Steuerrecht Weniger Regeln, mehr Freiheiten
Gespräche und Berichte zum Thema
Tausende von Paragrafen umfasst das deutsche Steuerrecht. Das macht die jährliche Steuererklärung kompliziert. Der Steuerrechtler Paul Kirchhof will das ändern. 146 Paragrafen könnten ausreichen, sagt er. DRadio Wissen erläutert die Pläne, die Kulturgeschichte der Steuer und das Prinzip von Steueroasen.
In Deutschland gibt es rund 30 verschiedene Steuerarten. Mit einer Steuerbelastung von etwa 30 Prozent liegen wir knapp hinter dem Vereinigten Königreich auf Platz 10 im internationalen Vergleich. Aber das ist ein schwacher Trost in Anbetracht der doch komplizierten Steuererklärung, die jeder Arbeitnehmer und Selbstständige Jahr für Jahr abgeben muss.
Wer sich im Steuerrecht auskennt oder sich einen Steuerberater leistet, kann mit Tricks die steuerliche Belastung senken. Wer diese Tricks nicht kennt und brav jede Steuer bezahlt, ist im Nachteil.
Ungerecht, unverständlich und unübersichtlich
2005 hat der ehemalige Bundesverfassungsrichter und Experte für Verfassungs- und Steuerrecht, Paul Kirchhof, einen Vorschlag zur vereinfachten Besteuerung vorgelegt. Kirchhofs Idee wurde zwar nicht umgesetzt, aber am 27. Juni 2011 hat er einen erweiterten Vorschlag präsentiert.
Sein neues Modell sieht unter anderem eine Reduzierung des Steuerrechts auf 146 Paragrafen vor. Künftig gäbe es dann nur noch Einkommens-, Erbschafts-, Umsatz- und Verbrauchsteuer. Aus Kreisen des Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble heißt es, dass die Vorschläge nicht durchsetzbar seien. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle nennt die Pläne Kirchhofs "veraltet". SPD und Grüne bezeichnen das bestehende Steuersystem als ungerecht.
Radikal vereinfachtes Steuersystem
Interview mit Paul Kirchhof
Der ehemalige Verfassungsrichter und Steuerrechtler Paul Kirchhof. (AP)Das Vertrauen der Bürger in das Steuersystem könnte laut Kirchhof wieder zurückgewonnen werden, wenn es nur noch vier Steuern gibt: Eine Steuer auf das Einkommen, auf den Umsatz, auf Erbschaft und Schenkung und auf den Verbrauch. Außerdem müssten Ausnahmen, Privilegien und Lenkungstatbestände abgeschafft werden.
Das Gespräch mit Paul Kirchhof führte Peter Kapern. Es wurde zuerst am 28. Juni im Deutschlandfunk ausgestrahlt.
Kulturgeschichte der Steuer
Gespräch mit Hanno Beck, Professor für Volkswirtschaft und Wirtschaftspolitik
Der Steuereintreiber und seine Frau von Marinus van Reymerswaele in der Alten Pinakothek in München (flickr.com | Allie_Caulfield CC BY 2.0)Die Kulturgeschichte der Steuern beginnt in der Antike. In Ägypten wurde eine Erntesteuer erhoben, die beim Pharao zu entrichten war. Damit begann auch die Kreativität von Herrschern, sich weitere Steuern einfallen zu lassen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts führt Kaiser Otto IV. die Minnensteuer ein. Adam Smith notierte 1776 "keine Kunst lernt eine Regierung schneller als die, Geld aus den Taschen der Leute zu ziehen".
Mit der Erfindung der Steuer kam auch der Gedanke an eine Steuerreform auf. Geschichtlich folgt auf die Erfindung der Steuer gleich die Steuerreform. Die Kulturgeschichte der Steuer erläutert Hanno Beck, er ist Buchautor und Professor für Volkswirtschaft und Wirtschaftspolitik an der Fachhochschule in Pforzheim.
Statt tausend Normen ein einheitlicher Steuersatz
Berichte von Michael Braun und Brigitte Scholtes
Der Steuerrechtler Paul Kirchhof. (wikipedia.org | Franziska Kafka CC BY-SA 3.0)Wie in seinem gescheiterten Entwurf von 2005 schlägt Kirchhof wieder einen einheitlichen Steuersatz von 25 Prozent auf Arbeitseinkommen, Unternehmensgewinne und Kapitalerträge vor.
In seinem Bundessteuergesetzbuch sollen 146 Paragraphen das Steuerrecht regeln und tausende Normen überflüssig machen. Auch Vergünstigungen wie Pendlerpauschale sollen wegfallen. Dafür soll der Kinderfreibetrag auf 8000 Euro angehoben werden, bis 10.000 Euro sollen Einkommen steuerfrei bleiben und erst ab 20.000 Euro soll der volle Steuersatz von 25 Prozent gelten. Utopie? Die CSU lehnt den Vorschlag als nicht realisierbar ab. Wir vergleichen das aktuelle Steuerrecht mit Kirchhofs Vorschlag.
Steueroase Monaco
Gespräch mit dem Publizisten Hans-Lothar Merten
Ein monegassisches Kennzeichen prangt auf einem Ferrari. (flickr.com | aid85 CC BY-NC-SA 2.0)Monaco gilt als Steueroase. Doch was idyllisch klingt, wirkt zwielichtig. Hans-Lothar Merten unterscheidet Tatsachen von Vorurteilen. Der Publizist meint, dass Monaco trotz sogenannter "Steuerflüchtlinge" kein Großplatz für Steuerbetrüger sei.
Hans-Lothar Merten ist Bankkaufmann und Betriebswirt. Er publiziert zu den Themen Finanzen und Steuern. Jährlich veröffentlicht er einen Überblick über die Steueroasen.
Innovative Steuerkonzepte im internationalen Vergleich
Gespräch mit dem Finanzwissenschaftler Manfred Rose
Papierkram.gif (xchng/ Vangelis Thomaidis)Bierdeckel oder Kronkorken? Wie einfach und radikal Steuerreformen sein können, weiß Manfred Rose. Der Finanzwissenschaftler hat zahlreichen Ländern geholfen, ihre Steuersysteme zu verändern.
Als Leiter einer Gruppe deutscher Steuerexperten hat Manfred Rose an der Implementierung des neuen kroatischen Systems einer marktorientierten Einkommens- und Gewinnbesteuerung mitgewirkt. Für Bosnien-Herzegowina hat Rose im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojekts des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein Einkommensteuergesetz nach seinem Modell der Einfachsteuer entworfen. Seit dem 1. Juli 2003 wird es bereits im Distrikt Brcko angewendet.
Warum hält die Politik am bestehenden Steuersystem fest?
Gespräch mit Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung
Die Aufnahme zeigt einen Kassenbon und ein paar Euro-Münzen. (AP)Der Steuerexperte Paul Kirchhof hat ein vereinfachtes Steuerrecht vorgelegt. Falls es umgesetzt wird, würden viele Ausnahmen wegfallen. Ist die Politik überhaupt daran interessiert, dem Bürger die Steuererklärung zu vereinfachen? Denn mit den unterschiedlichen Steuerarten kann der Staat zuverlässig die Kasse füllen.
Steuern dienen dazu, Geld einzunehmen. Sie sollen "gerecht" sein. Gerade darüber streiten die Parteien, wenn es um Reformen geht. Für die meisten Steuerzahler steht fest: Ihre eigene Steuerbelastung ist ungerecht. Dieser Eindruck entsteht , weil bestimmte Einkommensgruppen mit Steuern belastet werden, während sich andere über Entlastungen freuen können.