Mittwoch, 19. Juni 2013

Medien /

Soundbearbeitung Von Dur nach Moll  

Teil eines Faksimiles einer bisher unbekannten Komposition von Johann Sebastian Bach
Mehrstimmiges - kein Problem für Melodyne (AP)

von Martin Meuthen

Was wäre Musikbearbeitung ohne Computer? Sogar Tonhöhe und Tondauer lassen sich nachträglich verändern - doch nur bei einstimmigen Instrumenten. Bis jetzt. Seit Kurzem gibt es ein Programm, dass vor ganzen Akkorden nicht Halt macht: Melodyne DNA.

Der erste Satz von Beethovens Klaviersonate Nr. 14, Opus 27, Nr. 2 - besser bekannt als Mondscheinsonate. Notiert ist sie in der Tonart Cis-Moll, doch diese Version klingt anders: Sämtliche Akkorde sind in Dur gehalten. Nicht etwa, weil der Pianist es so gespielt hat, sondern weil die einzelnen Töne der Aufnahme nachträglich verändert wurden. Bis vor kurzem schien das noch unmöglich.

"Das war ein Paukenschlag in der gesamten Branche der Tontechniker. Dass die das geschafft haben, das tatsächlich doch möglich zu machen, ist natürlich eine wahnsinnige Nachricht gewesen."

Timo Bader, Auftragskomponist und Produzent bei der Düsseldorfer Firma "Beat Creators". Mit die meint Timo Bader vor allen Dingen eine Person: Peter Neubäcker. Gitarrenbauer, Heilpraktiker, Klangforscher, Programmierer und - Schöpfer des Audioprogramms Melodyne.

Als der Münchener es 2001 auf der Frankfurter Musikmesse erstmals vorstellte, war das eine kleine Sensation. Denn mit Melodyne konnten Dauer, Tonhöhe und Lautstärke einzelner Töne einer einstimmigen Aufnahme nachträglich verändert werden.

Florence Foster Jenkins - Queen of the Night by Mozart

Einzelne, sich zum Teil überschneidende Töne in einer Tonfolge herausfiltern zu können - schon das ist schwierig genug. Im März 2008 präsentierte Neubäcker dann die Steigerung: Melodyne DNA. DNA steht für Direct Note Access - also für den direkten Zugriff auf einzelne Noten innerhalb eines Akkords. Zum Beispiel bei einer Gitarre:

"So und jetzt kann man eben mit diesem Melodyne Editor, mit dieser DNA-Technologie in beliebige Teiltöne des Akkordes direkt eingreifen. Zum Beispiel hier in das H von dem G-Dur-Akkord. Und jetzt machen wir eben aus diesem G-Dur mal einen G-Moll. Dann schiebe ich eben das H einen Halbton runter. Und wenn wir jetzt die ganze Phrase in Moll machen wollen, dann mache ich auch mal aus dem C-Dur, der da hinten noch kommt, auch einen C-Moll."

Beim Laden eines mehrstimmiges Musikstücks analysiert der Melodyne Editor zunächst ausführlich das Material. Danach lassen sich sogar ganze Akkorde ändern. Wie das alles funktioniert, ist natürlich ein Betriebsgeheimnis. Timo Bader hat jedoch eine Vermutung:

"Es wird nach Transienten geschaut. Transienten sind immer markante, impulsartige Events in so einem Audiomaterial. Und das ist die große Kunst: Man muss eben unterscheiden zwischen Grundschwingungen und Oberschwingungen. Die haben da schon Know-how und können sagen: Okay, das hier muss ein Ton sein. Der hat die Grundschwingung und ein bestimmtes Obertonspektrum. Da gibt es relativ klare Regeln, wie so ein Obertonspektrum aufgebaut ist. Und dann analysiert man die Spektralanteile und guckt, wo könnte das jetzt ein Grundton sein und wo sind die passenden Obertöne dazu. Erstaunlich, wie gut das funktioniert."

Schon seit Ende der 70er-Jahre beschäftigt sich Peter Neubäcker mit der mathematischen Berechnung von Harmonik. In Fachkreisen soll er mit seinen musikalisch-philosophischen Gedanken größtenteils auf Unverständnis gestoßen sein, sodass er im Jahr 2000 seine eigene Firma gründete: Celemony.

