Montag, 20. Mai 2013

Agenda /

Webschau Immer wieder Stuttgart  

Ein Aufkleber gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 liegt am Samstag (02.10.10) in Stuttgart im Schlamm. Nach einer Grossdemonstration haben sich Teile des Schlossgartens in eine Schlammlandschaft verwandelt. (zu dapd-Text) Foto: Daniel Maurer/dapd
Ein Aufkleber gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 liegt nach einer Demonstration im Schlamm. (AP)

Genauso wenig, wie in Stuttgart am Hauptbahnhof Ruhe einkehrt, verschwindet das Thema aus dem Internet: Stuttgart 21, das Milliarden-Bauprojekt, beschäftigt viele Blogger.

Nico Lumma zum Beispiel schreibt, dass er das alles nicht verstehe – vor dem Hintergrund, dass alles demokratisch beschlossen wurde: "Ehrlich gesagt, ich würde nicht für oder gegen einen Bahnhof auf die Straße gehen. Großprojekte haben nun mal die Eigenschaft, dass sie viel kosten, lange dauern, teurer werden als geplant und dann irgendwann da und egal sind, weil man sich sehr schnell an den neuen Zustand gewöhnt.“

In Berlin habe es auch keine Demos gegen den neuen Hauptbahnhof gegeben und in Hamburg gehe niemand wegen "der viel zu teuren Elbphilharmonie" auf die Straße. Warum ausgerechnet die Stuttgarter die Straßen gar nicht mehr verlassen, wird in den Kommentaren diskutiert: Patrick Breitenbach schreibt dort: "Es geht darum, dass Großteile der Bevölkerung ein Ventil suchen, um zu überprüfen wie viel Einflussnahme sie denn auf politische Entscheidungen heute noch haben.“

Es gehe nur noch um blanke Emotion, wirkliche Argumente würden schon lange nicht mehr ausgetauscht. Als einzigen Ausweg sieht er Mediation, einen Baustopp und einen Austausch der Argumente, dann einen Bürgerentscheid. Und dann schreibt er: "S21 wird beileibe nicht die letzte politische Meinungsverschiedenheit bleiben, das Vertrauen in den Parlamentarismus ist schwer beschädigt.“ Christian Schoepe schreibt auf buibui.de: "Es ist offensichtlich, 'das Volk' [sic!] fühlt sich immer mehr und öfter unverstanden, ungehört und nicht beachtet von seinen Politikern.“

Am Bahnhofsprojekt in Stuttgart manifestiere sich dieser Unmut. Und er vergleicht das mit dem Zugangserschwerungsgesetz – Stichwort "Zensursula", also die Diskussion um Netzsperren. Das Thema selbst sei für viele auch nur ein Randphänomen gewesen. Aber: "Auch damals bestand das größte Ärgernis im Starrsinn der Politiker, die nicht auf Sachverständige und Bürger hören wollten.“

Felix Neumann beschäftigt sich auf seinem Blog fxneumann.de auch mit der Frage, warum das vermeintliche Randthema Stuttgart 21 so viel Aufmerksamkeit bekommt. Er nennt es nicht Unmut, sondern schreibt: "Es geht um Ohnmacht. Es geht um die Ohnmacht, einem politischen Prozess ausgeliefert zu sein, der scheinbar nicht zu beeinflussen ist."

Daraus entwickelt sich dann ein interessanter Artikel, an dessen Ende eine Forderung steht: "Es braucht Mechanismen, wie gesellschaftliche Debatten in politische Entscheidungen übersetzt werden, mit spürbaren Rückkopplungen. Sonst wird aus Ohnmacht Wut, und das schönste repräsentative System nützt auch nichts mehr."

Übrigens gibt es auch eine Politikwissenschaftlerin, die glaubt, dass es in Stuttgart um viel mehr als um einen Bahnhof geht. Antje Schrupp bloggt unter antjeschrupp.com. Als Wissenschaftlerin findet sie spannend, was gerade in Stuttgart passiert. "Es gehört aber zum Wesen von politischen Bewegungen, dass sie sich ungeplant, unerwartet und an unvorhergesehenen Orten formieren. Das gefällt mir gut, weil es die Möglichkeit offen hält, dass auf dem Gebiet der Politik Sachen geschehen können, die nicht der Planung eines Politstrategen entspringen, sondern einem tatsächlichen Bedürfnis von Menschen."

Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist ein Symbol, aber die Protestbewegung selbst nutzt ja auch Symbole für sich: Die Demonstranten skandierten ja schonmal "Wir sind das Volk". Und gestern, am Tag der deutschen Einheit, wurden viele Fotos veröffentlicht, die zeigen, wie in Stuttgart ein hoher, stabiler Zaun um die Baustelle gebaut wird - bewacht von Polizisten. Da wurden Parallelen zu DDR-Grenzanlagen gezogen, aber auch schnell dazugeschrieben, dass es in Stuttgart natürlich keine Selbstschussanlagen gibt.

Ich schreibe wie ...

