Wahlzeit Nach der Entscheidung ist vor der Entscheidung
Wie trifft der Mensch eigentlich seine Entscheidungen?
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- Entscheidungen treffen (Visionello | flickr | CC BY-NC 2.0)
Es ist ein Wochenauftakt voller Entscheidungen. In Schleswig-Holstein wurde gewählt. In Frankreich und Griechenland ebenfalls. Und Joachim Löw gibt am Nachmittag (07.05) seinen vorläufigen Kader für die Europameisterschaft 2012 bekannt. Mit den Konsequenzen müssen wir alle leben. Im Tagesthema gehen wir Entscheidungen und der Entscheidungsfindung auf den Grund.
Die alles entscheidende Frage dabei: Wie treffe ich eigentlich die richtige Entscheidungen? Um diese Frage nicht allein beantworten zu müssen, hat sich DRadio Wissen Hilfe geholt: unter anderem von einem Coach, einem Psychologen, einer Neurobiologin und von uns selbst.
Zeit für Intuition
Der Psychologe Tobias Haupt weiß: Intuition und Ratio brauchen einander
Ampeln sollten Autofahrern Entscheidungen abnehmen. Eigentlich. (Arlo Bates | flickr | CC BY-NC-SA 2.0)
Aus dem Bauch, mit den Füßen oder lieber durch den Kopf? Entscheidungen können ganz unterschiedliche Grundlagen haben. Dabei wirken viele Fragen unseres Alltags nicht wirklich komplex: Soll ich jetzt ein Eis essen? Eine vermeintlich simple Denkaufgabe, die sich schnell aus dem Bauch heraus beantworten lässt - ganz allein nach dem Lustprinzip. Schwierig wird es aber, wenn ich damit gegen meine ärztlich verordnete Diät verstoße. Welche Folgen kommen dann auf mich zu?
Gedanken darüber können ganz schön quälen. Kann der Einzelne diese Folgen überhaupt vorhersehen oder macht man sich wieder mal viel zu viele Gedanken? Der Psychologe Tobias Haupt von der Ludwig-Maximilians-Universität in München analysiert unsere und natürlich auch seine eigenen Entscheidungsprozesse. Und hat eine zentrale Botschaft: Es gibt keine richtigen Entscheidungen, nur gute!
Der Kontext zählt
Der Coach Susanne Hillens über die richtige Entscheidung
ja | nein | vielleicht (DRadio Wissen)Man hat immer eine Wahl: Man muss nur mit den Konsequenzen leben. Jeder Mann kennt das: Pissoir oder Kabine? Und dann: stehen oder sitzen? Das Leben ist voller Entscheidungen. Und dabei geht es nicht immer nur um kleine und große Geschäfte. Jeden Tag treffen wir Hunderte von Entscheidungen. Viele davon sind uns gar nicht bewusst. Das ist auch gut so: Denn sonst würden wir nichts schaffen und ständig nur noch nachdenken.
Doch es gibt Entscheidungen, bei denen sich das Grübeln lohnt. Welches Auto soll ich kaufen: neu oder gebraucht? Soll ich einen Job annehmen oder lieber nicht? Das sind Entscheidungen, die unser Leben nachhaltig beeinflussen. Wie man richtige Entscheidungen trifft, weiß Coach Susanne Hillens: "Denn eine Entscheidung ist immer nur im Kontext zu fällen", sagt sie.
Der Superentscheidungssonntag
Schleswig-Holstein, Frankreich und Griechenland haben gewählt -
Anne Christine Heckmann, Thomas Bormann und Matthias Friedrichsen über Ergebnisse und Hupkonzerte
Sozialist Hollande hat sich gegen den konservativen Sarkozy durchgesetzt. (Amine Ghrabi | flickr | CC BY-NC 2.0)Frankreich hat einen neuen Präsidenten und Schleswig-Holstein sowie Griechenland haben eine neues Parlament. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Ist alles so eingetroffen, wie erwartet?
In Frankreich sind die Machtverhältnisse klar: Erstmals seit 17 Jahren errang ein sozialistischer Spitzenkandidat wieder die Mehrheit: François Hollande schlug Nicolas Sarkozy, der als erster Präsident Frankreichs nach nur einer Amtszeit gehen muss und einen Rückzug aus der Politik ankündigte.
