Um die 30: die Serie "Wir fanden uns auch so schön"
Von Stephan Beuting
John F. Kennedy wird vereidigt. In Deutschland wird der erste Atomstrom produziert und eine Frau erstmals Ministerin. Sabine Bechtel wird 32. Sie arbeitet in Bad Soden am Taunus als Krankenschwester und lebt allein.
In den USA wird der junge John F. Kennedy als neuer Präsident vereidigt. Im bayerischen Kahl, an der Grenze zu Hessen, produziert erstmals ein deutscher Versuchsreaktor Atomstrom. Und mit Elisabeth Schwarzhaupt übernimmt erstmals in der Bundesrepublik eine Frau einen Ministerposten: Elisabeth Schwarzhaupt leitet das neugeschaffene Ressort "Gesundheit".
1961 fährt Sabine Bechtel mit Freunden vom Taunus nach Frankfurt am Main, im Hotel Continental bestellt sie einen Campari mit Orangensaft, für sechs Mark. Sie erinnert sich daran, weil das für sie damals unvorstellbar teuer war. Im Alltag muss die Krankenschwester mit einem niedrigen Gehalt auskommen. Kleider lässt sie sich etwa von einer Bekannten nähen. Auch wenn das nicht Haute Couture war: Sie und ihre Freunde, sagt sie, gefielen sich auch so. Trotz der geringen Einkünfte: Sabine Bechtel erlebt das Jahr 1961 als eine unbeschwerte Zeit. Die Freundschaften aus einer evangelischen Jugendgruppe bedeuten ihr viel, sie feiern so oft es geht.
Im Besitz der Familie Bechtl war ein Radio ( Wikimedia Commons/Norbert Schnitzler)
Sabine Bechl, 1961 (privat)
Ein Campari-Orangensaft kostete 6,- DM (Videostill aus einer Campari-Werbung des Jahres 1961)
Sabine Bechtel hat seit dem Krieg Hüftprobleme, muss an Krücken gehen. Das hindert sie nicht daran 1961 mit dem Fahrrad zu verreisen, zusammen mit einem Freund, quer durch die Schweizer Alpen.
"Ich hätte auch sehr gerne eine Familie gehabt. Ich hätte mir auch damals schon beides nebeneinander vorstellen können aber entweder waren die Männer zu jung [...] und die Männer, die zu mir passten, diese Jahrgänge waren ausgedünnt," erinnert sich Sabine Bechtel.
Der Frauenüberhang, die Hüftverletzung: Folgen des Krieges. Sabine Bechtel wird in ihrem Leben nicht heiraten, keine Kinder bekommen, kein Abitur machen, und kein Studium abschließen. Gerade letzteres bereut sie.
Einnahmen-Ausgaben
(Grafik: Stefan Schmidt | Quelle: Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland)
Ein durchschnittlicher vierköpfiger Haushalt hat nach Abzug von Steuern und Versicherungen 718 DM im Monat zur Verfügung. Fast die Hälfte davon gibt er für Essen, Trinken und Tabak (44,2 Prozent) aus. Wohnung, Heizung und Strom kosten zusammen rund 100 Mark (14,8 Prozent) , Kleidung nicht viel weniger (13,4 Prozent). Für Auto, Motorrad oder Fahrrad werden gerade mal 21 Mark (3,2 Prozent) verwendet. Auf Sparbüchern liegen pro Kopf 1079 DM. Ein halbes Pfund Butter kostet 1,70 Mark, ein Kilo Roggenbrot 84 Pfennig, ein Ei 21 Pfennig.
Wohnung
Die durchschnittliche Wohnung ist 66 Quadratmeter groß, ein Bundesbürger lebt auf 18,6 Quadratmetern. Der Standard ist noch recht einfach, Bad und WC in der Wohnung noch nicht selbstverständlich. Die meisten Wohnungen werden mit Kohleöfen beheizt. Nur 10 Prozent haben eine Zentralheizung. Nur drei Prozent haben eine Heizung, die mit Öl befeuert wird.
Urlaub
Die Deutschen fahren im Urlaub am liebsten in die Berge. Hauptziel im Inland ist das Berchtesgadener Land. Im Ausland ist es Österreich.
Familie
Es heiraten 508.145 Paare, Die Frauen sind dabei durchschnittlich 25,1, die Männer 28,3 Jahre alt. 44.835 Ehen werden geschieden. 1.003.687 Kinder werden geboren, davon 5,7 Prozent nichtehelich.
In der zehnteiligen Serie "Um die 30" schaut DRadio Wissen zurück auf fünf Jahrzehnte privaten Lebens in Deutschland. Menschen aus Ost und West sprechen über ihre persönlichen Erlebnisse, zu dem Zeitpunkt als sie mehr oder weniger 30 Jahre alt waren. Diese Erinnerungen werden ergänzt durch statistische Angaben zum Einkommen, zur Wohnung und zur Familie.
Alle Beiträge unserer Serie "Um die 30" im Überblick.
Best of 2011: Das Gespräch wurde erstmals am 09.11.2011 gesendet.