Donnerstag, 23. Mai 2013

Agenda /

Syrien Zwischen Revolte und Kontrolle  

Reportagen von und ein Gespräch mit dem Journalisten Nail Al Saidi zur Lage in Syrien

Ein Protestzug zieht durch die Stadt Latakia in Syrien. Die Menschen gehen gegen Präsident Assad auf die Straße. Das Bild stammt aus einem Youtube-Video.
Menschen protestieren in Latakia, Syrien, am 8.08.2011 gegen das Assad-Regime. (Shaam New Network/handout / picture alliance / dpa)

Der Journalist Nail Al Saidi hat 15 Monate als Arabisch-Student in Syrien verbracht - vom Sommer 2010 bis zum Herbst 2011. Bei DRadio Wissen berichtet er über seine Erfahrungen in dem Land, in dem seit März 2011 Menschen gegen das diktatorische System von Baschar al Assad demonstrieren. Der Präsident geht seit Beginn der Proteste gewaltsam gegen die Demonstranten vor.

Viele mutige Syrer hindert das nicht daran, ihrer Wut weiter Ausdruck zu verleihen: Sie fordern ein Ende des Assad-Regimes. Die Sicherheitskräfte des Präsidenten reagieren mit Gewalt, schießen, foltern und töten Regierungsgegner. Unterdessen versucht das Regime einen Teil des Volkes auf seine Seite zu ziehen.

Das Regime will bleiben - um jeden Preis

Der Journalist Nail Al Saidi berichtet von inszenierten Propaganda-Demonstrationen für das Regime. Er hat in Syrien Arabisch gelernt. In seiner Sprachschule erlebte er, wie die Studenten mit Staatspropaganda beeinflusst werden sollten. Er erlebte pro-syrische Demonstrationen und sprach mit Menschen, die Assad kritisch sehen.

Eindrücke jenseits von Youtube-Videos

Unabhängige ausländische Journalisten gibt es im Land so gut wie keine mehr, in Deutschland prägen vor allem Youtube-Videos das gegenwärtige Syrienbild. Tagesschau und andere Sendungen zeigen diese Videos, auch wenn sich ihr Wahrheitsgehalt nicht überprüfen lasse. Staatspräsident Assad will die Deutungshoheit über die Bilder nicht aus der Hand geben. Eindrücke aus einem Land zwischen Revolte und Kontrolle.

 

 

"Jeder neue Tote ist für die Opposition ein Grund, weiterzumachen"
Gespräch mit dem Journalisten Nail Al Saidi

Der Journalist Nail Al Saidi im Porträt mit schwarzer BrilleDer Journalist Nail Al Saidi (Nail Al Saidi)Im Sommer 2010 ist Nail Al Saidi nach Syrien gegangen. Eigentlich wollte er nur ein halbes Jahr Arabisch lernen. Weil die Sprache so schwer ist, verlängerte er seinen Aufenthalt – und geriet mitten in den Arabischen Frühling. An einem staatlichen Institut lernte er die Sprache, nebenbei wollte die Lehrerin ihre Schüler auf Linie bringen.

Damaskus sei bis jetzt sehr ruhig, sagt Nail Al Saidi, weil die Sicherheitskräfte dort stark vertreten seien. Trotzdem habe er Demonstrationen gesehen. "Ich habe auch die Schlägertrupps gesehen, ich habe die 'Men in Black' gesehen, die Spezialeinheiten, die überall hochgerüstet herumstehen." Allerdings würden Demonstrationen der Regimegegner in Damaskus nicht lange dauern, weil der Sicherheitsapparat dort sehr schnell reagiere.


Propaganda und Gegeninformation
Eine Reportage von Nail Al Saidi

Mehrere Männer sitzen in einer Runde und schauen sich im Fernsehen eine Rede von Baschar al Assad an.Syrer schauen sich eine Rede des Präsidenten Baschar al Assad im Fersehen an. (Youssef Badawi / picture alliance / dpa)Fernsehen gehört in Syrien zum Alltag wie die Tasse Tee. Doch die Bilder, die über die offiziellen staatlichen Kanäle kommen, stellen die regimekritischen Demonstrationen entweder überhaupt nicht oder nur sehr verzerrt dar. Zwar ist es verboten, ausländisches Fernsehen zu empfangen, doch nicht jeder hält sich daran. 