Das Nerdcore-Blog verweist auf die Seite iwl.me. Auf der Seite gibt es ein großes Textfeld, in das man einen eigenen Text hereinkopieren soll. Und wenn man dann auf "analyze“ klickt, sagt einem die Website, welchem berühmten Autor der eigene Stil ähnelt. Eigentlich funktioniert das nur mit englischen Texten, aber die FAZ fand das Programm wohl ganz lustig und hat es auf deutsche Texte anpassen lassen: "Wenn Sie wissen wollen, ob Sie Stil haben und wenn ja: welchen - dann gibt es jetzt endlich eine absolut sichere und unbestechliche Messmethode."

René Walter vom Nerdcore-Blog hat anlässlich des gestrigen Feiertags mal den Einigungsvertrag in das Programm gefüttert: Der Einigungsvertrag ist im Stil von Karl Marx geschrieben. Also: Das Tool hat einen gewissen Humor. Und natürlich schmeichelt es jedem, der seine Texte dort reinfüttert, denn als Ergebnis bekommt man ja immer den Namen eines berühmten Autors geliefert. Mehr oder weniger berühmt: Jemand names Suppenkazper kommtiert jedenfalls, er schreibe angeblich wie Ildiko von Kürthy, sei aber ein solcher Kulturbanause, dass er erstmal bei Wikipedia nachgucken musste, wer das eigentlich sei. Nämlich die derzeit meistverkaufte deutsche Schriftstellerin.

Nobelpreisträger im Netz

Diese Woche ist Nobelpreiswoche - Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten warten jeden Tag gebannt auf Nachrichten aus Stockholm. Am schnellsten erfährt man natürlich übers Netz, wer für seine Arbeit ausgezeichnet wird. Dabei ist die erste Anlaufstelle ist natürlich nobelprize.org. Auf der Seite gibt es alle möglichen Informationen über den Nobelpreis. Und natürlich kann man hier auch als erstes lesen und sehen, wer die Gewinner sind. Die Bekanntgabe wurde bei Youtube gestreamt. Der Videomitschnitt soll ein paar Stunden nach der Bekanntgabe bei Youtube abrufbar sein - außerdem Interviews mit dem Preisträger Robert G. Edwards. Das Ganze ist als interaktive Plattform gedacht. Die Nutzer sollen den Preisträgern Fragen stellen können - im Dezember, wenn die Preise tatsächlich verliehen werden - sollen sie beantwortet werden.

Außerdem nutzt das Nobelkomitee Twitter und Facebook. Und bei Facebook ist auch Raum für Spekulationen. Eine Stunde vor der Bekanntgabe schrieb schon jemand an die Pinnwand der Nobel-Seite, ob vielleicht diesmal Robert Edwards den Preis bekommen würde.

Auf nobelprize.org erfährt man auch, wofür Edwards ausgezeichnet wird. In der recht ausführlich und verständlich geschriebenen Pressemitteilung ist zu lesen, was Edwards macht, beziehungsweise wie die In-vitro Fertilisation, für die er ausgezeichnet wird, funktioniert. Da erfährt man, dass Edwards schon in den 1950er-Jahren die Vision hatte, unfruchtbaren Paaren mit IVF zu helfen. Die jahrelange Forschung wurde dann von Erfolg gekrönt, als am 25. Juli 1978 das erste Reagenzglasbaby geboren wurde. Seitdem ist Edwards sozusagen Vater von mehr als vier Millionen künstlich gezeugter Babys geworden.

Zum Kommentieren bitte registrieren oder anmelden.

Zu diesem Beitrag gibt es noch keine Kommentare

Wenn Sie Verstöße gegen unsere Kommentar-Regeln feststellen, informieren Sie bitte die Forenadministration per E-Mail.

Beitrag hören

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Agenda

Viele Männer mit Waschbrettbäuchen in Kapuzenjacken von Abercrombie & Fitch

Abercrombie & FitchHauptsache exklusiv

Das Markenimage von Abercrombie & Fitch baut auf Exklusivität - das hat zu einem Shitstorm geführt.

Mehr …

Vier Reclam-Hefte auf grünem Untergrund - darüber steht in schwarzen Großbuchstaben: FUKC.

PflichtlektüreDa krieg' ich Pickel!

Dass Klassiker zur Pflichtlektüre gehören, ist gut. Aber manchmal passen sie nicht zum Lebensgefühl als Schüler.

Mehr …

Von der Seite fotografierter nackter Oberkörper einer Frau; Aufnahme ist unscharf

MedizinBrust raus

Angelina Jolie gilt als Vorbild - für eine schwere und folgenreiche Entscheidung.

Mehr …

Aufnahme einer Zelle unter dem Rasterelektronenmikroskop

StammzellenKlonen - der große Wurf?

Stammzell-Forscher haben erstmals menschliche Stammzellen geklont.

Mehr …

Motiv aus der Plakatkampagne der Digitalen Gesellschaft

NetzneutralitätMit Liebe gegen Drosselkom

Der Protest gegen die Drosselungspläne der Telekom verlagert sich auf die Straße.

Mehr …

Beatrice Egli strahlt in die Kamera

CastingshowsEinmal Star und zurück

Eine Studie hat die Langzeitfolgen von Castingshows erstmals umfassend untersucht.

Mehr …