellvertretender Landwirtschaftsminister, dann erster stellvertretender Verteidigungsminister, Kandidat des Politbüros, ZK-Sekretär für Organisationsfragen und schließlich im Dezember 1955 Mitglied des Politbüros.
Nicolae Ceausescu ist im Zentrum der Macht angekommen. Bei vielen Rumänen gilt er als Hoffnungsträger und Reformer. Als Gheorge Gheorghiu-Dej im März 1965 an einem Krebsleiden stirbt, hat Ceausescu schon vorher genügend Strippen gezogen, um ohne Probleme die Nachfolge seines Freundes und Zellengenossen antreten zu können.
Generalsekretär
Der neue Mann erntet unmittelbar nach seiner Amtsübernahme die Früchte einer schon früher begonnenen Industrialisierungspolitik. Er erreicht durch den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung große Popularität im rumänischen Volk. Sie hatten sich nicht in ihm getäuscht, suggeriert er ihnen ein und untermauert seine "besonderen Fähigkeiten" noch dadurch, dass er für Rumänien einen eigenen Weg innerhalb des sozialistischen Lagers proklamiert. 1967 nimmt er diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland auf und verärgert damit den SED-Chef und DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. 1968 verurteilt er den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR, um den "Prager Frühling" niederzuschlagen.
Nicolae Ceausescu (r) und seine Frau Elena beim 14. Parteitag der rumänischen KP. (picture-alliance / dpa / AFP)
Palast des Parlamentes in Bukarest (AP)
Noch heute verehren kommunistische Nostalgiker den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu. (Robert Ghement/picture alliance / dpa )
Ceausescus Popularität erlangt einen weiteren Höhepunkt, als er im August 1969 nach Washington reist und den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon trifft. Für die Rumänen bedeutet dieser Empfang viel, denn Ceausescu ist einer von ihnen, der auf Augenhöhe mit den wirklich Mächtigen dieser Welt verhandeln kann.
Personenkult
Zwei Jahre später unternimmt er eine Auslandsreise, die einen bleibenden Eindruck bei dem kleinen Mann aus den Karpaten hinterlässt. Bei den Diktatoren Mao Zedong in China und Kim Il-Sung in Nord-Korea erlebt er einen Personenkult, der ihn derart fasziniert, dass er ihn unmittelbar nach seiner Rückkehr auch in Rumänien einführt. Parallel dazu wandelt sich Rumänien zu einem stalinistischen Staat.
Die Formen der Verehrung werden immer grotesker. "Literaten" entwickeln Lobhudeleien auf den "Titan aus den Karpaten", den "Sohn der Sonne" oder schlicht den "großen Kommandanten". Jedes Jahr wird eine Chronik veröffentlicht, die Tag für Tag auflistet, was die rumänische KP unter der "genialen Führung" Ceausescus geleistet hat. Wenn der "Conductor" (Führer) mit dem Auto über Land fährt und sich vom Befinden seiner Untertanen überzeugen möchte, stehen nur wohl genährte Kühe am Wegesrand, marode Hausfassaden werden mit Pappmauern "verschönert" und Bauern hängen rot glänzende Äpfel an Drahtschlingen in die Bäume, um die Ernte üppiger aussehen zu lassen.
Ende
Aber der Niedergang des Ceausescu-Regimes ist in seiner übersteigerten Selbstinszenierung schon angelegt. Das rumänische Volk wird vom allmächtigen Geheimdienst "Securitate" kontrolliert und in Schach gehalten. Wirtschaftliche Schwierigkeiten werden dadurch nicht beseitigt. Zwar wird einerseits eine radikale Industrialisierung Rumäniens betrieben, anderseits aber bricht die Versorgung mit Elektrizität zusammen. Oft können die Löhne nicht ausgezahlt werden, Familien müssen hungern und empfinden es als Hohn, als Ceausescu mit großem finanziellen Aufwand nach einem Erdbeben einen Palast in Bukarest bauen lässt, der Versailles in den Schatten stellen soll.
Dieser in Stein gehauene Größenwahn ist auch der Ort seines Endes. Die Reformen in der Sowjetunion und anderen Ostblock-Ländern lehnt Ceausescu vehement ab, obwohl es auch in Rumänien Unruhen gibt. Am 22. Dezember 1989 spricht er - wie gewohnt - zu einer jubelnden Menschenmenge in Bukarest. Aber plötzlich hört man Pfiffe und Unruhe. Verwirrt und mit der Situation sichtlich überfordert, verlässt er den Balkon des Präsidentenpalastes und wird mit einem Hubschrauber ausgeflogen.
Am Abend werden er und seine Frau Elena verhaftet. Nach einem Schnellgerichtsurteil wird das Ehepaar Ceausescu am 25. Dezember 1989 erschossen.
Literatur:
Thomas Kunze: Nicolae Ceausescu – eine Biographie. Ch. Links-Verlag Berlin, 2009