Wer informiert sein will, schaltet hin und wieder Al Jazeera und Al Arabia ein. Der Lagebericht von Al Jazeera ist in Syrien so wichtig wie eine Staumeldung im deutschen Radio. Man erfährt, wo die Straßen gesperrt sind. Wer nicht kontrolliert oder zusammengeschlagen werden will, der meidet diese Orte besser .

 

Von Freiheit und Unfreiheit
Eine Reportage von Nail Al Saidi

Menschen auf einem Basar in Damaskus. Drei Männer beugen sich über einen Tisch mit Uhren. Eine Frau steht daneben.Alltag in Damaskus: Ein Basar im Zentrum der Stadt. (Youssef Badawi / picture alliance / dpa)In Syrien herrschen Anarchie und Unterdrückung zugleich: Während die Staatsgewalt überall, vor allem in Moscheen, nach potenziellen Verrätern und Revolutionären sucht, vergisst sie, was anderswo passiert. In Yarmuk, einem palästinensischen Wohnviertel von Damaskus, schuften Bauarbeiter. Ein Haus ums nächste bekommt ein neues Stockwerk – ganz ohne Genehmigung oder Schmiergeld.

Es klingt paradox, aber trotz Diktatur und Gewalt, mit denen das Regime die syrische Opposition bekämpft und weite Teile des Volkes unterdrückt, herrschen in anderen Teilen der Gesellschaft plötzlich ganz neue Freiheiten. Die Menschen nehmen sie sich einfach.

 

Propaganda statt Grammatik
Eine Reportage von Nail Al Saidi

Eine junge Frau lehnt an einer Balustrade und schaut auf einen Platz auf dem sich Tausende Syrer versammeln, um für Baschar al Assad zu demonstrieren. Ein Porträt des Präsidenten hängt an einem Gebäude. Die junge Frau trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei des Präsidenten.Inszenierte Pro-Assad-Demonstration in Damaskus, Syrien. (Youssef Badawi / picture alliance / dpa)Im Sommer 2010 ist Nail Al Saidi nach Syrien gegangen – mit der Absicht dort Arabisch zu lernen. In der Zwischenzeit hat sich die Lage in dem Land so verschärft, dass er lernen musste, in einer Revolte zu überleben. Auf dem Weg zur Universität erlebte er immer wieder, wie Demonstranten skandierten: "Nur Gott, Syrien und Baschar!" Ein weiterer Schlachtruf lautete: "Baschar al Assad hat keine Angst!"

Für den öffentlichen Beweis ihrer Liebe zu Assad bekommen die Demonstranten sogar schulfrei. Auch in der Sprachschule erwartet die Schüler politische Propaganda.


Außerdem ist Nail Al Saidi um 18:00 Uhr in der Redaktionskonferenz zu Gast. Dort spricht er über seinen Aufenthalt in Syrien und die Lage in dem abgeschirmten Land.



Mehr bei DRadio Wissen:

Naher Osten - Angeknackst: Die Beziehungen Syrien/USA
Der amerikanische Botschafter in Syrien, Robert Ford, hat dem Assad-Regime die Stirn geboten.
(Globus vom 25.10.2011)

Syrien: Gemeinsam gegen Assad
Trotz drastischer Repressionen hört der Protest gegen die Diktatur des Baschar al Assad in Syrien nicht auf.
(Globus vom 05.07.2011)

Syrien: Zwischen Protest und Gewalt
Im März hat die Protestwelle auch Syrien erreicht. Seither demonstrieren die Menschen dort für mehr Freiheit und Mitbestimmung, gegen Korruption und staatliche Willkür.
(Agenda vom 15.06.2011)

Mehr zum Thema:

