Sonntag, 19. Mai 2013

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Wall Street Journal Wirtschaftsportal drängt auf deutschen Markt  

Webschau mit Thomas Reintjes

Ein Screenshot der deutschen Seite des Wall Street Journal.
Jetzt auch in Deutschland: Das Wall Street Journal. (screenshot DRadio Wissen)

Unter der Adresse wsj.de ist nun die deutsche Ausgabe des Wall Street Journal online. Woran sich deutsche Nutzer wohl noch gewöhnen müssen: Die Inhalte sind zum Teil kostenpflichtig.

Die Seite gibt sich seriös: Der Hintergrund ist schwarz, die Hauptspalte weiß, die Textboxen kleinteilig, darüber steht der Schriftzug: "THE WALL STREET JOURNAL". Dazu gibt es aktuelle Börsenkurse und Charts, außerdem Videos und Links auf andere lesenswerte Artikel im Netz.

Im Editorial des Chefredakteurs Knut Engelmann wird erklärt, warum das WSJ jetzt auch auf deutsch erscheint: "Wir haben Hunderte unserer potenziellen Leser gefragt, was ihnen gegenwärtig in der deutschsprachigen Wirtschaftspresse fehlt. Die Antwort kam laut und deutlich: Eine globale Sicht nicht nur auf das, was in Deutschland passiert, sondern auch auf die neuesten Geschehnisse in Washington, London, Tokio und in den aufstrebenden Märkten Asiens oder Lateinamerikas. Diesen Blick über den deutschen Tellerrand hinaus möchten wir Ihnen ermöglichen."

Kooperationen mit deutschen Partnern

Auf der Seite selbst sind die Reaktionen zum Start verhalten: Bisher (11.1.2012, 10 Uhr) gibt es nur drei Kommentare. Aber in deutschen Online-Medien und Blogs ist das WSJ dennoch ein wichtiges Thema. In einem ausführlichen Artikel des Branchendienstes Meedia heißt es, die internationale Ausrichtung der Online-Zeitung könne durch die Übersetzung der Texte des amerikanischen WSJ verwirklicht werden.

Der Deutschland-Bezug der Seite entsteht durch Partnerschaften mit anderen Medien, etwa werden Inhalte von Welt Online übernommen. Wie Meedia weiter erklärt, sei das nichts Ungewöhnliches: "Auch Spiegel Online und Managermagazin.de kooperieren, wie auch Stern.de und FTD.de." Allerdings besteht die deutsche Ausgabe des WSJ nicht nur aus Übernahmen aus den USA und von deutschen Partnermedien. Dem Chefredakteur zufolge schreiben weltweit 2000 Korrespondenten für die Seite. Der Mediendienst kress.de berichtet, dass es neben dem Hauptsitz in Frankfurt und Berlin auch WSJ-Mitarbeiter in Düsseldorf, München und Hamburg gibt.

Konkurrenz in Deutschland ist groß

Für Meedia ist es kaum überraschend, dass ausgerechnet eine Wirtschaftszeitung neu startet: "In kaum einem Segment steckt in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen so viel Potenzial wie im Online-Wirtschaftsjournalismus: Wiwo.de hat gerade seine Seite komplett überarbeitet und eine neue Chefredakteurin eingestellt. FTD.de, Managermagazin.de und Handelsblatt.com können sich über tolle Zuwachsraten in den vergangenen Monaten freuen."

Allerdings, so Meedia, ist gerade im Wirtschaftsjournalismus die Konkurrenz sehr groß: "So kam Handelsblatt.com im Dezember auf 13 Millionen Visits, FTD.de auf 10,6 Millionen, Wiwo.de auf 1,8 und Managermagazin.de auf 7,4 Millionen."

152 Euro für ein Jahr Wall Street Journal

Gerade die Bezahlfunktion erscheint angesichts der Marktmacht der anderen Anbieter im Segment auf den ersten Blick riskant: 12,67 Euro kostet ein monatliches Abonnement, 152 Euro ein ganzes Jahr. Die ersten vier Wochen sind kostenlos. Bis jetzt funktioniert dieses Modell offenbar sehr gut: Robert Thomson, Managing Director des Wall Street Journals, erklärt es so: "Unser immer erfolgreicheres Bezahlmodell gibt uns die Kraft, in den weltweit besten Journalismus zu investieren, während viele andere Medienunternehmen in Europa Druck verspüren, ihre Nachrichtenredaktionen zu verkleinern."

Das Magazin WuV hatte zum Jahreswechsel die Tops und Flops der Bezahlschranken 2011 zusammengetragen: Demnach ist das Wall Street Journal die erfolgreichste Tageszeitung mit einer Million Abonnenten und 65 Millionen Dollar Einnahmen. Zum Vergleich: Die Britische Financial Times verkauft sich an 230.000 Online-Leser. Die Deutschen sind, WuV zufolge, in Sachen Bezahlfunktion im Internet sehr viel zurückhaltender, wie das Beispiel des Springer-Verlags zeigt: Das Hamburger Abendblatt habe gut 3000 Digital-Abonnenten, die Berliner Morgenpost sogar nur gut 1000.

Sebastian Matthes schreibt auf seinem Blog bei der Wirtschaftswoche, dass auch bei bild.de die Bezahlschranke nicht funktioniert habe: "Ein Online-Angebot verdient im Netz erst dann Geld, wenn es den Nutzern einen Mehrwert bietet." Ob es der deutschen Online-Ausgabe des WSJ gelingt, diesen Trend ins Gegenteil zu drehen, ist schwer zu sagen. Immerhin ist auch die Konkurrenz nicht komplett kostenlos. Auch die Financial Times Deutschland verlangt für einen Teil der Inhalte Geld.

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