Syrien Zwischen Revolte und Kontrolle
Reportagen von und ein Gespräch mit dem Journalisten Nail Al Saidi zur Lage in Syrien
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- Menschen protestieren in Latakia, Syrien, am 8.08.2011 gegen das Assad-Regime. (Shaam New Network/handout / picture alliance / dpa)
Der Journalist Nail Al Saidi hat 15 Monate als Arabisch-Student in Syrien verbracht - vom Sommer 2010 bis zum Herbst 2011. Bei DRadio Wissen berichtet er über seine Erfahrungen in dem Land, in dem seit März 2011 Menschen gegen das diktatorische System von Baschar al Assad demonstrieren. Der Präsident geht seit Beginn der Proteste gewaltsam gegen die Demonstranten vor.
Viele mutige Syrer hindert das nicht daran, ihrer Wut weiter Ausdruck zu verleihen: Sie fordern ein Ende des Assad-Regimes. Die Sicherheitskräfte des Präsidenten reagieren mit Gewalt, schießen, foltern und töten Regierungsgegner. Unterdessen versucht das Regime einen Teil des Volkes auf seine Seite zu ziehen.
Das Regime will bleiben - um jeden Preis
Der Journalist Nail Al Saidi berichtet von inszenierten Propaganda-Demonstrationen für das Regime. Er hat in Syrien Arabisch gelernt. In seiner Sprachschule erlebte er, wie die Studenten mit Staatspropaganda beeinflusst werden sollten. Er erlebte pro-syrische Demonstrationen und sprach mit Menschen, die Assad kritisch sehen.
Eindrücke jenseits von Youtube-Videos
Unabhängige ausländische Journalisten gibt es im Land so gut wie keine mehr, in Deutschland prägen vor allem Youtube-Videos das gegenwärtige Syrienbild. Tagesschau und andere Sendungen zeigen diese Videos, auch wenn sich ihr Wahrheitsgehalt nicht überprüfen lasse. Staatspräsident Assad will die Deutungshoheit über die Bilder nicht aus der Hand geben. Eindrücke aus einem Land zwischen Revolte und Kontrolle.
"Jeder neue Tote ist für die Opposition ein Grund, weiterzumachen"
Gespräch mit dem Journalisten Nail Al Saidi
Der Journalist Nail Al Saidi (Nail Al Saidi)Im Sommer 2010 ist Nail Al Saidi nach Syrien gegangen. Eigentlich wollte er nur ein halbes Jahr Arabisch lernen. Weil die Sprache so schwer ist, verlängerte er seinen Aufenthalt – und geriet mitten in den Arabischen Frühling. An einem staatlichen Institut lernte er die Sprache, nebenbei wollte die Lehrerin ihre Schüler auf Linie bringen.
Damaskus sei bis jetzt sehr ruhig, sagt Nail Al Saidi, weil die Sicherheitskräfte dort stark vertreten seien. Trotzdem habe er Demonstrationen gesehen. "Ich habe auch die Schlägertrupps gesehen, ich habe die 'Men in Black' gesehen, die Spezialeinheiten, die überall hochgerüstet herumstehen." Allerdings würden Demonstrationen der Regimegegner in Damaskus nicht lange dauern, weil der Sicherheitsapparat dort sehr schnell reagiere.
Propaganda und Gegeninformation
Eine Reportage von Nail Al Saidi
Syrer schauen sich eine Rede des Präsidenten Baschar al Assad im Fersehen an. (Youssef Badawi / picture alliance / dpa)Fernsehen gehört in Syrien zum Alltag wie die Tasse Tee. Doch die Bilder, die über die offiziellen staatlichen Kanäle kommen, stellen die regimekritischen Demonstrationen entweder überhaupt nicht oder nur sehr verzerrt dar. Zwar ist es verboten, ausländisches Fernsehen zu empfangen, doch nicht jeder hält sich daran.
Wer informiert sein will, schaltet hin und wieder Al Jazeera und Al Arabia ein. Der Lagebericht von Al Jazeera ist in Syrien so wichtig wie eine Staumeldung im deutschen Radio. Man erfährt, wo die Straßen gesperrt sind. Wer nicht kontrolliert oder zusammengeschlagen werden will, der meidet diese Orte besser .
Von Freiheit und Unfreiheit
Eine Reportage von Nail Al Saidi
Alltag in Damaskus: Ein Basar im Zentrum der Stadt. (Youssef Badawi / picture alliance / dpa)In Syrien herrschen Anarchie und Unterdrückung zugleich: Während die Staatsgewalt überall, vor allem in Moscheen, nach potenziellen Verrätern und Revolutionären sucht, vergisst sie, was anderswo passiert. In Yarmuk, einem palästinensischen Wohnviertel von Damaskus, schuften Bauarbeiter. Ein Haus ums nächste bekommt ein neues Stockwerk – ganz ohne Genehmigung oder Schmiergeld.
Es klingt paradox, aber trotz Diktatur und Gewalt, mit denen das Regime die syrische Opposition bekämpft und weite Teile des Volkes unterdrückt, herrschen in anderen Teilen der Gesellschaft plötzlich ganz neue Freiheiten. Die Menschen nehmen sie sich einfach.
Propaganda statt Grammatik
Eine Reportage von Nail Al Saidi
Inszenierte Pro-Assad-Demonstration in Damaskus, Syrien. (Youssef Badawi / picture alliance / dpa)Im Sommer 2010 ist Nail Al Saidi nach Syrien gegangen – mit der Absicht dort Arabisch zu lernen. In der Zwischenzeit hat sich die Lage in dem Land so verschärft, dass er lernen musste, in einer Revolte zu überleben. Auf dem Weg zur Universität erlebte er immer wieder, wie Demonstranten skandierten: "Nur Gott, Syrien und Baschar!" Ein weiterer Schlachtruf lautete: "Baschar al Assad hat keine Angst!"
Für den öffentlichen Beweis ihrer Liebe zu Assad bekommen die Demonstranten sogar schulfrei. Auch in der Sprachschule erwartet die Schüler politische Propaganda.
Außerdem ist Nail Al Saidi um 18:00 Uhr in der Redaktionskonferenz zu Gast. Dort spricht er über seinen Aufenthalt in Syrien und die Lage in dem abgeschirmten Land.