In Kiel und Athen sind noch viele Fragen offen: In Schleswig-Holstein etwa ist der Vorsprung der CDU vor der SPD sehr knapp. Nur mit einer knappen Mehrheit könnten die Sozialdemokraten dort ein Regierungsbündnis schmieden, gemeinsam mit den Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband. Die Spitzenkandidaten von SPD und Grünen, Torsten Albig und Robert Habeck, scheinen jedenfalls gewillt, die "Dänen-Ampel" wahr zu machen.
Weitaus komplizierter sind die Ergebnisse der Parlamentswahl in Griechenland. Dort gibt es schlichtweg keine regierungsfähige Mehrheit. Kommunisten und Neonazis gewannen massiv hinzu, die beiden Traditionsparteien wurden abgestraft. Eine von ihnen, die konservative "Nea Democratia", ist trotz großer Stimmverluste stärkste Partei. Sie muss nun versuchen, eine Regierung zu bilden - sonst drohen im Juni Neuwahlen.
Entscheidungen: ja oder nein (NullProzent|Flickr|CC BY-NC 2.0)
Der Fehler passiert schon vor der Entscheidung
Der Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger von Nitzsch spielt es mit uns durch
Bleiben oder gehen? Szene aus der Ausstellung "Baustelle Heimat" in Dresden 2008. (dpa | picture alliance | Ralf Hirschbergerl)
Ja? Nein? Oder jein? Kündigen oder bleiben? Mieten oder kaufen? Geld oder Liebe? Willkommen in der Welt der Wahl. Während die Frage nach dem großen oder kleinen Kaffee meist mit Bravour gemeistert wird, fallen uns schwere Entscheidungen umso schwerer.
Doch was ist die richtige Entscheidung? "Selbst die Politiker gehen solche Entscheidungen falsch an", sagt der Aachener Wirtschaftsprofessor Rüdiger von Nitzsch und verweist auf die Entscheidungslehre. "Es wird meist zwischen zwei Alternativen entschieden. Diese Herangehensweise ist schon der erste Fehler", sagt von Nitzsch. Bevor es zu einer Entscheidung kommen kann, sollte man Ziele formulieren. Wo will ich hin? Was ist mir wichtig? Erst mit diesen Antworten könne die Suche nach Alternativen beginnen.
Der Bauch liegt im Kopf
Die Wissenschaftsjournalistin Kathrin Baumhöfer über die besondere Anatomie der Entscheidung
Entscheidungen: Arbeit für das Gehrin (Spectacles | Flickr | cc-by-2.0)Wenn wir Alternativen abwägen, um Entscheidungen zu treffen, ist das ganze Gehirn beschäftigt - aber vieles davon bekommen wir gar nicht mit.
Die Bereiche im Gehirn, die diese Vorarbeit leisten, sind manipulierbar und stark an guten und schlechten Erfahrungen orientiert. Ein Mensch ohne Gefühle trifft aber deshalb noch lange nicht die besseren, weil ausschließlich rationalen Entscheidungen. Im Gegenteil: Er bleibt im ewigen Für und Wider hängen. Auch wenn unser Gehirn - zumindest Wissenschaftlern - schon vorher verrät, für welche Alternative wir uns entscheiden, bedeutet das noch lange nicht das Ende des freien Willens.
Löws Solo
23 Freunde müsst ihr sein
80 Millionen andere Bundestrainer hätten vielleicht auch anders entschieden. (AP)Jetzt steht es fest: 27 Spieler hat Joachim Löw in einer Vorauswahl für den EM-Kader bestimmt. 23 davon werden im Juni mit nach Polen und die Ukraine gefahren. Welche genau das sein werden, wird erst am 29. Mai feststehen. Wird Joachim Löw wirklich die richtigen Spieler mitnehmen, um den Titel nach Hause zu holen? Einen großen Vorteil hat Löw in diesem Jahr: Die großen Entscheidungen musste er nicht treffen. Schließlich bleibt Michael Ballack definitiv zu Hause. Und auch die Torwart-Position dürfte mit Manuel Neuer sicher besetzt sein.
Doch es geht ums Detail - und ein bisschen auch um die Philosophie des Teams. Soll Löw wirklich mit einem Bayern-Block spielen, der eine lange Saison hinter sich hat - mit Liga, DFB-Pokal und Champions League? Und wie sehen die Alternativen im Kader aus? Müsste nicht der souveräne Meister Borussia Dortmund die zentralen Figur stellen? Schließlich sind Klopps Spieler heiß und hungrig auf den Titel. Genau so wie die 80 Millionen Bundestrainer, die es sich ab dem 8. Juni wieder auf ihrer Couch gemütlich machen. Und genau so kontrovers debattieren, wie die DRadio-Wissen-Redaktion.