Spurlos Wenn Menschen verschwinden
Von Versehen und Verbrechen
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- Manche Menschen verschwinden, weil sie einfach nicht mehr gefunden werden wollen. Andere fallen einem Verbrechen zum Opfer. (Pascal Marmaris | flickr | cc by 2.0)
"Nur mal eben Zigaretten holen." So umschreibt man klischeehaft, wenn Menschen plötzlich und ohne erkenntlichen Grund verschwinden. Manchmal werden sie Opfer eines Verbrechens oder Unfalls. Besonders häufig geht es bei polizeilich gemeldeten Vermisstenfällen aber um Schüler: etwa die Hälfte aller Vermissten in Deutschland sind Kinder und Jugendliche. Oft werden auch geistig verwirrte Menschen als vermisst gemeldet.
Laut Angaben des Bundeskriminalamtes werden jeden Tag etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht. Rund 80 Prozent aller Vermisstenfälle klären sich innerhalb eines Monats auf.
Wer nicht in dieser Statistik auftaucht, sind die Vergessenen. Die Menschen, die gar nicht erst gesucht werden. Wie eine Frau aus Hagen, deren Geschichte vor wenigen Tagen bekannt wurde: Sie lag seit fünf Jahren tot in ihrer Wohnung.
Und es gibt die Gruppe derjenigen, die absichtlich verschwinden: untergetaucht, etwa wegen Beziehungsproblemen oder Schulden oder weil sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.
Durchs Netz gegangen
Adolf Gallwitz erklärt, warum die meisten Vermissten nicht oder nicht lange mit der Polizei zu tun haben.
Immer wieder verschwinden in Deutschland Menschen - zunächst spurlos. (dpa | Marc Müller)Wenn jemand aus unerklärlichen Gründen verschwindet, steht die Polizei vor großen Heraus-forderungen. Sie muss die Biografie des Vermissten rekonstruieren und die entscheidenden Spuren, den letzten bekannten Aufenthaltsort, finden.
Damit die Polizei tätig wird, muss es Anhaltspunkte für eine Straftat geben. Denn wenn jemand irgendwo anders ein neues Leben beginnen möchte, steht ihm das frei - zumindest prinzipiell, sagt der Psychologe Adolf Gallwitz, der als Professor an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen arbeitet.
Wie aus Einzelschicksalen Zahlen werden
Die Statistikerin Katharina Schüller über die Vermisstenstatistik
Wie vom Erdboden verschluckt: Rund 50 Prozent der Vermissten sind Kinder und Jugendliche (Theen ... | flickr | cc by-nc-sa 2.0)In der Datei "Vermisste/ Unbekannte Tote" waren im Oktober 2008 mehr als 8300 Fälle gespeichert, rund 5400 dieser Personen waren in Deutschland als vermisst gemeldet. Ungefähr die Hälfte aller Vermisstenfälle betrifft Kinder oder Jugendliche, ein Drittel aller Vermissten ist männlich. Maximal 30 Jahre bleibt eine Vermisstenmeldung bestehen, wenn der Fall nicht aufgeklärt werden kann, so steht es auf den Seiten des Bundeskriminalamtes. Was hinter diesen Zahlen steckt, was die Polizei mit Aufklärungsquote meint und welche Fälle nicht in der Statistik auftauchen, darüber sprechen wir mit der Statistikerin Katharina Schüller.
Wenn keiner sucht
Peter Fischer analysiert den Fall einer Frau, die fünf Jahre lang tot in ihrer Wohnung lag.
Völlig verwahrlost: In einer solchen Messi-Wohnung wurde die mumifizierte Leiche der Renterin gefunden. (dpa | Jürgen Effner)Die Meldung liest sich ziemlich morbid: "Leiche liegt fünf Jahre unbemerkt in Wohnung - bis Einbrecher kommt". Es bedarf also eines Einbrechers, um die mumifizierte Leiche einer Rentnerin zu entdecken, deren einsamen Tod niemand bemerkte - weder die Nachbarn, noch der Vermieter, die Bank oder Verwandte. Für die Behörden galt sie als unbekannt verzogen. Das Ordnungsamt veranlasste eine Abmeldung von Amts wegen. Wieso ein solchermaßen unbeachtetes Leben möglich ist, erfragt der Hagener Rundfunkjournalist Peter Fischer: Wie weit sind die Maschen des sozialen Netzes geworden oder handelt es sich hier um einen Einzellfall?
"Man findet nahezu jeden"
Laut Detektiv Marcus Lentz ist die Suche nach Vermissten eine Frage von Geduld und Geld.
