Mittwoch, 19. Juni 2013

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Twitter Olympisches Gezwitscher  

Webschau mit Martina Schulte

Ein Twittervogel sitzt mit einem Schild auf dem "Folge mir" steht.
Im Gefolge der Twitter-Nutzer sind immer häufiger auch Nachrichtenagenturen. (Slava Baranskyi | flickr.com | cc by-nc 2.0 | DRadio Wissen)

Der 140-Zeichen-Dienst sorgt bei den Olympischen Spielen in London für mächtig Wirbel.

Noch bevor die Spiele offiziell eröffnet waren, gab es die ersten kleinen Skandale - dank Twitter: Eine Falschmeldung griechischer Journalisten sorgte kurzzeitig dafür, dass die Web- und Social-Media-Auftritte der deutschen Hockeyspielerin und Fahnenträgerin Natascha Keller zeitweise abgeschaltet wurden. Die griechische Dreispringerin Paraskevi Papchristou durfte wegen eines rassistischen Tweets gar nicht erst nach London anreisen. Der Schweizer Fußballer Michel Morganella durfte gleich wieder abreisen, nachdem er seine südkoreanischen Gegner per Tweet als "Bande von Behinderten" beschimpft hatte. Und ein 17-jähriger Twitterer wurde von der Polizei festgenommen, weil er aus Frust über eine verpasste Medaille den britischen Turmspringer Tom Daley grob beleidigt hatte.

Klatsch und Tratsch

Der Nachrichtendienst hat damit bereits ein Ziel erreicht: Twitter ist in aller Munde. Der Autor Konrad Lischka meint auf Spiegel Online, Twitter "inszeniert sich als neues Online-Medium, als Mischung zwischen Nachrichtenagentur, Info-Seite, Klatschportal und Forum. Es funktioniert: Für Promi-Beschimpfungen ist Twitter eine bessere Quelle als Nachrichtenagenturen und Fernsehsender, viele Medien zitieren Twitter als Quelle."

Zwitschernachhilfe für Sportler

Damit diese medialen Zweitverwerter genügend Futter bekommen, hilft Twitter freundlich nach. So wurden vor Beginn der Spiele per Stellenanzeige so genannte Partnership-Manager gesucht, die Prominenten und Sportlern erklären, wie gezwitschert wird. Diese "Media-Manager, Sports Creative Relationships" sollen, so steht es in der Jobbeschreibung: "best tweeting practices" entwickeln und "unique content in collaboration with high profile athletes and their teams" produzieren.

Das Wallstreet Journal schreibt, Twitter habe schon Monate vor Beginn der Spiele neue Sportler zum Zwitschern akquiriert. Die Strategie scheint aufzugehen. Medien greifen Promi-Tweets gerne auf und berichten darüber. So ist Twitter derzeit omnipräsent, was möglicherweise dazu führt, dass sich noch mehr Menschen einen Twitter-Account zulegen.

Marktwert steigern

Die Marktforschungsfirma eMarketer Inc. schätzt, dass Twitter dieses Jahr rund 260 Millionen Dollar an Einnahmen über Werbung generieren wird. Das klingt nach ziemlich viel Geld, ist aber verhältnismäßig wenig, wenn man die 3.15 Milliarden Dollar von Facebook zum Vergleich heranzieht. Wenn es Twitter gelingt, die Bekanntheit durch die Olympischen Spiele zu steigern und sich dadurch stärker in den Alltag der Menschen zu integrieren, wäre ein großes Ziel erreicht: Zum einen wäre die hohe Bewertung des Dienstes mit derzeit 8,4  Milliarden Dollar gerechtfertigt, zum anderen würden potentielle Käufer angelockt. Es gibt bereits Gerüchte, Apple wäre am Kauf des Dienstes interessiert.

Schlechte Presse zur NBC-Medienpartnerschaft

Die Zusammenarbeit von Twitter mit dem Fernsehsender NBC sorgt derzeit allerdings für schlechte Presse. Die Rechnung einer fröhlichen Win-Win-Medienpartnerschaft scheint damit nicht aufzugehen. Unter dem Twitter-Hashtag #nbcfail machen die Zuschauer ihrem Unmut Luft, dass NBC die Wettkämpfe teilweise nur zeitversetzt zur amerikanischen Primetime zeigt.

Zu den Kritikern gehört auch der britische Journalist Guy Adams, der Olympia-Korrespondent des Independent. In einem Tweet forderte Adams seine Twitter-Follower dazu auf, sich bei Gary Zenkel, dem Präsidenten von NBC Olympics zu beschweren und postete dazu dessen berufliche E-Mail-Adresse. Die Folge: Am Montag wurde der Twitter-Account von Adams gesperrt. Laut Twitter habe Adams die Privatsphäre Zenkels verletzt.

In der Begründung berief sich das Unternehmen auf die Nutzungsbedingungen von Twitter. Dort steht, dass auf Twitter keine nicht-öffentlichen, privaten E-Mail-Adressen anderer Personen gepostet werden dürfen. Adams widersprach der Löschung. Er habe lediglich die Firmenadresse getwittert, die jeder per Google herausfinden könne.

Dolm des Jahres

In einem Artikel von Adams im Independent ist zu lesen, nicht die NBC, sondern Twitter habe die erste Initiative zur Blockade von Adams Account gestartet. Erst nach einem Hinweis des Nachrichtendienstes habe die NBC die Sperrung des Accounts beantragt. Die Netz-Community hat nicht besonders amüsiert auf den Vorfall reagiert. Markus Spath meinte auf netzwertig.com, Twitter arbeite mit dieser Aktion an der Nominierung zum Dolm des Jahres. Cory Doctorow schrieb auf Boing Boing: "Twitter does something really, really, really stupid. Will they fix it?"

Twitter hat anscheinend reagiert. Guy Adams hat seinen Account zurück bekommen und eine Entschuldigung erhalten. Den Verantwortlichen dürfte mit diesem Vorfall klar geworden sein, dass hier ein nicht unerheblicher Image-Schaden entsteht. Das amerikanische Blog Techcrunch schreibt, es sehe so aus, als habe die NBC unter dem starken öffentlichen Druck klein beigegeben. Guy Adams, der Independent Journalist, freut sich. Ihm hat die ganze Sache eine Riesenstory beschert.

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