Von da an etablierte sich Melodyne weltweit in den professionellen Musikstudios. Die neue Version - Melodyne DNA - wurde von einigen Journalisten sogar schon mit der berühmten Bildbearbeitungssoftware Photoshop verglichen. Aber das Programm hat auch seine Grenzen.

"Für die Bigband-Produktion ist es nicht tauglich. Einfach, weil das zu komplex ist, was das Teil da verarbeiten muss."

Christoph Piasetzki studiert Ton- und Bildtechnik am Düsseldorfer Institut für Musik und Medien. In seiner Diplomarbeit beschäftigt sich der Musiker mit Methoden zur Nachbearbeitung von Big-Band-Produktionen. Dazu testet er auch die neueste Version von Melodyne. Mit dem Programm will Piasetzki die Intonation des Posaunensatzes korrigieren.

"Wenn man das jetzt einfach löscht, dann funktioniert das im Prinzip. Nur dass er dann von dem Obertonspektrum der Posaune was mit weglöscht."

Theoretisch verarbeitet Melodyne auch ganze Musikmischungen. Praktisch allerdings erkennt das Programm lediglich die Noten und nicht die einzelnen Instrumente. Längst nehmen die Studios deshalb einzelne Instrumente getrennt auf und können das Programm dann besser nutzen.

Peter Gabriel, U2, Massive Attack oder Herbie Hancock. Sie alle nutzen das Programm bereits. Ob für die nachträgliche Korrektur oder als Werkzeug für umfangreiche Soundtüftelei. Die Möglichkeiten seien grenzenlos, betont Peter Neubäcker auf der Celemony-Homepage. Stellt sich nur die Frage, ob professionelle Anwender das wirklich alles brauchen.

"Ich schätze mal, dass Leute, die vor allem zu Hause rumprobieren, da einen guten Nutzen draus ziehen werden, weil man eben super schnell und unkompliziert was verändern kann. Aber die High-Quality-Audioproduktion wird das nur in ganz großen Notfällen einsetzen."

"Was schon von vorneherein schlecht ist, wird auch immer schlecht bleiben. Man kann jetzt nicht aus einem Sänger, der keinen Ton trifft, keinen Pavarotti machen oder so. Das geht einfach nicht. 'Shit in, shit out', sagt man da so schön."

Mehr zum Thema:

Beitrag in Netzwelt.de über die neue Software

3sat-Beitrag

Die Firma Celemony, die Melodyne herstellt

Youtube: Florence Foster Jenkins - Queen of the Night by Mozart

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Kommentare 2 - 1 von 2

  • 2. Komisch...

    ...wenn ich oben auf den Beitrag klicke, hör' ich nur die schrille Florence.

    Zugposaune 17.02.2010 21:38 Uhr

  • 1. Schöne Software, Schöner Beitrag

    Hallo! Ich möchte kurz in einem Punkt widersprechen - Melodyne (oder ähnliche Software) wird, und muss, in professionellen Produktionen eingesetzt werden - und nicht nur in Notfällen. Viele unfassbar gute Live-Performer (Sänger und Sängerinnen) habe tonale Probleme. In der Live-Situation ist das überhaupt nicht erwähnenswert. Nur fehlen viele der Komponenten einer Live-Situation naturgemäß bei einer Studioaufnahme und "schräge" Töne werden beim ausschließlichen Hören von Musik viel schneller als störend wahrgenommen als bei einem Live-Event. Bevor nun aber mit einem SängerIn zu lange an der richtigen Tonhöhe gearbeitet wird und ihm/ihr erfahrungsgemäß dadurch Ausdruck, Aussprache und Phrasierung verloren gehen, wollen wir das doch lieber später mit Melodyne stimmen. Nichts ist (dank Melodyne) einfacher zu korrigieren als die Tonhöhe. Phrasierung korrigieren ist mit sehr viel Aufwand verbunden, Aussprache mit unendlich viel Aufwand und Ausdruck - unmöglich. "Shit in, Shit out" bezieht sich meiner Meinung nach nicht auf Töne, sondern auf Emotionen. Schöner und wünschenswert ist es natürlich, wenn der Ton auch stimmt ;-) Grüße

    Longmansleep 17.02.2010 13:37 Uhr

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