Sonntag, 19. Mai 2013

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Wikileaks Zukunft der Beschaffung von Information  

Interview mit dem Internetspezialisten Maximilian Schönherr.

Wikileaks-Gründer Julian Assange bei einer Pressekonferenz in London, Großbritannien (23.10.2010)
Wikileaks-Gründer Julian Assange (AP)

Nach der Veröffentlichung von Unterlagen aus dem US-Außenministerium gerät die Enthüllungsplattform unter Druck. DRadio Wissen spricht mit dem Intenretspezialisten Maximilian Schönherr über die Wikileaks-Ethik.

Die Zukunft von Wikileaks ist ungewiss. Erst schaltete Amazon die angemieteten Server ab, dann zog der Internet-Bezahldienst Paypal sein Konto zurück. Gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange wurde ein Haftbefehl erhoben und selbst die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Ein Ansinnen, das der Ideologie von Wikileaks und seiner Unterstützer komplett widerspricht, denn wer Wikileaks verstehen will, muss die Hackerethik kennen.

Die Wikileaks-Ideologie und Hackerethik

Das ideologische Gerüst, das ein Vierteljahrhundert alt ist, gilt als die wichtigste, unbekannte Ideologie des 21. Jahrhunderts. Ihr Schöpfer Steven Levy ist der unbekannteste unter den einflussreichen Theoretikern des 20. Jahrhunderts. Doch was sagt die Hackerethik überhaupt aus? Und in wie weit ist sie relevant für die Informationsbeschaffung der Zukunft?

Computer- und Internetspezialisten Maximilian Schönherr geht von den zwei Hacker-Profilen aus:

Hacker suchen nach Lücken und Schwachstellen in fremden Systemen und Netzwerken. Die Black-Hat-Hacker – die "bösen" Hacker – verkaufen dann die gefunden Informationen oder Daten weiter, haben also ein reines Bereicherungsmotiv. Sie zeichnen sich durch eine kriminelle Energie aus und programmieren beispielsweise Trojaner, die dann private PCs nach Passwörtern ausspähen.

Im Gegensatz dazu bezeichnet man als White-Hat-Hacker, diejenigen, die sich einer gewissen Ethik verpflichtet fühlen. Anfang der 1980er Jahre gab es nur "gute" Hacker. Der Begriff White-Hat-Hacker entstand erst mit dem Aufkommen der Black-Hat-Hacker.

Ein Beispiel für White-Hat-Hacker ist der Chaos Computer Club, der 1981 gegründet wurde. Dieser Club hat eine Hackerethik geschrieben, die für damalige Verhältnisse völlig unverständlich klang, weil es das Internet in der heutigen Form noch nicht gab.

Freier Zugang zu Computern und Information

Überträgt man zum Beispiel den ersten Satz der Hackerethik "Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein", auf Wikileaks, so müsste also der Zugang zu Wikileaks-Seiten und Daten frei zugänglich sein. Amazon, Regierungsvertreter in den USA oder Domain-Servicedienstleister wie everydns versuchen den Zugang zu Wikileaks zu sperren, und verstoßen damit gegen diesen Hackergrundsatz.

Ein weiterer Grundsatz ist die freie Zugänglichkeit von Informationen, die im öffentlichen Interesse stehen. Wikileaks setzt diesen Hackergrundsatz par excellence um.

Einer der rebellischsten Grundsätze ist: Misstraue Autoritäten und fördere Dezentralisierung. Auf hunderten von Webseiten wird Wikileaks und damit die Daten gespiegelt. Eine Dezentralisierung, die Regierungen Sorge bereitet. Eingrenzt wird der Grundsatz durch den Satz: Nütze öffentliche Daten und schütze private Daten.

Die geheimen Diplomatendepechen wurden zwar gestohlen, aber Wikileaks betrachtet diese Depechen nicht als privat, sondern sie sind von den Diplomanten im Rahmen ihrer Amtsausübung verschickt worden und liegen damit im öffentlichen Interesse.

Veränderung der Gesetzgebung

Laut Gesetzgebung ist es verboten, sich auf diese Art und Weise Informationen und Daten zu beschaffen. Daher versucht das Bundesinnenministerium, die Gesetzgebung des Datenschutz hinsichtlich der neuen Möglichkeiten durch das Internet anzupassen. Dass dabei auf die  Hackerethik bei der Gesetzgebung Rücksicht genommen wird, ist nicht zu erwarten. Dennoch haben sich Grundsätze der Hackerethik in Datenschutzregelungen niedergeschlagen, wie beispielsweise die Aufbewahrungszeit von Daten.

Möglicherweise wird auch der Fall Wikileaks in irgendeiner Form Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen, so dass später diese Art der Informationsbeschaffung nicht mehr hochgradig kriminell sein wird, sondern es sich hierbei um eine Art der Aufklärung handelt, die der Allgemeinheit dient.

 

Mehr auf DRadio-Wissen:

Webschau: "Informationskrieg ist ausgebrochen" (06.12.2010)

Internationales Recht: Die Welt fahndet nach Assange (02.12.2010)

Wikileaks: Kritik aus dem Netz (Webschau 30.10.2010)

 

Mehr zum Thema:

hackerethics (Chaos Computer Club)

Wikileaks: Mächtige spüren die Macht der Hacker-Ethik (spiegel.de)

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