Eine neue Identität ermöglicht den Ausstieg aus dem "alten" Leben. (flickr.com | Alatryste | CC BY-NC-SA 2.0)Auf dem Schreibtisch von Detektiv Marcus Lentz landen wenige Fälle, die mit einer Straftat zu tun haben. Dafür ist die Polizei zuständig. Bei seinen Aufträgen dreht es sich meist um Beziehungskonflikte im weitesten Sinne. Zum Beispiel sucht er Menschen, die untertauchen, weil sie keinen Unterhalt zahlen wollen oder sich keine Scheidung leisten können. Manchmal sind es auch Schuldner, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen können.
Einfach untertauchen ist gar nicht so schwer, meint Marcus Lentz: "Für 500 Euro gibt es in Brasilien einen Pass oder Sie kaufen sich einen alten Pass von einem Obdachlosen, der Ihnen ähnlich sieht und lassen mit Genehmigung der Behörde ein neues Foto anfertigen." Während also eine neue Identität relativ günstig zu haben ist, kostet der Auftrag, einen vermissten Menschen zu finden, manchmal richtig viel Geld. Muss Marcus Lentz etwa jemanden in Ghana suchen, verlangt er mindestens 10.000 Euro.
Geflüchtet oder vermisst nach Kriegen
Ronald Reimann über Familienzusammenführungen und die Arbeit des DRK-Suchdienstes
1945 wurde der Suchdienst des DRK gegründet. (dpa | Georg Göbel)Seit Ende des Zweiten Weltkrieges hilft der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, wenn Menschen durch Krieg oder kriegerische Konflikte ihre Angehörigen nicht wiederfinden können. Der Dienst wurde vor mehr als 65 Jahren ins Leben gerufen, um Soldaten und ihre Familien wieder zzu vereinen und Kriegsgefangene, Vertriebene oder Flüchtlinge bei der Suche nach Angehörigen zu unterstützten.
Auch heute beschäftigt der Zweite Weltkrieg den Suchdienst noch ab und zu. Die Hauptarbeit liegt aber mittlerweile bei der Familienzusammenführung von Menschen aus nicht-deutschen Migranten- und Flüchtlingsfamilien, die durch Bürgerkriege und politische Verfolgung auseinandergerissen wurden.
"Jeden Tag verschwinden in Deutschland Menschen"
Der Journalist Wolfgang Bauer hat sich mit dem traurigen Phänomen des Verschwindens beschäftigt
Was bleibt, wenn ein Mensch plötzlich verschwindet? (bjoern.f | Björn Freiberg Fotografie | flickr | cc by 2.0)Drei Prozent aller Vermisstenfälle kann die Polizei auch nach einem Jahr nicht aufklären. Doch längst nicht alle Vermissten landen in der Statistik. Wenn keine Anzeichen für ein Verbrechen vorliegen, wird die Akte geschlossen. Daher bleiben Menschen dauerhaft spurlos verschwunden und niemand weiß, wohin oder wieso. Manchmal interessiert sich aber auch einfach niemand dafür.
Der Journalist Wolfgang Bauer hat lange für seine Internet-Reportage "Vermisst" recherchiert und erzählt, warum Menschen in Deutschland einfach so verschwinden können.
Wie ein Journalist einen alten Mord aufklärt
Ein 16 Jahre alter Vermisstenfall hat Zeitungsjournalist Wolfgang Kaes stutzig gemacht.
Wolfgang Kaes ist leitender Redakteur beim Bonner Genearalanzeiger. (dpa | Frank Homann)Gertrud Ulmen verschwindet vor 16 Jahren plötzlich aus Rheinbach. Ihr Mann behauptet, sie habe sich mit einem Liebhaber aus dem Staub gemacht. Später heißt es, sie sei in Australien. Obwohl Familie und Freunde sich das zunächst nicht vorstellen können, nehmen sie es irgendwann einfach hin. Die Polizei geht mit den Aussagen des Ehemannes offenbar recht unkritisch um, denn der - so stellt sich nach intensiver Recherche des Journalisten Wolfgang Kaes heraus - ist der Mörder.
Wolfgang Kaes ist leitender Redakteur beim Bonner Generalanzeiger. Auf den Fall aufmerksam wurde er, weil Gertrud Ulmen so wie er aus Mayen stammt, einer Kleinstadt in der Eifel. Im Gespräch mit DRadio Wissen erzählt er, wie er dem Täter auf die Spur kam - seinem ersten "echten" Täter. Denn nebenbei schreibt Wolfgang Kaes seit einigen Jahren Krimis.