Socialmedia Facebook als Pranger und Stammtisch
Webschau mit Michael Gessat
Es ist gerade einmal drei Wochen her, da sorgte der "Fall Lena" für Schlagzeilen: Nach dem Mord an einem Mädchen in Emden hatte die Polizei zunächst eine falsche Person verhaftet, die Details wurden über die Boulevardpresse veröffentlicht – und anschließend gab es bei Facebook Aufrufe zur Lynchjustiz an dem vermeintlichen Täter.
Trotz dieses Beispiels ist vielen Menschen immer noch nicht klar, dass zwischen einer unbedachten Äußerung am Stammtisch oder im Freundeskreis und einem Facebook-Posting ein Unterschied besteht. Und auch gegen einen tatsächlichen oder vermeintlichen Stalker bei Facebook öffentlich zurückzuschlagen, kann sich als schlechte Idee erweisen.
Hochspringerin nennt vollen Namen eines Stalkers
Akteurin war hier die Hochspringerin Ariane Friedrich, im zivilen Beruf Polizistin, die eine obszöne Mail erhalten hatte und den Absender mit vollem Namen auf ihrer Facebook-Seite outete. Am Sonntag (22.4.) erklärte die Sportlerin ihre Aktion noch einmal ausführlich: Das "Herausnehmen aus der Anonymität“ sei ein Mittel, um Stärke zu beweisen und "anderen Menschen zu zeigen, wie man sich wehren kann.“ Ob Ariane Friedrich tatsächlich "mit gutem Beispiel“ vorangeht oder Facebook als Pranger nutzt, wie Udo Vetter im Lawblog schreibt, ist offen. Vetter weist auf die möglichen Folgen für namensgleiche Unbeteiligte hin und auch der möglicherweise "zurecht“ Beschuldigte könne wegen der Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte zivilrechtlich gegen Ariane Friedrich vorgehen.
Bild hält sich zurück - für ihre Verhältnisse
Während manche Webseiten unter voller Namensnennung mit Boulevard-Überschriften wie "Thorsten D.* - Sexferkel zeigt Schwanz“ titeln, hält sich die Bild-Zeitung für ihre Verhältnisse zurück. Sie nennt den Namen nicht , versucht aber, den Inhaber eines mittlerweile aus dem Netz genommenen Facebook-Accounts, der auf Ariane Friedrichs Angaben zu passen scheint, zu kontaktieren.
(*DRadio Wissen zitiert nicht den vollständigen Namen)
Stars im Netz
In vielen Kommentaren wird darauf hingewiesen, dass die gewollte Pseudo-Intimität mit Facebook-Freunden dazu beitragen könne, dass Menschen auf dumme Gedanken kommen und noch intensiver am Leben ihres Lieblings-Stars teilhaben wollen.
Facebookplauderei kostet SPD-Politiker den Job
Geplaudere im witzig gemeinten Netzjargon hat einem Spitzenbeamten in Baden-Württemberg den Job gekostet. Daniel Rousta, SPD-Politiker und ehemaliger Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium hatte in seinem Facebook-Account über "FDPisser" und das angenehme Äußere von Bettina Wulff geschrieben. Am Samstag verabschiedete er sich über den gleichen Kanal von seinen "Freunden“ - mit einer späten, aber möglicherweise für andere Netizens beispielhaften Erkenntnis: "Mir ist bewusst geworden, dass ich hier und da zu sehr die Regeln der Politik verletzt habe, um den Regeln der Netzgemeinde zu genügen. … Eine mediale Supersoße, für die ich selbst die Zutaten serviert habe ;-)“