Freitag, 24. Mai 2013

Kultur /

Serie: Rote Sekretäre Rudolf Slansky - Ein teuflisches Lehrstück  

Ein Beitrag von Matthias von Hellfeld

Rudolf Slansky, Generalsekretaer der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und einer der Mitbegründer der Kominform
Rudolf Slansky (AP)

Rudolf Slansky war einst Zögling Stalins. Aber der Wahn, mit dem der sowjetische Diktator mögliche Abweichler und Andersdenkende im Ostblock verfolgte, richtete sich Anfang der 50er Jahre auf Slansky - seine jüdische Herkunft wurde ihm zum Verhängnis.

Geboren am 31. Juli 1901 wächst Rudolf Slansky in Pilsen auf. Nach der Schule beginnt er als 20-Jähriger eine Karriere in der neu gegründeten tschechischen kommunistischen Partei. Bis zu seinem Tod 1952 ist er Funktionär der KP und hat entscheidende Funktionen inne. Er gilt als Anhänger von Klement Gottwald, der 1929 zum Generalsekretär der Partei gewählt wird. Slansky wird Mitglied des Politbüros und 1935 Parlamentsabgeordneter.

Münchener Abkommen

Am 30. September 1938 findet in München eine Konferenz zwischen dem Deutschen Reich, Italien, Frankreich und Großbritannien statt. Es geht um die von Hitler erhobenen territorialen Ansprüche auf das mehrheitlich von Deutschen bewohnte „Sudetenland". Zur Vermeidung eines Krieges stimmen Frankreich und England der Annexion des Gebietes zu. Einen Tag später beginnt die Invasion der Wehrmacht, zehn Tage später ist das sudentendeutsche Gebiet annektiert. Gleichzeitig okkupieren Polen und Ungarn Teile des tschechischen Staatsgebietes mit der Begründung, dass dort jeweils eigene nationale Minderheiten wohnen. Die sogenannte „Zerschlagung der Resttschechei" erfolgt am 15. März 1939. Nach der Invasion werden diese Gebiete als „Protektorat Böhmen und Mähren" deutscher Hoheit unterstellt.

Das tschechische Parlament muss diesen Ereignissen machtlos zusehen, die meisten Abgeordneten verlassen das Land. Rudolf Slansky emigriert nach Moskau, wo er Mitglied der Auslandsleitung der tschechischen KP wird. Er nimmt am Slowakischen Nationalaufstand gegen die deutschen Besatzer und deren slowakisches Marionettenregime teil. Im Herbst 1944 scheitert dieser Aufstand nach knapp zwei Monaten heftiger Kämpfe.

Generalsekretär

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt Rudolf Slansky in die Tschechoslowakei zurück und wird mit Zustimmung Stalins Generalsekretär der Kommunistischen Partei. In den kommenden drei Jahren organisiert er die Partei neu und beteiligt sich an der Bekämpfung demokratischer Parteien, die bis 1948 endgültig besiegt sind. Im Februar des gleichen Jahres übernehmen die Kommunisten die Macht und Rudolf Slansky als Generalsekretär wird der mächtigste Mann im Staat.

Er gründet einen Geheimdienst, der das Land mit Schrecken und Terror überzieht. Politische Gegner werden ohne Rücksicht verfolgt und ausgeschaltet. Es ist Ironie des Schicksals, dass der von ihm ins Leben gerufene Geheimdienst mit ebenso konstruierten wie unsinnigen Vorwürfen ihn am 23. November 1951 ebenfalls verhaftet.

Die „Field-Affäre"

Begründung seiner Inhaftierung ist die sogenannte Field-Affäre. Noel Field ist US-amerikanischer Diplomat während des Zweiten Weltkriegs gewesen und hat zu vielen kommunistischen Funktionären im Exil Kontakt gehabt. Aus diesem vollkommen harmlosen Zusammenhang lässt Stalin ein Verschwörungsszenario konstruieren, mit dem im gesamten Ostblock in Kritik geratene oder unliebsame Parteifunktionäre verhaftet und abgeurteilt werden.

In dem nun folgenden „Slansky-Prozess" stehen zwölf ehemals hochrangige tschechische Politiker vor Gericht. Sie werden gefoltert, mit erpressten Geständnissen der Mitangeklagten oder mit angeblichen Aussagen des ebenfalls inhaftierten Noel Field konfrontiert. Wochenlang müssen sie in dunklen Kellerverließen ausharren, bekommen wenig zu essen und zu trinken, dürfen nicht schlafen und müssen oft stundenlang in ihren Zellen hin und her gehen.

Antisemitismus

Slansky und die meisten der Mitangeklagten sind jüdischer Herkunft. Die Vernehmer des Geheimdienstes konstruieren daraus eine „zionistische Verschwörung" geegn den Staat und lassen ihren antisemitischen Ressentiments in den Verhören freien Lauf. Am Ende der Untersuchungshaft werden die Angeklagten auf den „Prozess" vorbereitet. Ihnen werden die Antworten in den Mund gelegt, die sie auf die vom Geheimdienst vorbereiteten Fragen des Richters zu geben haben. Man sagt ihnen, dies werde sich strafmildernd auswirken. In Wahrheit aber dient die Farce nur dazu, vor Gericht die Unsinnigkeit der Anklage und die Unschuld der Angeklagten zu verdecken.

Rudolf Slansky wird am 3. Dezember 1952 mit zehn weiteren Angeklagten zum Tode verurteilt. Sie werden am gleichen Tag hingerichtet, ihre Asche wird als „Streugut" auf den Straßen eines Prager Vorortes verteilt. Weitere Angeklagte – unter ihnen der stellvertretende Außenminister Artur London – erhalten lebenslange Freiheitsstrafen. Rudolf Slansky wird 1963 juristisch und während des Prager Frühlings 1968 auch politisch rehabilitiert.

Alle Beiträge unserer Serie "Rote Sekretäre" im Überblick.



Literatur:

Artur London: Ich gestehe. Der Prozess um Rudolf Slansky. Hoffmann und Campe-Verlag Hamburg, 1982

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