Donnerstag, 20. Juni 2013

Kultur /

Um die 30 - die Serie "Es gibt ja auch mal Glückspilze"  

von Dörte Fiedler

Leipzig, Bacharchiv
Leipzig, Bacharchiv (Wikimedia Commons/Andreas Praefcke/CC-BY-3.0)

1991. Die Sowjetunion zerfällt. Mit dem Zwei-plus-Vier Vertrag erhält Deutschland seine volle Souveränität zurück. Silka Gosch ist 32 und hat mit ihrer Familie gerade eine geräumige Dachwohnung in Leipzig bezogen. Die Verwandten aus dem Westen helfen beim Renovieren.

Im Januar des Jahres 1991 wählt der erste gesamtdeutsche Bundestag Helmut Kohl zum Bundeskanzler. Es ist seine dritte Amtszeit. In den neuen Bundesländern beginnt der Umtausch der Autokennzeichen. Ein Waffenstillstand mit dem Irak nach dem zweiten Golfkrieg wird ausgehandelt. Die Ratifikation des Zwei-plus-Vier-Vertrages zur Wiedervereinigung Deutschlands wird abgeschlossen.

Die Sowjetunion ist Geschichte

Bei einem Referendum im Mai 1991 sprechen sich 94,7 Prozent der Abstimmenden für eine Loslösung der Sozialistischen Republik Kroatien von der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) aus. Später führt dies zum Jugoslawienkrieg. Estland strebt die Unabhängigkeit von der Sowjetunion an, Lettland entscheidet in einer Volksabstimmung ebenfalls über die Unabhängigkeit von der Sowjetunion, Georgien, die Ukraine, Aserbaidschan, Kirgisistan und Usbekistan und weitere folgen im Laufe des Jahres.

Bundestag zieht von Bonn nach Berlin

Im August gibt es einen Putschversuch gegen Michail Gorbatschow. Das "Haus der jungen Talente" in Berlin Mitte schließt, und im Juni beschließt der Bundestag den Umzug von Bonn nach Berlin. In der Russischen Föderation wird die Kommunistische Partei verboten. Am 31. Dezember ist der letzte Sendetag des Deutschen Fernsehfunks (ehemaliges DDR-Fernsehen).

"Es gibt ja auch mal Glückspilze und als einen solchen kann ich mich auch betiteln"

Für Silka Gosch hat die politische Wende viel Positives gebracht. Aufbruchstimmung und Anfänge zeichnen diese Zeit für sie aus. Ihr erstes Kind wird geboren, eine neue Wohnung bezogen und man lernt die Familie im West-Teil des Landes kennen.

„ ...wir hatten auch Familie im westlichen Teil Deutschlands, die auch mit Gewerken umgehen konnten und die sind dann gekommen und haben uns Fliesen gelegt im Bad und alles solche technischen Geschichten. Man war ganz nah zusammengerückt. Nachdem man ja 1990 schon da gewesen ist, sich besucht hat, kamen die dann zu uns und das war auch für die Familie ein wunderbares Erlebnis, so gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.“

Eine Grafik zeigt an, wofür Bürger in Ostdeutschland 1991 ihr Geld ausgaben. Dafür gaben die ostdeutschen Haushalte 1991 Geld aus. Verfügbares Einkommen: 3109,55 DM. (DRadio Wissen | Statistisches Jahrbuch für die Deutsche Demokratische Republik)

 


Wohnung

In einer durchschnittlichen DDR-Wohnung von 64,4 Quadratmetern leben im Durchschnitt 2,2 Menschen. Somit stehen einer Person 28,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Ein Haushalt gibt für die Miete 4 Prozent seines Nettoeinkommens aus (und weitere 3,3 Prozent für die Nebenkosten). Damit kostet ein Quadratmeter kalt 1,90 DM.

Konsum

Ein Durchschnittshaushalt hat monatlich netto 3109,55 Mark zur Verfügung und gibt davon 18,5 Prozent für Nahrungsmittel aus. In Genussmittel fließen 4,7 Prozent des Einkommens, weitere 6,4 Prozent in Textilien und Bekleidung, 1,8 Prozent für Schuhe und Schuhzubehör.

Urlaub

63 Prozent der DDR-Bürger nutzten die neue Reisefreiheit, von diesen 10,7 Millionen erholten sich jedoch 70 Prozent wie bisher in den neuen Bundesländern, an der Ostsee, und weitere 14 Prozent in den westlichen Bundesländern (Mittelgebirge, Nordsee, Alpen). Nur jeder neunte Ostdeutsche verbrachte die längste Zeit des Urlaubs im Ausland; beliebteste Ziele waren Österreich (>350.000 Ostdeutsche, 3 Prozent aller Urlauber), die Tschechoslowakei und Ungarn.

Ängste - Hoffnungen - Kurioses

Jeder zweite ostdeutsche Urlauber (51 Prozent) träumt von einem Urlaub in idyllischer Landschaft und freier unberührter Natur. Die Bürger in den neuen Bundesländern wollen jetzt endlich berühmte Bauwerke besichtigen (46 Prozent) und andere Kulturen kennen lernen (31 Prozent). Dabei zeigt sich, dass das "Zusammensein mit der Familie" für sie eine Bedeutung hat (53 Prozent). Mit dem Urlaub ist für die ostdeutschen Urlauber außerdem die Hoffnung verbunden, "mit anderen Menschen zusammenkommen" zu können (53 Prozent). Nur 8 Prozent der Ostdeutschen waren nach der Wende nicht im Westen.

Familie

50529 Ehen werden geschlossen, 8976 im selben Jahr geschieden. Frauen heiraten durchschnittlich im Alter von 29,3 Jahren, Männer mit 32,1 Jahren. 108165 Kinder werden geboren, davon 41,6 Prozent unehelich.

 

In der zehnteiligen Serie "Um die 30" schaut DRadio Wissen zurück auf fünf Jahrzehnte privaten Lebens in Deutschland. Menschen aus Ost und West sprechen über ihre persönlichen Erlebnisse, zu dem Zeitpunkt als sie mehr oder weniger 30 Jahre alt waren. Diese Erinnerungen werden ergänzt durch statistische Angaben zum Einkommen, zur Wohnung und zur Familie.

Alle Beiträge unserer Serie "Um die 30" im Überblick.

 

 

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