Timeline der Proteste in Syrien auf Wikipedia

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Kommentare 4 - 1 von 4

  • 4. Verdummung der Massen durch syrische Staatspropaganda

    So wie ich sehe sind die Agenten des Staates wieder aktiv. Nun denn, es ist halt so dass Syrien an der Medienfront kläglich versagt, wenn alles so wäre wie des das syrische Regime sagt, dann hätte man doch Medien ins Land lassen können, von mir aus auch ohne Al jazeera, aber warum lässt man das nicht zu? Warum werden nur so in Meinungsfreiheit so geschulte chinesische, veneuzulanische und russische Medienvertreter ins Land gelassen? Dass sich kaum ein Journalist einfach so in der Rauchstrasse ein Touristenvisum holt dürfte klar sein, wenn man in Syrien als Journalist auffliegt landet man in Haft um dann eine Woche später vielleicht im Flugzeug nach Hause zu sitzen, so kann kein Journalist arbeiten. Zum anderen, sehr wohl werden die Jubelenden dabke tanzenden Assadis hier gezeigt, in jedem Sender wurde das gezeigt, sogar bei Aljazeera und CNN. Es passt vielleicht nicht in das Weltbild einiger Syrer dass wir uns hier im Westen durchaus ein Bild machen wie die Zuständ in Syrien sind, wir wissen dass jeden Tag Menschen in Syrien durch die Hände des Regimes sterben, und das seit mehr als 40 Jahren, erst seit März sieht die Welt das offen und oftmals in Echtzeit. Assad sagte im Interview dass die Welt sich Ihre Meldungen und Bilder von syrischen Medien holen sollte. Wissen Sie, als es zu ersten Demos im Midan Viertel von Damaskus kam zeigte das syrische Fernsehen die Bilder, der Ton war aber: Es hat endlich in Damaskus geregnet, sehen Sie wie die Menschen sich freuen. Solche offensichtliche Lügerei, das macht die syrischen Medien und den ganzen Journalismus im Land unglaubwürdig, und zu einem Teil der Staatspropaganda. Jeder weiss dass Christen in Syrien große Freiheiten haben, die sektiererische Karte spielt Assad aus. Wenn in Homs fast 90% der ansässigen Alawiten beim Sicherheitsdienst arbeiten, dann ist doch klar dass die leute aus Homs eine Mordswut auf Alawiten haben. Dennoch bleibt zu sagen dass es auch Christen, Armenier, Drusen und Alawiten sind die auf die Strasse gehen und auch dass sind nicht Terroristen oder marodierende Banden die alle im Drogenrausch sind oder sich versammeln um den Regen zu feiern. Sie haben ihre Angst vor dem Geheimdienst der in Syrien an jeder Ecke sein kann abgelegt, sie wollen frei sein von Bevormundung und Folter. Es ist schade dass gerade ihr die hier im Westen lebt und nicht verfolgt werdet, ihr die jederzeit einen Polizisten etwas fragen könnt ohne Konsequenzen zu fürchten, euch so für dieses sterbende Regime verdingt. Es macht mich als Deutschen traurig, denn anscheinend tuen wir nicht genug um den Funken der Demokratie in die Herzen aller bei uns lebenden Mitbürger zu bringen, anders kann ich mir es nicht erklären warum man freiwillig so ein Regime verteidigen kann.

    amana 21.11.2011 09:45 Uhr

  • 3. Verbreitete Lügen und die Wahrheit über Syrien

    Ein Paar Fragen an den Journalisten: 1- Wo sind Ihre Berichte über Pro-Asad Demos.? Das sind Millionen die auf der Strasse waren und täglich immer noch sind....meine Schwester und ihre ältere Tochter wollten nicht aus Angst, vor Bewaffneten Gruppen ..sie mußten sich nicht rechtfertigen warum sie nicht hingegangen sind. 2- Wo sind Ihre Berichte über die Tausenden getöteten Soldaten durch bewaffnete Gruppen? 3- Wo sind Ihre Berichte über entführte Männer und Frauen und tot gefunden nur weil sie Pro-Asad sind? Ihre Berichte, dass in Syrien Satellitenschüsseln und ausländische Sender verboten sein sollen, ist nicht nur falsch sondern das sind Lügen, die sehr gefährlich sind als Journalist...oder haben Sie Journalismus bezahlt bekommen.Sie wissen schon, dass es eine Lüge ist alles was Sie hier gegen Syrien treiben....der Beweis ist sooo einfach zu finden...oder ist die Verdummung des Menschen Ihr Spass?

