Tuareg Oh, wie schön ist Azawad
Ein Gebiet im Norden von Mali, drei Mal so groß wie die Bundesrepublik, soll der neue Staat der Tuareg werden.
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- Die Tuareg gehören zu den Nomadenvölkern Afrikas. (Emilia Tjernström | flickr | cc by-nc-sa 2.0)
Azawad soll der neue unabhängige Staat heißen, den die Tuareg im Norden von Mali errichten wollen. Das Siedlungsgebiet des Nomadenvolks erstreckt sich über die Saharawüste und umfasst mehrere Staaten. Aufstände der Tuareg gegen den Süden des Landes gab es seit den 1990er Jahren schon öfter, sie wurden aber allesamt niedergeschlagen.
Erst der Putsch des malischen Militärs gegen die Regierung des Landes am 21. März bot den Tuareg die Gelegenheit, innerhalb weniger Tage ein riesiges Gebiet zu erobern. Vor etwa einer Woche haben Tuareg-Rebellen den von ihnen kontrollierten Norden Malis für unabhängig erklärt.
DRadio Wissen berichtet über die Geschichte der Tuareg, ihre Verbindungen zum früheren libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi und den aktuellen Konflikt. Außerdem beleuchten wir die Musik der Tuareg, die schon seit den 1990er Jahren Menschen auf der ganzen Welt fasziniert.
Die Lage in Mali
Gespräch mit Andrea Kolb, Leiterin des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Dakar
Der gestürtze Präsident Amadou Toumani Toure und Malis Interims-Präsident Dioncounda Traore (EPA | Filippo Monteforte | STR)Die Tuareg sind ein Berbervolk. Seit dem 11. Jahrhundert leben sie in der zentralen Sahara. Ihre Religion ist der Islam, einer Arabisierung ihrer Kultur versagten sie sich aber. Als Nomaden lebten sie ohne nationale Grenzen und nach eigenen Traditionen. Als die Franzosen sich 1960 aus Westafrika zurückzogen, wurde das Siedlungsgebiet der Tuareg auf die Staaten Mali, Niger und Algerien aufgeteilt.
Ein kleiner Teil der Tuareg lebte in Libyen, wo sie als Söldner in den Diensten des Diktators Muhammar al-Gaddafi standen. Ende 2011 brachten die unter Gaddafi gut ausgebildeten Tuareg-Söldner den Norden Malis unter ihre Kontrolle - vermutlich mit Unterstützung von Al-Kaida-Gruppen. Der Tuareg-Aufstand führte im März 2012 zum Putsch der malischen Streitkräfte gegen Präsident Amadou Touré. Am 6. April 2012 erklärten die Rebellen die Unabhängigkeit des von ihnen geforderten Tuareg-Staates Azawad von der Republik Mali. Aber die afrikanischen Staaten und auch die EU verweigern dem neuen Staat die Anerkennung. Für Andrea Kolb, Leiterin des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Dakar, sind damit weitere Konflikte programmiert.
Mehr als bloße Nomaden-Romantik
Ein Gespräch mit der Musikjournalistin Marlene Küster
Tinarawen gehört zu den bekanntesten Tuareg-Bands. (theyedropper´s world | flickr | cc by-nc-sa 2.0)Seit den 1990er Jahren fasziniert die Musik der Tuareg Menschen auf der ganzen Welt. Viele Tuareg nutzen die Musik zu Ausdruck ihres kulturellen und politischen Selbstverständnisses. Auf traditionellen Nomaden-Instrumenten, aber auch auf E-Gitarren reflektieren die Tuareg-Bands über ihr zerrissenes Dasein zwischen kulturhistorischem Erbe und der desolaten Gegenwart ihres Volkes.
Seit 2001 gibt es das "Festival au desert", das jährlich in Essakane oder Timbuktu stattfindet. Es ist inzwischen auch zum Anziehungspunkt für westliche Musiker geworden. Mittlerweile entstehen immer mehr Crossover-Projekte zwischen westlicher Kultur und Nomadenkultur. Die Musikjournalistin Marlene Küster hat sowohl mit alten Tuareg-Größen wie der Band Tinariwen als auch mit Newcomern wie der Nachwuchsband Tamikrest darüber gesprochen, wie die Tuareg ihre Kultur und ihre politischen Anliegen über ihre Musik in den Rest der Welt transportieren.
Bono beim Festival Au Desert (Cantonlamousse | Youtube)
Die Tuareg und Gaddafi
Ein Gespräch mit ARD-Korrespondent Marc Dugge
Die Tuareg haben unter Gaddafi als Söldner gedient. (picture alliance | dpa | EPA FILE)Über Jahrzehnte hinweg hat der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi die Tuareg als Söldner beschäftigt. "Die Tuareg waren eine Waffe in den Händen Gaddafis", sagt Korrespondent Marc Dugge. Gaddafi wiederum war den Tuareg ein verlässlicher Partner im Kampf gegen selbst empfundene Diskriminierung und Unterdrückung in den Ländern, in denen sie durch die Sahara ziehen. Seit dem Tod des Diktators droht der Nordwesten Afrikas im Chaos zu versinken.
Denn die militärisch gut ausgebildeten Tuareg-Verbände haben Libyen verlassen, allerdings nicht ohne sich am großen Waffenfundus der libyschen Streitkräfte zu bedienen. Schwer bewaffnet beteiligten sie sich am Aufstand in Mali, dem die Streitkräfte des Landes wenig entgegensetzen können. "Wenn man nichts mehr zu verlieren hat, aber sehr viele Waffen, dann zettelt man solch einen Aufstand an", sagt Marc Dugge. Seit Januar versucht die malische Armee, den Vormarsch der Tuareg zu stoppen - bisher ohne Erfolg.
Das Leben als Berbervolk
Ein Gespräch mit Gerd Spittler, emeritierter Professor für Ethnologie der Universität Bayreuth
Eine Tuareg-Familie im Festtagsgewand. (Emilia Tjernström | flickr | cc by-nc-sa 2.0)Sie sind Nachkommen des altberberischen Volks der Garamanten. Ein kriegerisches Nomadenvolk, das vor mehr als 2000 Jahren in Regionen des heutigen Tunesiens und Libyens lebte. Auch heute gelten die Tuareg noch als Nomaden, obwohl die meisten von ihnen inzwischen sesshaft sind. Sie hatten nie einen eigenen Staat und bestehen aus vielen verschiedenen Untergruppen.
Trotz dieser Zersplitterung kämpfen die Tuareg seit vielen Jahrhunderten dafür als freies Volk anerkannt zu werden. Gerd Spittler ist emeritierter Professor für Ethnologie an der Universität Bayreuth. Er hat selbst in Niger gelebt und forschte intensiv über die Tuareg. DRadio Wissen spricht mit ihm über die Kultur der Berbervölker und fragt, ob ein umherziehendes Volk die Voraussetzungen für eine eigene Staatsgründung haben kann.