Donnerstag, 23. Mai 2013

Globus /

Stadtplanung Gentrifizierung auf Türkisch  

Luise Sammann berichtet aus dem Sanierungsgebiet Tarlabasi.

Hausfront im Stadteil Tarlabasi in Istanbul. Das Viertel ist massiv von Gentrifizierung betroffen.
Hausfront im Stadteil Tarlabasi in Istanbul. Das Viertel ist massiv von Gentrifizierung betroffen. (Screenshot Vimeo Video David Smith in Tarlabasi, Istanbul. On urbanisation & slums)

Die Modernisierung der Metropole geht nicht nur auf Kosten ihrer Bewohner, unter der Kommerzialisierung der Stadt leidet auch vor allem die historische Substanz - trotz des Status als Welterbe. Es wird immer offensichtlicher, dass Großinvestoren Istanbul für sich entdeckt haben.

Istanbul putzt sich heraus – und das nicht erst, seit es zur Kulturhauptstadt 2010 ernannt wurde. Bulldozer reißen ganze Stadtteile ab, die dann mit viel Stahl und Beton wieder aufgebaut werden.

Gentrifizierung

Die alten Bewohner können sich die neuen Mieten meist nicht mehr leisten und werden in weniger attraktive Bezirke verdrängt. Gentrifizierung heißt dieses Phänomen, das auch Berlin, Hamburg, Köln trifft. Dieses Schicksal droht jetzt auch dem größtem innerstädtischen Sanierungsgebiet Tarlabasi.

Unterkunft vieler Mittelloser

Das Viertel liegt unterhalb des zentralen Taksim-Platzes und ist von dem beliebtesten Kultur- und Amüsierbezirk der Metropole nur durch eine vierspurige Autoschneise abgetrennt. Tarlabasi ist ein armes Viertel. Viele Menschen, die der Sanierungswut in anderen Stadtteilen weichen mussten, sind hier gelandet.

Mehrheit Kurden

Heute sind die Mehrzahl der Bewohner Kurden. Nach der Vertreibung der Griechen in den 50er Jahren sind sie nach und nach aus dem Südosten des Landes nach Istanbul eingewandert, in den verfallenden Häusern von Tarlabasi haben sie bezahlbare Unterkünfte gefunden.

Drohung mit Enteignung

Nun fürchten sie,  vertrieben zu werden, die Stadt hat mit Enteignung gedroht. Rechtsgrundlage für solche Verstaatlichungsaktionen ist das türkische Gesetz 5366. Von Sicherungsmaßnahmen gegen Erdbeben ist darin die Rede und vom Schutz historischen Erbes. Klagen waren bislang wenig erfolgreich, eine Gruppe aus Tarlabasi hat deshalb sogar den Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg angerufen.



Mehr bei DRadio Wissen:

Istanbul: Shoppen statt Kinofilm
Amin Farzanefar über den Stadtteil Pera, der einst das Zentrum der türkischen Filmproduktion war. Heute entsteht dort ein Boulevard mit Designläden.
(Kultur vom 20.04.2012)

Türkei: Istanbul kommt nicht in die Gänge
Luise Sammann über die türkische Metropole, die "Europäische Sporthauptstadt" ist – nur Sport treiben kann man dort kaum. Das soll sich jetzt ändern.
(Globus vom 15.02.2012)

Lebensraum Stadt: Migranten, Kreative und andere Stadtgestalter
Redaktionskonferenz mit Malte Bergmann und Bastian Lange
(Redaktionskonferenz vom 22.12.2011)

Architektur: Industrieromantik für Gutverdiener
Marlis Schaum über Luxussanierungen in Köln.
(Kultur vom 03.06.2012)

Weitere Informationen:

Ein Renovierungsprojekt in Istanbul: Tarlabaşı Renovation Project
(labkultur.tv vom 16.04.2012)

Against vested interest urbanism – An interview with David Harvey
(tarlabasiistanbul.com)

Istanbul's Tarlabasi Under Constant Transformation
(npr.org vom 16.07.2007)

 

David Smith in Tarlabasi, Istanbul. On urbanisation & slums from Tarlabasi Istanbul on Vimeo.

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