    Mahmouha 19.11.2011 12:35 Uhr

  • 2. Sinnloser einseitiger Artikel

    Warum gehen die Journalisten nicht nach Saudi-Arabien, wo die Deutschen Panzer aktiv geliefert werden? Was für Verdummung! Warum kein Wort über die Demonstranten in Bahrain?? Zu dem gefragten Journalist, der keine Ahnung davon zu haben scheint, sage ich: Ein kleines Beispiel-Also ein KLEINES Beispiel: Zu Deiner Info: Die Christen in Syrien leben viel besser als die Muslimen in ganz Europa. Weißt Du das? Du willst es bestimmt nicht hören. Keiner wurde in Syrien nach Religion getötet, was eigentlich in Europa oft geschehen ist. Die Christen feiern in Syrien ihre Fest mehr als in Deutschland selber, weißt Du? Das ganze Syrien feiert Ostern zwei mal für Katholiken und Orthodoxen, weißt Du? Wir christliche Syrer sind dankbar, daß unser Präsident Assad ist. Dank ihm leben wir unsere Freiheit. Glaubst Du das oder nicht, mir ist es pumpe. Das ist aber die Wahrheit. Diese aufhetzende Propaganda gegen Syrien wird nur die Syrer und Assad verstärken.

    Fadisouria 19.11.2011 10:42 Uhr

  • 1. Westliche Propaganda unter die Lupe nehmen

    Dass in Syrien Satellitenschüsseln und ausländische Sender verboten sein sollen, ist aber absolut neu. Wer bereits in Syrien war und über die Dächer, egal welcher Stadt, geschaut hat, wird das Meer von Sat-Schüsseln als zunächst sehr komisch empfinden. Ausländische Sender werden immer geschaut, sie sind nicht verboten, die Frage ist nur, wie beliebt sie sind. Viele Syrer schalten die im Artikel erwähnten Sender aus Protest nicht mehr an. Dia Aussage, dass die Regierung Pro-Demonstrationen inszeniert ist eine genauso vage und bedenkliche Aussage, wie alles andere in dem Artikel. Mag sein, dass an solchen Tagen manche Institutionen entscheiden, frei zu geben, dies ist aber mit Sicherheit nicht vom Regime festgelegt. Wer kein Interesse an der Demo hat, geht nicht hin, so einfach. Die Demos, die ich erlebt habe glichen eher einem Volksfest. Ganz deutlich wurde dabei, dass die Menschen nicht gezwungen werden, sondern aus freien Stücken protestieren gehen. Viele Syrer, die eigentlich regimekritisch eingestellt waren, haben sich nun auf die Seite der Regierung gestellt, weil keiner einen Bürgerkrieg, Mord und Totschlag haben will. Die Armee wird als Schutz angesehen, als Schutz gegen die Drogenabhängigen und Kriminellen, die bewaffnet durch die Straßen laufen und Angst und Schrecken verbreiten. Die Opposition und Gegner der Regierung sind weder organisiert, noch friedlich. Allein in Deutschland gibt es genügend Beispiele von Menschen, die aufgrund ihrer Unterstützung der Regierung, bedroht und mundtot gemacht werden und gegen die Rufmordkampagnen laufen. Doch das passt nicht in das Bild, was man über Syrien vermitteln will. Warum versucht man als Journalist nicht einfach mal, ins Land einzureisen? Sich hinzustellen, falsche Nachrichten aus den ominösen Beobachtungsstellen abzuschreiben und zu behaupten, es darf kein Journalist rein, sind einfach, haben aber mit Journalismus nichts zu tun.

    Amna 19.11.2011 09:13 Uhr

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