Sonntag, 26. Mai 2013

Agenda /

Syrien Echt, aber ungehört  

Webschau mit Martina Schulte

Der Blick durch ein Gefängnisfenster nach draußen.
Der Blick durch ein Gefängnisfenster nach draußen. (flickr.com | Terence S. Jones CC BY 2.0)

Tal Bint Dawser al-Mallouhi ist Bloggerin - und die jüngste politische Gefangene Syriens.

Es mutet schon ein bisschen seltsam an: Während sich die berühmte syrische Bloggerin "Amina" als Fake herausstellt, wird von einer anderen, echten syrischen Bloggerin kaum Notiz genommen: Tal Bint Dawser al-Mallouhi, heute 19 Jahre alt, wurde vor zwei Jahren vom syrischen Geheimdienst verhaftet. Erst im Februar 2011 wurde ihr der Prozess gemacht. Doch die westliche Welt scheint nichts davon mitbekommen zu haben. Nicht einmal der Umstand, dass sie die jüngste politische Gefangene Syriens ist, hilft ihr mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Vorwurf der Spionage

Fünf Jahre Haft lautet das Strafmaß - weil die damals 17-Jährige angeblich für die amerikanische Botschaft in Ägypten spioniert haben soll, so die englische Ausgabe der Al Jazeera. Welche geheimen Informationen das Mädchen mitgeteilt haben soll, ist nicht klar. Auf ihrem Blog befinden sich neben Gedichten und Essays über das Leid in Palästina, über Einschränkungen der freien Meinungsäußerung und ihre Hoffnung auf Frieden im Mittleren Osten. Allerdings reicht in Syrien allein der Verdacht auf Spionage auch ohne Beweise für eine Verhaftung.

Kaum Aufmerksamkeit

In westlichen Medien wurde bislang kaum über das Schicksal von Tal al-Mallouhi berichtet. Das Blog Philibuster schreibt dazu:

"Aller tragischer Realität zum Trotz, jemand wie Al Mallouhi "profitiert" nicht mal von dem traurigen Sachverhalt, seit über einem Jahr eine der jüngsten politischen Gefangenen der Welt zu sein: Vielleicht bietet sie - mit ihrem Jihab, mit ihrem Blog, der auf arabischer Schrift basiert, mit ihren Gedichten - nicht genügend Projektionsfläche für das "Eine-wie-du-und-ich-ist-in-Gefahr"-Spielchen, das die für das Social-Web affine Moderne anscheinend so sehr braucht, um Aktivismus zu verstehen und selbst aktiv zu werden - und sei es nur für ein bis zwei Mausklicks auf Sympathie- und Petitionsseiten im Netz.“

Die NZZ online schreibt, der Fall sei mit Blick auf das Verhalten westlicher Medien sehr aufschlussreich. Die meisten schwiegen, so die These dort, weil es einiges an Rechercheaufwand gekostet hätte, Zugang zu den konservativen Kreisen zu erhalten, zu denen Tal al-Mallouhi gehörte. Mit dem Beginn des syrischen Aufstands stehen zwar syrische Blogger plötzlich hoch im Kurs, damit hätten Tal al-Mallouhis Medien-Aktien zwar eigentlich steigen müssen, denn nichts, so schreibt die NZZ, sei derzeit gefragter als die politisch aktive Internet-Jugend:

"Betrachtet man die "Cyberdissidenten", die von der westlichen Presse quasi unisono zitiert werden, kommen jedenfalls Zweifel an ihrer Repräsentativität auf: Die meisten sind Exilsyrer und fast alle säkular. Die syrischen Aufständischen hingegen sind überwiegend orthodox - im Sinne von stark wertkonservativ."

Kontroverse Sicht der Revolution

Mit anderen Worten: Westliche Medien unterstützen und zitieren vor allem Blogger, deren Sichtweise sie Teilen können. So zum Beispiel die New York Times, die den Exilsyrer Rami Nakhle unterstützt. In einem Artikel vom April 2011 greift Nakhle unter anderem eine der beliebtesten Facebook-Seiten zur syrischen Revolution "The Syrian Revolution 2011" an und warnt vor allzu religiösen Slogans, die der Religion schaden würden.

Diese Tendenzen findet Madeleine Donati bedenklich. Sie schreibt bei Telepolis:

"Nicht umsonst zählt 'Syria Revolution 2011' mit 197.000 Anhängern mehr als jede andere Facebookseite und reflektiert so einen Großteil der syrischen Bevölkerung, der nun einmal sunnitisch-orthodox ist - und zwar nicht im Sinne kampfversessener Heiliger Krieger, wohl aber religiöser, betont wertkonservativer Menschen. Wer mit ihrer Lebenseinstellung nicht d’accord geht, muss dies offen und transparent mit ihnen debattieren, kann ihnen aber - gerade im Namen eines Freiheitsbegehrens - kaum das Recht streitig machen, ihre Überzeugungen im eigenen Land auszuleben. Alles andere hieße, die Mechanismen der Diktatur neu aufzulegen"



Facebookgruppen von syrischen Dissidenten:

The Syrian Revolution (säkular)
The Syrian Revolution / Suriye Devrimi (kurdische Minderheit)
facebook.com/palsyria (palästinensisch)
Syria Revolution 2011, deren Administrator ein Muslimbruder ist (beliebtester, religiös und wertkonservativ)

Facebookgruppe und Website für Tal al-Mallouhi

Freedom for Tal al-Mallouhi (Facebook-Gruppe)
Free Tal (englisch und arabisch)

 

Weitere Informationen:

Der virtuelle Funke
(Zenith online vom 19.02.2011)

Syria and teen blogger Tal al-Mallouhi
(WL Central vom 15.02.2011, englisch)

Antrag auf Freilassung von Tal al-Mallouhi der USA
(state.gov vom 12.02.2011, englisch)

Zum Kommentieren bitte registrieren oder anmelden.

Zu diesem Beitrag gibt es noch keine Kommentare

Wenn Sie Verstöße gegen unsere Kommentar-Regeln feststellen, informieren Sie bitte die Forenadministration per E-Mail.

Beitrag hören

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Agenda

Deutschland-Fans nehmen am Sonntag (17.06.2012) in Nürnberg (Mittelfranken) in Morphsuits in Schwarz-Rot-Gold

StereotypenWelcome Krauts!

An die Stelle alter Rivalitäten und Feindschaften treten Freundschaften und Sympathien.

Mehr …

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, umarmen sich am 20.05.2013 während einer Besichtigung des Startup Unternehmen «Rocket Space» in San Francisco in Kalifornien (USA).

SpringerDie Bild im Tal

Kai Diekmann ist jetzt ein Internetgeek - keine gute Nachricht für seine Angestellten.

Mehr …

Ein Mann zeigt auf die neue XBox One.

XBox OneBig Brother im Wohnzimmer

Ultimatives Gaming-Erlebnis oder Bespitzelung im Wohnzimmer?

Mehr …

Eine Frau starrt ungläubig mit aufgerissenen Augen.

PsychologieBist du irre

Alles psychische Störungen: ein ausgelassenes Essen, Traurigkeit, Schüchternheit.

Mehr …

Hände, die auf einem Klavier spielen.

UrheberrechtTaktlos

Warum ein Musiklehrer seine Videos auf Youtube löschen muss.

Mehr …

Der Stadtpark im Hamburger Stadtteil Barmbek.

StadtparksGrün macht glücklich

Im Stadtpark bleibt niemand allein: Wir bevölkern die Grünanlagen gerne in Massen.

Mehr …